Jod ist noch nicht im Lot

Der Jodmangel ist ein naturbedingtes Phänomen, das nicht wirklich behoben, wohl aber durch eine gezielte Prävention ausgeglichen werden kann. Als Mittel der Wahl empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Jodsalzprophylaxe, d.h. die bedarfsgerechte Anreicherung des Speisesalzes mit Jod, wie dies auch in Deutschland praktiziert wird. Die Beseitigung des Jodmangels und daraus resultierender Jodmangelkrankheiten bleibt dem WHO-Bericht "Iodine status worldwide" vom Dezember 2004 zufolge weiterhin vorrangiges Ziel der WHO.
Jodversorgung - immer noch Versorgungslücken
Erstmals wies die WHO 1960 in einem Bericht auf die weltweite Jodmangelsituation hin. Erst 1990 entschlossen sich die 192 UN-Mitgliedsstaaten in einer Gemeinschaftserklärung, dem Jodmangel konsequent zu begegnen und jodmangelbedingte Gesundheitsprobleme auszuräumen. Auch Deutschland hatte sich damals verpflichtet, den Jodmangel bis zum Jahr 2000 zu beseitigen. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht. 1993 wurde von der WHO ein Datenerfassungssystem eingerichtet, über das seitdem weltweit Daten zur Jodversorgung gesammelt werden. 2002 wurde darüber hinaus ein entsprechendes globales Netzwerk etabliert, um vor allem die Jodmangelsituation von (Schul)-Kindern und Müttern zu verbessern.
Inzwischen lassen 126 Länder einen Einblick in die Gesundheitssituation ihrer Bevölkerung zu. In 43 dieser Länder ist die Jodversorgung der Menschen ausreichend. In 29 liegt sogar eine reichlich bis überreichliche Jodaufnahme vor, letzteres trifft beispielsweise zu, wenn regelmäßig reichlich Fisch oder aber bestimmte Algenprodukte (Asien) verzehrt werden. In 40 Ländern konnte der Jodmangel abgemildert (Grad I) werden, aber in 14 Ländern der Erde war noch ein Jodmangel schweren Ausmaßes zu verzeichnen.
WHO fordert nachhaltige Verbesserung der Jodversorgung
Alles in allem ist diese Zwischenbilanz positiv, aber nur ein Etappenziel auf dem Weg zu einem dauerhaften Ausgleich des Jodmangels. Deshalb drängt die WHO mit einem "Nachhaltigkeitskonzept der Jodmangelprävention" zu einer weiteren Verbesserung der Jodversorgung. Sie versteht darunter eine konsequente, dauerhafte und universelle Jodsalzverwendung in mehr als 90 Prozent der Privathaushalte, in allen (mehr als 95 Prozent) Bereichen der Lebensmittelherstellung und des Speisenangebots, und zwar mit einer Jodanreicherung von mindestens 15mg/kg Speisesalz (=15 Mikrogramm/g Salz). Ziel dieses Konzepts ist eine altersgerechte Jodversorgung und die Vermeidung von Schilddrüsenveränderungen sowie von angeborenen Schilddrüsen-Unterfunktionen bei Neugeborenen.
WHO-Bericht 2004 - für Deutschland noch keine Entwarnung
Nach dem Bericht "Jodversorgung weltweit" der WHO vom Dezember 2004 gilt in Europa die Bevölkerung in 15 Ländern als ausreichend versorgt. In 19 Ländern herrscht ein milder Jodmangel (Grad I), in weiteren ein gravierendes Joddefizit (Grad II/III). Von 14 Ländern liegen keine Angaben vor. Bei keinem der europäischen Länder gibt es Hinweise für eine überhöhte und risikoreiche Jodaufnahme der Bevölkerung. Entsprechende Behauptungen bezüglich einer vermeintlichen "Jodschwemme" in Deutschland sind demnach nicht haltbar.
