Ohne Iod führt die Schilddrüse nichts Gutes im Schilde
Eine vergrößerte Schilddrüse in rund jeder dritten deutschen Kehle sowie etwa 100 000 vermeidbare Schilddrüsenoperationen im Jahr sind so überflüssig wie ein Kropf. Denn eigentlich ist deren Prävention so einfach: Genügend Iod hilft der Schilddrüse, in geregelten Bahnen zu arbeiten. Mit der Iodversorgung scheinen es die Deutschen nicht so genau zu nehmen. Das beweist die Häufigkeit, mit der der Iodmangel-Kropf vorkommt: Rund 30 Prozent der Deutschen tragen ihn vor sich her. In manchen Gegenden kommen bis zu sechs Prozent der Babys mit einem Kropf auf die Welt. Nach Untersuchungen des Bundesgesundheitsministeriums ist die Versorgung zwar besser geworden, aber noch lange nicht gut. Dem Normalbürger fehlen täglich etwa 60 bis 80 µg Iod auf dem Speiseteller; bei schwangeren und stillenden Frauen sind es oft gar 120 bis 140 µg. Wie viel jeder täglich braucht, zeigt die Tabelle:
| Personengruppe | Tägliche Zufuhr von Iod in µg/Tag |
| Säuglinge | 50 - 80 |
| Kleinkinder | 100 - 120 |
| Schulkinder | 140 - 180 |
| Jugendliche | 200 |
| Erwachsene bis 35 Jahre | 200 |
| Erwachsene über 35 Jahre | 180 |
| Schwangere | 230 |
| Stillende | 260 |
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung
Als essenzielles Spurenelement muss Iod mit der Nahrung aufgenommen werden. Jedoch: Das Schmelzen der Gletscher nach der Eiszeit hat Iod aus den Böden ausgewaschen und in die Meere geschwemmt, Intensivanbau und Überdüngung taten ihr Übriges und haben die Ackerböden ausgelaugt. Iod-arme Lebensmittel sind die Konsequenz. Wie kann man dennoch verhindern, in einen Iodmangel hineinzurutschen?
Iodbomben sind eigentlich nur Seefische. 75 Gramm Seelachs, 165 Gramm Kabeljau, 270 Gramm Goldbarsch oder 380 Gramm Hering liefern den Tagesbedarf von 200 µg Iod. Durch Konservierung und kräftiges Kochen kann der Gehalt deutlich abnehmen. Auch Milch und Milchprodukte sind iodreicher als andere Lebensmittel. Mit Gemüse und Obst kommt man dagegen nicht weiter. Beispiel: Acht Kilogramm Gurken oder 200 Birnen am Tag liefern ebenfalls 200 µg Iod, sind aber nicht nur ziemlich einseitig, sondern auch wenig realistisch. Deshalb gilt: Sein wöchentliches Iod-Soll schafft man mit zwei bis drei Fischmahlzeiten pro Woche, täglich Milch und Milchprodukten sowie der Verwendung von Iodsalz. Wer dann noch darauf achtet, beim Bäcker oder Metzger nur Lebensmittel einzukaufen, die mit Iodsalz zubereitet wurden, kann seinem Iodkonto ebenfalls Gutes tun.
Bislang verwendet nur ein Drittel der industriellen Lebensmittelerzeuger das angereicherte Salz. Den staatlichen Behörden ist es nicht erlaubt, Trinkwasser od er Viehfutter mit Iodsalz zu versetzen. Die Iodversorgung erfolgt in Deutschland freiwillig. Deshalb der Tipp: Auf das blaue Iodsiegel in Restaurants und Kantinen sowie bei Bäckereien und Metzgereien achten. Auch gilt es, mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen. Nur Iodsalz im eigenen Haushaltsstreuer reicht für eine gute Iodversorgung nicht aus. Man müsste davon schon fünf bis zehn Gramm am Tag zu sich nehmen, um auf 100 bis 200 µg Iod zu kommen. Das ist wegen der Gefahr einer Blutdruckerhöhung nicht sinnvoll.
