Rennen, klettern, Balancieren - Ergotherapie macht ABC-Schützen fit

Nach den Sommerferien beginnt für Sechsjährige der "Ernst des Lebens": Sie werden eingeschult. Nicht alle sind den Anforderungen des Schulalltags in gleichem Maße gewachsen. Nach Meinung von Experten weisen zunehmend mehr Kinder im Vorschulalter Defizite im Bereich der körperlichen Beweglichkeit auf. Ungefähr jedes achte Kind zwischen fünf und sechs Jahren kann nicht auf einem Bein stehen und auch der Purzelbaum stellt eine Herausforderung dar, an der viele scheitern. Ergotherapie fördert die körperliche Entwicklung der Kinder und hilft, Schwächen auszugleichen.
"Unser Tim war bis vor kurzem ein richtiger kleiner Tollpatsch, er fiel ständig hin, benahm sich ungeschickt und war in seinen Bewegungen ungelenk." So schildert Frau W. die Auffälligkeiten ihres Fünfjährigen. "Ich habe mir ernsthafte Sorgen gemacht: Beim Spielen und Toben mit seinen gleichaltrigen Freunden konnte er nicht mithalten, war schnell müde und in allem der Letzte. Das hat ihn geärgert und natürlich auch traurig gemacht". Sie schilderte die Probleme dem Kinderarzt, der nach einer sorgfältigen Untersuchung eine Ergotherapie verordnete. Um für den bevorstehenden Schulalltag auch körperlich fit zu sein, geht Tim nun seit einigen Monaten zur Ergotherapie.
Das Vertrauen in den eigenen Körper stärken
Hier kann er unter therapeutischer Anleitung auf spielerische Weise seinen Körper und seinen Bewegungsspielraum ausloten. Das Programm ist vielfältig: ein Kletter-Parcours trainiert Geschicklichkeit, Ausdauer und Stärke. Mit Hängebrücken und Strickleitern, Kletterseilen, Schaukeln und anderem beweglichem Spielgerät wird ihm ein Gefühl für Gleichgewicht vermittelt. Auch Robben durch enge Röhren, Balancieren auf schmalen Brettern und Trampolinspringen gehören dazu. Damit später in der Schule das Schreiben leicht fällt werden die feineren Fingerbewegungen gezielt mit Geschicklichkeitsspielen, Basteln und Malen geübt. Tim macht die Ergotherapie viel Spaß: "Es ist wie auf einem Abenteuerspielplatz und ich bin jedes Mal gespannt, was wir als nächstes machen," beschreibt Tim seine wöchentlichen Besuche in der ergotherapeutischen Praxis. Auch die Mutter ist überzeugt: "Die Ergotherapie hat ihm sehr geholfen. Das Vertrauen in seine körperlichen Fähigkeiten ist enorm gestiegen, und das wirkt sich auch auf sein Selbstbewusstsein aus. Auch ich habe viele Anregungen erhalten, wie ich Tim im Alltag Hilfestellung geben kann." Dem ersten Schultag steht nun nichts mehr im Wege.
Bewegung kommt oft zu kurz
Die Freizeitaktivitäten der Kinder finden heute mehr drinnen als draußen statt und haben mit Bewegung nicht viel zu tun. Oft genannte Beispiele: Computerspiele und Fernsehen. Gleichzeitig fehlt im familiären Umfeld häufig die notwendige Anregung zu Bewegung, Sport und Spiel. Zeitmangel, städtische Umgebung und beengte Räumlichkeiten machen dies den Eltern auch nicht immer leicht. Kommen dann noch Entwicklungsprobleme der Kinder dazu, ist professionelle Hilfe wie Ergotherapie notwendig. Hier machen die kleinen Patienten Erfahrungen, die heute für sie nicht mehr selbstverständlich sind: Rennen, Klettern, Springen, Balancieren, Fangen und Werfen.
Diese grundsätzlichen Bewegungsabläufe werden vor allem zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr erlernt und dann im weiteren Verlauf der Entwicklung verfeinert und immer besser koordiniert. Wir die Bewegungsentwicklung nicht ausreichend gefördert, kann es langfristig zu Haltungsschäden, chronischen Krankheiten und einer insgesamt verzögerten Entfaltung des Kindes kommen. Um es nicht so weit kommen zu lassen, sollten Ärzte, Therapeuten, Eltern und Pädagogen zum Wohle des Kindes zusammenarbeiten. Ergotherapie wird vom Kinderarzt verordnet und von der Krankenkasse bezahlt.
Autor/Quelle: Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V.