Dem Bericht zufolge haben in Deutschland 27 Prozent der 6- bis 12-jährigen Schulkinder eine unzureichende Jodversorgung (Jodmangel Grad I/II). Das entspricht bundesweit etwa 1,3 Millionen Kindern. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands gelten dem WHO-Bericht zufolge 22,3 Millionen Bundesbürger als Jod-unterversorgt.
Dass die Ergebnisse dieses Berichts für Deutschland zum Teil anders interpretiert werden, liegt vor allem an fehlenden Daten. So lagen der WHO für Deutschland nur die Ergebnisse einiger regionaler Studien von Schulkinderuntersuchungen vor, bei denen im Mittel eine ausreichende Jodaufnahme gemessen wurde. Daten anderer Bevölkerungsgruppen konnten nicht herangezogen werden, da in Deutschland ein für die Bevölkerung insgesamt repräsentatives Monitoring zurzeit erst in Arbeit ist.
Jodmangelbedingte Schilddrüsenveränderungen
Auch aktuelle Untersuchungen in Deutschland dokumentieren, dass sich die Jodversorgung hierzulande zwar spürbar verbessert hat, aber der Jodmangel noch nicht vollständig ausgeglichen ist. So zeigt die Papillon-Studie (2004), eine betriebsärztliche Untersuchung an über 96.000 Erwerbstätigen, dass ein Drittel der Männer und Frauen (18-65 Jahre) jodmangelbedingte Schilddrüsenveränderungen (Knoten, Kropf) hat. Als positives Signal der Papillon-Studie wird wiederum bewertet, dass krankhafte Schilddrüsenbefunde bei den jüngeren Arbeitnehmern wesentlich seltener sind, weil diese bereits von der verbesserten Jodversorgung profitieren.
Auch Allgemeinmediziner stellen nach wie vor Jodmangelprobleme bei ihren Patienten fest. So ergibt eine aktuelle Untersuchung aus Gütersloh, dass nur etwa 28 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen ausreichend versorgt sind, jedoch 54 Prozent bzw. 53 Prozent der Männern und Frauen einen Jodmangel Grad I und weitere 18 Prozent bzw. 11 Prozent ein gravierendes Joddefizit haben.
Besonders ausgeprägt ist der Untersuchung zufolge der Jodmangel bei Schwangeren und Stillenden. Ihnen wird deshalb empfohlen, zusätzlich täglich mindestens 100 Mikrogramm Jod in Tablettenform aufzunehmen, um ihren erhöhten Bedarf zu decken.
Empfehlungen zur Jodversorgung
Auch wenn sich die Jodversorgung in Deutschland in den letzten Jahren – insbesondere bei Schulkindern - wesentlich verbessert hat, muss der kontrollierte Ausgleich des Jodmangels mit jodhaitigen Lebensmitteln wie Seefisch und Milch und mit jodiertem Speisesalz (Jodsalz) - sowie damit hergestellten Speisen und Lebensmitteln - und zusätzlich Jodtabletten bei Schwangeren und Stillenden - unbeirrt fortgesetzt werden, um die Nachhaltigkeitskriterien der WHO zu erfüllen.
Diese Forderung des Arbeitskreises Jodmangel deckt sich auch mit dem aktuellen Ernährungsbericht 2004 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) e.V., in dem der Jodversorgungsstatus in Deutschland ebenfalls als unzureichend bezeichnet wird. Es wird deshalb auch gefordert, "dass die allgemeine Verwendung von Jodsalz im Privathaushalt, in der Gemeinschaftsverpflegung und bei der industriellen und handwerklichen Herstellung von Lebensmitteln oberste Priorität behalten muss. Regelmäßiger Verzehr von Seefisch und Milch unterstützt diese Maßnahme, kann aber die Verwendung von Jodsalz und damit hergestellten Lebensmitteln nicht ersetzen", wie es in dem Bericht weiter heißt. (AKJ)
