Mit Bewegung gegen den Hüftspeck

Sport und Übergewicht: was auf den ersten Blick unvereinbar erscheint, stellt sich bei näherer Betrachtung als eine der wichtigsten Massnahmen für die Gewichtsreduktion und -kontrolle dar. Nur gilt es dabei besondere Umstände des Übergewichtigen zu berücksichtigen.

Gewicht und Fettverteilung

In vielen Industrienationen ist das durchschnittliche Körpergewicht als Folge erhöhter Kalorienzufuhr und reduzierter körperlicher Aktivität kontinuierlich im Steigen begriffen (ca.


2 kg pro Jahrzehnt), entsprechend nimmt auch die Zahl der Übergewichtigen und der schwer Übergewichtigen ständig zu. Im Schnitt ist rund 20 Prozent der europäischen Bevölkerung übergewichtig. Als Messgrösse des Körpergewichts dient der sog. Körpermassenindex (oder Body Mass Index, BMI): Die Normwerte sind für Frauen und Männer identisch. Für das Krankheitsrisiko ist das Muster der Fettverteilung wichtiger als das absolute Körpergewicht. Fettansammlung im Bauchbereich ist mit höheren Risiken für Diabetes und Herzerkrankungen verbunden als Fettverteilung an den Extremitäten. Das Verhältnis des Umfanges von Taille zu Hüftumfang (in cm) gibt darüber Auskunft und sollte im Normalfall für Männer unter 0,95 und für Frauen unter 0,85 betragen. Übergewichtige sind nicht einfach "selber Schuld". Das Fettgewebe bildet verschiedene Hormone und Botenstoffe, deren Rolle nicht ganz klar ist, die aber für die Zunahme der Fettpolster verantwortlich scheinen. Die Regulation des Körpergewichtes ist bis heute nicht ganz verstanden. In 30 bis 40 Prozent der Fälle von Übergewicht sind genetische Faktoren, also Vererbung, mitbeteiligt, der Rest wird durch Verhalten und Lebensstil verursacht.

Von verschiedenen Seiten an die überflüssigen Pfunde

Im Wissen um die Komplexität des Problems Übergewicht wird heute eine mehrgleisige Behandlung bevorzugt, die neben der klassischen Ernährungsberatung auch eine adäquate körperliche Aktivität und mentale Massnahmen zur bleibenden Verhaltensänderung umfasst. Das Ziel der Behandlung muss darin bestehen, realistische Vorgaben zu erreichen. Das erreichen eines Normalgewichtes wäre zwar wünschenswert, ist aber für den Übergewichtigen meist nicht realistisch. Auch eine vergleichsweise geringe Gewichtsabnahme von zirka 10 Prozent des Ausgangs-gewichtes ist bereits mit einer deutlichen Senkung der begleitenden Krankheitsrisiken verbunden. Jedes Kilo zählt. Eine geringe und kontinuierliche Gewichtsabnahme von 1 bis 2 kg pro Monat ist auf Dauer erfolgversprechender als ein rascher Gewichtsverlust in kurzer Zeit, der meist einem (ungewollten) Verlust von Wasser- und Muskelgewebe entspricht. Gewicht verlieren ist nicht schwer, ein tieferes Gewicht zu halten aber sehr!

