Es war einmal... Märchen kommen nie aus der Mode

Die Welt der Märchen ist gleichzeitig grausam und wunderbar: Am Ende gewinnen immer die Guten, und die Bösen erhalten ihre gerechte Strafe. Märchen erzählen von Problemen zwischen Eltern und Kindern, von Geschwisterneid, von Reichtum und Armut, von Glück und Pech. Sowohl die alten Märchen der Gebrüder Grimm als auch moderne Märchen ziehen im Zeitalter von Fernseher und Computer Kinder und Erwachsene immer noch in ihren Bann. Sozialarbeiterin Gertrud Brück-Gerken tritt auch als Märchenerzählerin vor Publikum auf. Sie sagt, warum Märchen auch heute noch für die kindliche Entwicklung so wichtig sind.

Mit Märchen Gefühle ausleben

"Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" – so lautet das Ende der meisten Märchen. Märchenerzählerin Gertrud Brück- Gerken: "Für Kinder ist es ganz wichtig, dass im Märchen immer das Gute siegt."

Märchen geben den Zuhörern auch die Möglichkeit, Gefühle auszuleben, die in der Wirklichkeit nicht erlaubt oder zumindest nicht gefragt sind. "Kinder finden ihre Eltern ja manchmal ganz schrecklich. Dann wünschen sie ihre Mama auf den Blocksberg oder dass der Papa tot wäre. In den Märchen geschehen solche Dinge. Die Kinder können sich an eine negative Figur anhängen, ohne dass ihnen etwas passiert", erklärt Gertrud Brück-Gerken.

 

Im Reich der Fantasie

Mit der Wirklichkeit haben Märchen nur insofern etwas zu tun, als Konflikte oder schwierige Situationen beschrieben werden. Die Lösung liegt jedoch im Reich der Fantasie: Zauberer, Feen, Hexen und Kobolde lenken die Geschicke der Menschen, die manchmal übermenschliche Kräfte entwickeln und mit viel List und Tücke handeln müssen. "Märchen regen die Fantasie an und helfen, über die Grenzen hinaus zu denken", meint Gertrud Brück-Gerken.

 

Mut machen

Das gilt für die alten Märchen, die die Gebrüder Grimm zusammengetragen haben, genauso wie für moderne Märchen von Michael Ende oder Astrid Lindgren. Deren Figur Pippi Langstrumpf kann Kindern Mut machen: Sie meistert ihr Leben ohne Eltern, ist immer fröhlich und so stark, dass sie sogar ihr Pferd, den "Kleinen Onkel" in die Luft stemmen kann. Mit den Erwachsenen geht sie unbefangen und ziemlich respektlos um, denn in ihrer Welt gibt es keine Vorschriften.

 

Gemeinsames Erleben zählt

Ob Märchen und fantastische Geschichten erzählt, vorgelesen oder gemeinsam gelesen werden, ist nebensächlich. "Durch das gemeinsame Erleben von Eltern und Kindern oder auch einem Babysitter und den Kindern wird ein Heimatgefühl aufgebaut, das für Kinder existentiell wichtig ist, um irgendwann erwachsen werden zu können", erklärt Gertrud Brück-Gerken.

Ein spezielles Alter für Märchen gibt es nach ihrer Erfahrung nicht – in der Pubertät finden Jugendliche Märchen allerdings vorübergehend nicht besonders schick. "Kinder, die früh Märchen gehört haben, greifen auch später wieder darauf zurück. Sie sind dann häufig für die seelische Hygiene da: Wenn es den Kindern schlecht geht, können sie das Märchenbuch aus dem Regal ziehen, ohne dass es groß bemerkt wird. Und auch als Erwachsene haben sie dann Freude an Märchen."

 

Rumpelstilzchen ist Favorit

Das Lieblingsmärchen der Märchenerzählerin Gertrud Brück-Gerken ist übrigens Rumpelstilzchen: "Ich finde es immer wieder toll, wenn Rumpelstilzchen seinen Namen nicht preisgeben will. Und die Müllerstochter ist mir ans Herz gewachsen, die ja versucht, es dem König recht zu machen." Der hat mit dem Müller vereinbart, dass er dessen Tochter heiratet, wenn sie ihm aus Stroh Gold spinnt. Das gelingt allerdings nur mit Hilfe der magischen Kräfte von Rumpelstilzchen, das als Lohn das erste Kind des Königspaares fordert.

Märchen regen die Fantasie an und so weicht Gertrud Brück-Gerken beim Erzählen von Rumpelstilzchen auch schon mal von der Vorlage ab. "Ich habe das mal gespielt und dann gesagt: Hier hast du dein Gold, König, das kannst du behalten. Aber mit dir will ich nichts mehr zu tun haben." (psg)