Jodmangel - Deutschland unter Zugzwang

1990 wurde von der UN der Entschluss gefasst, bis 2000 weltweit den Jodmangel zu beseitigen. In Deutschland ist dies leider nicht gelungen. In neuesten Untersuchungen (Papillon-Studie) wurde bei 33,2 % der Bevölkerung eine Schilddrüsenvergrößerung entdeckt, bei 8,8 % der Deutschen Knoten in der Schilddrüse. Etwa jeder dritte Erwachsene zeigt also Zeichen des Jodmangels. Deutschland darf jetzt bis 2005 "nachbessern".
Der festgestellte Jodmangel macht in Deutschland jährlich etwa 100.000 Schilddrüsenoperationen und 35.000 Radiojodbehandlungen notwendig. Damit wird das Gesundheitswesen mit etwa einer Milliarde Euro pro Jahr belastet. Aber es besteht Hoffnung: Denn die bisherigen Präventionsmaßnahmen beginnen zu greifen. Das zeigt sich daran, dass sich die Jodaufnahme gegenüber 1975 nahezu verdoppelt hat. Es gibt nur noch selten Neugeborenen-Kröpfe, und Schulkinder haben heute weitgehend gesunde Schilddrüsen.
Vollwertige Ernährung und Jodsalz
Dafür fehlt Jugendlichen und Erwachsenen noch durchschnittlich etwa ein Drittel der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Zufuhrmenge. Schwangere und Stillende, die Jod für zwei benötigen, haben ein noch größeres Defizit, wenn keine zusätzliche Prophylaxe mit Jodidtabletten erfolgt. Das bedeutet ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten und Entwicklungsstörungen beim Neugeborenen. Deshalb ist die erfolgreiche Jodmangelprophylaxe fortzusetzen.
Prof. Dr. Helmut Erbersdobler, Präsident der DGE, hält die Nährstoffzufuhr bei vollwertiger Ernährung nach den zehn Regeln der DGE für die meisten Bevölkerungsgruppen für ausreichend. Doch in der Praxis lasse die Versorgung mit bestimmten Nährstoffen zu wünschen übrig. Deshalb habe sich die Anreicherung des Speisesalzes mit Jod und indirekt damit zubereiteter Lebensmittel inzwischen als erfolgreich erwiesen. Erwägenswert ist auch eine Anreicherung ausgewählter Grundnahrungsmittel (Mehl, Salz) mit Folsäure, um Neuralrohrdefekte in der Frühschwangerschaft und erhöhte Homocysteinwerte im Blut zu verhindern.
Empfehlungen der DGE
Zur Stabilisierung und weiteren Verbesserung der Jodzufuhr empfiehlt die DGE, wöchentlich ein- bis zweimal Seefisch zu verzehren und jodiertes Speisesalz zu verwenden. Nach der Zielsetzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte Jodsalz oder fluoridiertes Jodsalz in mehr als 90 Prozent der Privathaushalte verwendet werden, gegenwärtig sind es in Deutschland erst 80 Prozent.
Die Devise des Arbeitskreises Jodmangel lautet deshalb: Wenn Salz - dann Jodsalz. Dieses Motto müsse auch für Kantinen, Mensen und die Gastronomie, ebenso wie für das gesamte Sortiment von Bäckern und Fleischern gelten. Außerdem müsste die Ernährungsindustrie den Anteil mit Jodsalz hergestellter Lebensmittel von jetzt 35 auf 70 Prozent verdoppeln, um eine optimale Jodversorgung für die gesamte Bevölkerung zu erreichen.
Dies scheitert gegenwärtig jedoch daran, dass in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten unterschiedliche Jodsalzverbindungen und Höchstmengen vorgeschrieben sind. Daraus leiten sich Handelshemmnisse ab, die dazu führen, dass international agierende Lebensmittelhersteller größtenteils kein Jodsalz bei der Herstellung ihrer Produkte verwenden. Risikogruppen wie Schwangere und Stillende sollten i hren erhöhten Bedarf nach Rücksprache mit dem Arzt zusätzlich mit Jodidtabletten decken, gegebenenfalls auf eigene Kosten.
Wieviel Jod braucht der Mensch ?
Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
| Altersgruppe | Tägl. Jodmenge in Mikrogramm |
| Säuglinge bis 1 Jahr | 50 bis 80 |
| Kinder, 1bis 9 Jahre | 100 bis 140 |
| Kinder, 10 bis 12 Jahre | 140 bis 180 |
| Jugendliche, 13 bis 18 Jahre | 200 |
| Erwachsene bis 50 Jahre | 200 |
| Schwangere | 230 |
| Stillende | 260 |
Welche Nahrungsmittel sind geeignet ?
Besonders reich an Jod sind Nahrungsmittel , die aus dem Meer stammen. Ebenfalls jodreicher als andere Nahrungsmittel sind Milch- und Milchprodukte. Der Jodgehalt von allen anderen Lebensmitteln ist dagegen gering. Achten Sie deshalb darauf beim Einkauf auf Waren, die mit Jodsalz hergestellt werden. Viele Bäcker und Metzger benutzen Jodsalz, schauen Sie nach dem "Jodsiegel" oder auf das Zutatenverzeichnis.
Gibt es eine Überdosierung mit Jod?
Bedenken wegen möglicher Risiken der Jodmangelprophylaxe räumt Prof. Dr. Rolf Großklaus, Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin, aus. Über Jodsalz werden nur 100 Mikrogramm Jod aufgenommen, von denen keinerlei gesundheitliche Risiken ausgehen. Deshalb könne Jodsalz von allen Menschen uneingeschränkt verwendet werden. Sorgen bereitet vielmehr der von der EU-Kommission vorgelegte Entwurf einer Richtlinie über den Zusatz von Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Zusatzstoffen zu Lebensmitteln, der jetzt einheitliche Regelungen für die freiwillige Anreicherung von Lebensmitteln schaffen soll.
Der Arbeitskreis Jodmangel gibt zu bedenken, dass die direkte Jodanreicherung von Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs einen Systemwechsel bedeuten würde. Eine Gesundheitsgefährdung durch eine unkontrolliert hohe Jodzufuhr könne nicht ausgeschlossen werden, weil diese Lebensmittel in beliebiger Menge konsumiert werden. Der Jodanteil im Speisesalz hingegen sei so berechnet, dass keine Überdosierung erfolgt, auch wenn alle Lebensmittel mit Jodsalz hergestellt würden. Aus diesem Grunde fordert der Arbeitskreis Jodmangel, dass die Verwendung von Jod ähnlich wie bei Fluorid auf Salz beschränkt bleibt, wie dies u. a. auch die Weltgesundheitsorganisation und die Unicef befürworten.
Autor/Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