Nicht bloss Kalorien zählen

Die Grundlage der Behandlung des Übergewichtes stellt nach wie vor die Ernährungsberatung dar mit der Absicht, eine ausgewogene, fettreduzierte Ernährung zu erreichen, Massnahmen gegen Verhaltensfehler (Naschen, Fresssucht, Frustessen etc.) aufzuzeigen, was immer individuell erfolgen muss, um das Verständnis für die Verhaltensänderung und die Motivation zu festigen. In einige n Fällen ist der gezielte Einsatz von Medikamenten zur Verminderung der Fettresorption im Darm oder zur Vermittlung eines rascheren Sättigungsgefühles indiziert. Operative Massnahmen, wie das Anlegen eines Magenbandes oder das Absaugen von Fettzellen (meist auch in kosmetischer Absicht!) sollten hingegen extrem Übergewichtigen nach mehreren fehlgeschlagenen Therapieversuchen vorbehalten bleiben. Das Angebot verschiedener Diäten "von der Stange" ist ebenso breit wie wirkungslos. Der an eine gegebene Kalorienzufuhr gewohnte Körper wird auf die alleinige Kalorienreduktion mit einer Einschränkung seines Kalorienverbrauches reagieren. Die Folge ist ein meist das Einpendeln des Kalorienumsatzes auf ein tieferes Niveau ohne messbare Auswirkungen auf das Körpergewicht. Um so wichtiger ist es deshalb, die reduzierte (bzw. optimierte) Kalorienaufnahme durch die Ernährungsumstellung mit einem angepassten körperlichen Aktivitätenprogramm zu kombinieren und dadurch den Kalorienverbrauch zu steigern. Damit wird der Körper gezwungen bei auf dem tieferen Niveau eingependelter Kalorienbilanz die körpereigenen (Fett)Reserven anzugreifen. Die Kunst der Gewichtsabnahme besteht darin, über längere Zeit mehr Kalorien zu verbrauchen als über die Nahrung aufgenommen werden (= negative Kalorienbilanz) ohne eine Mangelernährung oder Beschwerden des Bewegungsapparates zu erleiden.

Sport: der Wille wäre zwar vorhanden, aber...

Bei der Wahl geeigneter körperlicher Belastungsformen gilt es zu berücksichtigen, dass Übergewichtige durch die konstant erhöhte Gewichtslast ihre Gelenke deutlich mehr beanspruchen und dass für sie vergleichsweise niedrige Belastungen bereits hohe Intensitäten darstellen. Was für einen Normalgewichtigen locker im "Sprechtempo" vollbracht wird, führt beim Übergewichtigen bald einmal zu heftigem Keuchen und Atemnot. Dieser Umstand ist deshalb von Bedeutung, als eine wenig intensive körperliche Belastung das Verbrennen von Fetten beabsichtigt, bei intensiveren Belastungen aber überwiegend Kohlenhydrate(und bei schlechtem Trainingszustand zunehmend anaerob) zur Deckung des Energiebedarfes verwertet werden! Daran scheitern viele Übergewichtige, die sich in guter Absicht sportlich betätigen wollen, sich aber dabei rasch überfordern und deshalb kaum einen wirksamen Kalorienverbrauch erzielen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der, dass Fette überwiegend in der Muskulatur verwertet werden, eine Zunahme der Muskelmasse also das Potential der Fettverbrennung (unter Belastung und in Ruhe) wesentlich steigern kann. Dies wiederum ist durch Kraftttraining am effizientesten möglich, wobei Krafttraining aber nur ausnahmsweise zu den heute empfohlenen Belastungsformen für Übergewichtige gehört, obwohl gerade an Widerstandsgeräten die Last sehr fein eingestellt und an die individuellen Voraussetzungen angepasst werden könnte! Das Wissen um die genannten Umstände steigert die Erfolgsaussichten einer Gewichtsreduktion und dieser Erfolg ist Motivation und letztlich für die Festigung aller gewichtsreduzierenden Massnahmen entscheidend.

Fazit

Die Behandlung des Übergewichts muss auf mindestens drei Ebenen (Ernährungsberatung, Essverhaltensänderung, körperliche Aktivität) ablaufen. Sie stellt an den Abnahmewilligen in der Regel hohe psychische und physische Anforderungen und kann sehr zeitaufwendig sein. Die hohe Misserfolgsrate in der Behandlung des Übergewichtes und dessen grosse Risiken für Begleiterkrankungen rechtfertigen aber diesen Einsatz und ist die Grundlage für den langfristigen Erfolg. Bei entsprechender Anpassung der körperlichen Intensität ist eine Überlastung von Herz-Kreislauf und Gelenken leicht zu vermeiden und die erzielten Trainingsfortschritte motivieren zu einer bleibenden Verhaltensänderung. Das Therapieziel ist nicht die Rückkehr zum Idealgewicht, sondern das langfristige Halten eines reduzierten Körpergewichtes.




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