Fehlendes Iod via Tabletten ergänzen
Man bezeichnet es auch gerne als Vitamin I der Schilddrüse. Der Wer es nicht schafft, regelmäßig Seefisch auf den Teller und Iodsalz in den Streuer zu bringen, dem raten Apotheker und Ärzte zur täglichen Einnahme von 100 µg Iodid-Tabletten. Iod ist ein natürliches Spurenelement, das jeder Mensch braucht und hat nichts mit Chemie zu tun. Vitamincharakter des Iods begründet sich darin, dass ein Überschuss über die Nieren ausgeschieden wird. Die gesunde Schilddrüse regelt genau, wie viel Iodid sie aus dem Blut aufnimmt.
Wichtigster Adressat für die Einnahme von Iodid-Tabletten sind schwangere und stillende Frauen. Damit sollte die werdende Mutter schon im ersten Schwangerschaftsdrittel beginnen. Um die zehnte Schwangerschaftswoche produziert die Schilddrüse des Embryos nämlich selbst Hormone - wenn das Ungeborene ausreichend Iod aus dem mütterlichen Blut bekommt. Eine ausreichende Iodversorgung ist für die normale Entwicklung des Nervensystems, Körperreifung und -wachstum des Kindes essenziell.
Hormonproduktion auf Hochtouren
Wozu braucht die kleine schmetterlingsförmige Drüse unterhalb des Kehlkopfes das Spurenelement überhaupt? Ihre Zellen, die Thyreozyten, arbeiten wie in einer kleinen Synthesefabrik: Hier werden die zwei Schilddrüsenhormone Triiodthyronin (T3) und L-Thyroxin (T4) produziert. Beide enthalten Iod. Die Thyreozyten reichern Iodid aus dem Blut an. Anschließend erfolgt die Oxidation des Iodids zu Iod und die Anlagerung von Iodatomen. Über mehrere Stufen entsteht so die Speicherform der Hormone, aus der sie bei Bedarf freigesetzt und in das Blut abgegeben werden.
Sieht es mit dem Iodangebot im Blut mau aus, können die Thyreozyten nicht mehr genügend Hormone produzieren. Die Schilddrüse versucht zu kompensieren. Völlig nutzlos werden zur vermeintlichen Erhöhung der Hormonproduktion neue Drüsenzellen gebildet. Das ist wenig effektiv, da es am Rohstoff Iod mangelt. Resultat ist eine vergößerte Schilddrüse, die auch als Struma oder Kropf bezeichnet wird.
Über kurz oder lang kommt es zu knotigen Veränderungen. "Kalte Knoten" sind funktionsloses Gewebe, das entarten kann und deshalb beobachtet werden muss. Heiße Knoten produzieren unkontrolliert Hormone, sobald Iod auf sie einstürmt. Sie werden auch autonome Adenome genannt, weil sie so viel Hormone bilden können, dass sich eine Schilddrüsen-Überfunktion (Hyperthyreose) entwickelt. Das Überangebot an T3 und T4 treibt Stoffwechselprozesse an, der Energieumsatz im Organismus wird in die Höhe geschraubt. Dies erklärt, warum Patienten mit einer Überfunktion oft an Herzklopfen und Durchfall leiden und mit Schlaflosigkeit und Unrast zu kämpfen haben. Umgekehrtes gilt für die Unterfunktion, die Hypothyreose: Die Betroffenen sind oft übergewichtig, leicht ermüdbar und leiden an Verstopfung. Ohne Iod fühlt sich der Betroffene wie ein Auto ohne Treibstoff.
Hat sich ein Kropf gebildet, gilt es, so früh wie möglich zu therapieren. Beim Arzt kann man den Iodstatus bestimmen und die Schilddrüse untersuchen lassen. Ziel ist es, die Drüse wieder auf Normalgröße zu schrumpfen. Bei jungen Menschen gelingt dies oft mit Iodid-Tabletten. Die Dosis legt der Arzt fest. Wenn dies nicht ausreicht, verordnen Mediziner L-Thyroxin oder eine Kombination aus beiden.
Mitunter kann ein langjähriger Iodmangel auch eine Operation an der kleinen Drüse erforderlich machen. Das ist immerhin etwa 100000-mal pro Jahr in Deutschland erforderlich. So ist eine Operation unumgänglich, wenn die vergrößerte Schilddrüse auf benachbarte Organe wie die Luftröhre drückt, wenn einzelne Areale Unmengen an Hormonen produzieren und somit zur Überfunktion führen, bei speziellen knotigen Veränderungen oder bösartigen Geschwulsten. Auch nach der Operation kommt man um Iod nicht umhin, denn meist wird nicht das gesamte Schilddrüsengewebe entfernt.
