Wann die Mutter ihr Baby lieben lernt
Ein Kind zu haben bedeutet, sein Herz außerhalb des Körpers zu tragen, sagt ein Sprichwort. Wie wahr. Kein Gefühl ist so innig wie die Mutterliebe. Sie sorgt dafür, dass die Mutter all ihre Zeit, Energie und Fürsorge dem Kind zuwendet und lernt, in der Interaktion mit dem Kind ihre mütterlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Wie Mutterliebe entsteht und warum sie ein raffinierter Trick der Natur ist.
So entsteht Mutterliebe
Es ist einer dieser Momente, der alles verändert. Wenn eine Mutter nach der Geburt zum ersten Mal ihr Kind im Arm hält und da plötzlich ein neues, besonderes Gefühl ist: Mutterliebe. Wissenschaftler sprechen von Bonding – und diese erste Bindung zwischen Mutter und Kind ist prägend für unser ganzes Leben. Sie vermittelt dem Baby Sicherheit, Orientierung und entscheidet über seine weitere Entwicklung. Dieses stärkste aller Gefühle, das in Intensität und Dauer selbst das Ideal der Liebe – die romantische Liebe – übertreffen kann, ist nüchtern betrachtet nur ein Trick der Natur.
Mutterliebe sorgt dafür, dass Frauen sich selbst unter schwierigen Bedingungen wie Schlafentzug und Stress um ihr Kind kümmern, es beschützen und aufziehen. Prägend für die Entstehung der Mutterliebe ist ein Hormoncocktail. Zum einen schüttet der Körper der Mutter während der Geburt viele Endorphine aus, die ähnlich wie Morphin schmerzlindernd wirken und eine Art Rausch auslösen – deshalb sind die Wehenschmerzen oft sofort nach der Geburt vergessen. Zum anderen produziert der Körper bei der Weitung des Muttermunds und beim ersten Stillen verstärkt das Bindungshormon Oxytocin.
Die Mutter-Kind-Bindung kann man auch erlernen
Der Spiegel des Botenstoffs im Blut steigt schon während der Schwangerschaft an. Eine werdende Mutter kann also schon vor der Geburt die Bindung zu ihrem Kind stärken. Indem sie mit ihm redet oder es durch die Bauchdecke streichelt. Und indem sie Stress, der wiederum Adrenalin und Cortisol im Körper von Mutter und Kind verbreitet, möglichst reduziert. „Die Säuglinge von ängstlichen Schwangeren reagieren nach der Geburt viel stärker auf Reize und leiden häufiger an Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen. Sie brauchen auch längere Zeit, um sich wieder beruhigen zu lassen, wenn sie weinen“, erklärt Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Oberarzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Brisch hat das bundesweite Präventionsprojekt „Safe –Sichere Ausbildung für Eltern“ entwickelt. Hier werden Eltern von der Schwangerschaft bis zum Ende des ersten Lebensjahres beim Aufbau einer sicheren Eltern-Kind-Bindung unterstützt. Denn diese lässt sich auch erlernen. Deshalb ist es möglich, adoptierte Kinder genauso liebevoll aufzuziehen wie leibliche. Und Väter, denen der Hormoncocktail der Schwangerschaft fehlt, erlernen dennoch die Bindung zum Kind durch Erfahrung – was ihren Oxytocinspiegel steigen lässt.
Eine sichere Bindung ist gut für die Entwicklung
Warum genau ist eine gute Mutter-Kind-Bindung nun so entscheidend für unser Leben? Sie ist die Gefühlsbasis, auf der sich alle weiteren emotionalen und bindungstechnischen Fragen unseres Lebens entwickeln. Mutterliebe steuert unsere Empathie, unser soziales Talent und die Art, wie wir als Erwachsene die romantische Liebe leben. So haben Menschen, denen es als Erwachsenen schwerfällt, sich auf eine längerfristige, ernsthafte Beziehung einzulassen, als Kind oft keine sichere Mutter-Kind-Bindung erfahren.
Letztlich prägt die Mutterliebe auch, wie wir mit den Hürden des Alltags zurechtkommen. Forscher der University of Wisconsin-Madison konnten zeigen, dass Kinder, die in Stresssituationen mit ihrer Mutter sprechen können, Stresshormone schneller abbauen. Wenn Ihr Kind in Notsituationen und bei Angst als Erstes zu Ihnen kommt, ist das also ein gutes Zeichen für eine sichere Eltern-Kind-Bindung. Diese kann übrigens auch problemlos funktionieren, wenn die Mutter nach der Geburt rasch wieder arbeitet. Wichtig dabei: Vor der Rückkehr in den Job sollten Sie bereits eine intensive Bindung zu Ihrem Kind hergestellt haben.
Zudem sollte der Kontakt zu der Krippenerzieherin langsam vorbereitet werden, das Kind erst Vertrauen fassen, bevor sich die Mutter erstmals verabschiedet. „Auf diese Weise wird die Person, die die Fremdbetreuung durchführt, im Idealfall zu einer weiteren sicheren Bindungsperson“, erklärt Karl Heinz Brisch. „Wenn die Mutter ihr Baby von der Krippe abholt, muss sie sich Zeit nehmen, für die Bedürfnisse ihres Kindes emotional verfügbar sein und auf diese feinfühlig reagieren. Dann hat sie eine gute Chance, die Hauptbindungsperson für ihr Kind zu werden.“
Autor/Quelle: Sara Sievers
