Pubertät: Wichtige Warnsignale bei psychischen Störungen

Himmelhoch jauchzend und im nächsten Moment ist alles Grau in Grau und gipfelt in der Erkenntnis: Niemand versteht mich. Die Pubertät ist durch ein komplexes Muster unterschiedlicher Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet und wird von einer Achterbahn der Gefühle begleitet. Die Mehrzahl der Jugendlichen schafft es, das Chaos zu bewältigen, aber 18% geraten in eine psychosoziale Identitätskrise und rund 5% werden psychisch auffällig. Sie benötigen dringend ärztliche Hilfe.

Übergewicht führt offenbar zu vorzeitiger Pubertät

Mädchen, die bereits seit dem Alter von 3 Jahren übergewichtig sind, kommen häufig früher in die Pubertät. Das haben Wissenschaftler der Universität von Michigan (USA) entdeckt. Sie beobachteten die Entwicklung des Körpergewichts und des Körper-Mass-Index (BMI) von mehr als 350 Mädchen bis zu einem Alter von 12 Jahren. Das Ergebnis:

Übergewicht sorgt vermutlich für eine schnellere Reifeentwicklung. Bei Mädchen, die bereits als Kleinkind zu viele Pfunde auf die Waage brachten, setzte die Brustentwicklung häufig schon mit 9 Jahren ein. In der Regel wird dieses erste Anzeichen beginnender Pubertät mit frühestens 10 Jahren beobachtet. Auch junge Teilnehmerinnen, deren BMI im Alter von 3-6 Jahren stark schwankte, erreichten meist zu einem früheren Zeitpunkt die Geschlechtsreife.

Der zeitige Beginn der Pubertät kann die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten und psychosozialen Stress sein, betonen die Forscher. Daher sollten Eltern bereits im Kindesalter auf eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung bei ihrem Nachwuchs achten.

Nichts kann bleiben wie es ist

Die Veränderung des Äußeren, die generell bei Mädchen früher als bei Jungen beginnt, verlangt nach der Akzeptanz und einer aktiven Entscheidung für das sich wandelnde Erscheinungsbild. Das eigene Erleben rüttelt häufig am Selbstverständnis, stellt den Selbstwert und die Selbstkontrolle in Frage.

Wie Kinder, ihre Eltern und das soziale Umfeld die stürmische Phase durchleben und durchleiden, ist von der Veranlagung, den bisherigen Erfahrungen und den erworbenen Fähigkeiten der Mädchen abhängig. Sie fühlen sich vielfach nicht im Einklang mit ihrem Körper und deshalb unverstanden. Es kommt zu einer Abgrenzung von den Erwachsenen, insbesondere von den Eltern, indem sie mit riskanten und provokanten Verhaltensweisen wie Kleidung, Schminken und Sprache versuchen, zu experimentieren.

Es ist erstaunlich, dass die komplexen Veränderungen in der physiologischen, sozialen und emotionalen Entwicklung von mehr als 80% gemeistert werden, jedoch geraten 15-18% in eine psychische Krise, 10-13% aller Jugendlichen zeigen Verhaltensauffälligkeiten und weitere 5% schwerwiegende psychische Störungen, die ärztliche Behandlung erfordern.

Je früher der unausweichliche Entwicklungsprozess beginnt, umso schwieriger ist es, den Weg zur Geschlechtsreife zu begreifen. Die wichtigsten Belastungsreaktionen sind Anpassungsstörungen, dranghafte Unruhe, oppositionelle Störungen und gestörtes Essverhalten sowie Angst- und Zwangsstörungen.

Wenn das Essen zum Feind wird

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körpergewicht beginnt in der späten Kindheit. Einerseits nimmt in den letzten Jahren die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher kontinuierlich zu, andererseits möchte bereits die Hälfte aller Mädchen im Grundschulalter dünner sein. Viele Zehnjährige haben schon eine Diät hinter sich. Mit Beginn der Pubertät kommt es häufig zu Essstörungen, die mit folgenden Anzeichen auf sich aufmerksam machen:

  • Reduktion der Nahrungsmenge und Zusammensetzung (Reduktion der Kalorien z.B. Verzicht auf Süßigkeiten)
  • Abnahme des Körpergewichtes mit dem Ziel, weiterhin abnehmen zu wollen
  • Regelmäßige Gewichtskontrolle
  • Angst vor Gewichtszunahme.

Der Weg in die Magersucht ist häufig in dieser Weise gekennzeichnet und führt nicht selten in die Fress-Brech-Sucht – eine Bulimie. Je früher professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird (evtl. auch gegen den Willen der Minderjährigen), desto eher kann eine Chronifizierung und die Gefahr einer Depression vermieden werden.

Depressionen werden häufig nicht entdeckt

Nach neuen Erhebungen leiden etwa 1% aller Vorschul- und 2% der Grundschulkinder an einer Depression. Dies zeigt sich durch Spielunlust, Freud- und Antriebslosigkeit, einem niedrigen Selbstwertgefühl und trauriger Stimmung. Bis zur Pubertät sind ebenso viele Mädchen wie Jungen betroffen. In der Pubertät sind bis zu 5% depressiv, die Mädchen dann zwei- bis dreimal häufiger als die Jungen. Leider wird die Krankheit auch heute noch häufig nicht erkannt, sodass vermutlich weniger als die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen eine Therapie erhalten.

Warnsignale sind:

  • Vernachlässigung der bisherigen Hobbys
  • Abnahme der Kontakte zu Gleichaltrigen
  • Nachlassen der schulischen Leistungen
  • Stimmungsschwankungen, Appetit- und Schlafstörungen, auch Kopf- und Bauchschmerzen.

Suizidgedanken sind nicht selten

Bis zu 350 Kinder und Jugendliche bringen sich pro Jahr in Deutschland um. Nach Verkehrsunfällen ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe. Wenn Mädchen in der Pubertät Selbstmordgedanken äußern, sind diese sehr ernst zu nehmen und ärztliche Hilfe dringend empfehlenswert. Hier zu schweigen und nicht darüber zu sprechen, ist gefährlich! Hellhörig sollte man werden, wenn folgendes zutrifft:

  • Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen; insbesondere zu Gleichaltrigen
  • Aggressionen gegen die eigene Person
  • Selbstmordfantasien
  • Vermehrt körperliche Beschwerden.

Mit diesen Ausführungen möchten die Ärztinnen und Ärzte des Berufsverbandes der Frauenärzte dazu beitragen, dass Verhalten junger Mädchen besser zu verstehen und Problemen in der Pubertät rechtzeitig zu begegnen.