Ausgeschlafen in die Penne - Jugendliche sind "geborene Morgenmuffel"

Deutschlands Schüler müssen zu früh aus den Federn. Lernpsychologen und Schlafforscher fordern schon seit langem, dass der Schulbeginn nach hinten geschoben werden sollte, weil dies dem Biorhythmus der Kinder besser entspreche.
So plädieren Wissenschaftler und auch einige Politiker dafür, dass der Unterricht nicht vor 8:30 Uhr beginnen sollte. Doch Lehrerverbände halten dagegen, und so hat sich trotz jahrelanger Diskussion bis heute am generellen frühen Schulbeginn um spätestens 8 Uhr früh nichts geändert.
Früher Schulbeginn widerspricht der veränderten "inneren Uhr" in der Pubertät
Dabei bekräftigen neuere Studien, dass vor allem die Teenager heutzutage zu wenig Schlaf bekommen, obgleich mehr Schlaf die Leistungen anheben könnte. Nach Ansicht von Wissenschaftlern helfe es auch nichts, die Jugendlichen früher ins Bett zu schicken, denn ihr Tagesrhythmus unterscheide sich von dem der Kinder und Erwachsenen, und ihre "innere Uhr“ lasse sich nicht beliebig verstellen. Heranwachsende Jugendliche haben im Schnitt einen Schlafbedarf zwischen 8,5 und 9,25 Stunden pro Nacht, sagen Wissenschaftler. In der Realität werde dieses Soll allerdings nur von etwa einem Viertel der Jugendlichen erreicht.
Prof. Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums in Regensburg, hält daher seit langem einen späteren Schulbeginn vor allem bei Kindern ab zwölf Jahren für sinnvoll. In dieselbe Richtung zielt der Chronobiologe Professor Till Roenneberg von der Universität München, der sagt, dass sich die Schlafzeit in der modernen Gesellschaft generell nach hinten verschoben habe, weil wir uns zu lange in Innenräumen aufhielten und zu wenig Licht abbekämen. Dadurch komme das Signal zum Einschlafen später, doch die Aufstehzeiten seien gleich geblieben. Besonders hart treffe diese Veränderung Jugendliche in der Pubertät, weil deren innere Uhr aus hormonellen Gründen grundsätzlich anders ticke.
Was oft als Marotte oder Aufmüpfigkeit in der ohnehin schon schwierigen Lebensphase der Pubertät verschrien wird, ist in der Chronobiologie als entwicklungsbedingtes "Delayed Sleep Phase Syndrome“ bekannt. Während Kinder in der Regel meist frühe Chronotypen (Frühaufsteher) sind, verschieben sich die Schlafpräferenzen mit der beginnenden Pubertät hin zu einem späteren Schlafbeginn – mit einem Höhepunkt etwa zu Beginn des 20. Lebensjahres.
Was sind die Gründe?
Die Gründe für die Verschiebung der inneren Uhr müssen noch genauer erforscht werden. Möglicherweise verändern hormonelle Umstellungen und Veränderungen den Schlaf-Wachrhythmus direkt oder indirekt. Eventuell werden bestimmte Schlafhormone – wie beispielsweise Melatonin – bei Teenagern später in der Nacht ausgeschüttet als bei Kleinkindern oder auch bei Erwachsenen, wodurch der Schlaf in die späten Abendstunden verschoben wird. Die innere Uhr ändert sich, ohne dass die Schulkinder dies maßgeblich beeinflussen könnten, und wichtige Tiefschlafphasen treten erst in den Morgenstunden ein. Da Schlaf aber eine unentbehrliche Phase für Regeneration und Wachstum ist, lautet die Konsequenz: Bekommen Schulkinder auf Dauer zu wenig Schlaf, ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt, der Wachstumsprozess verlangsamt sich, Stress kann nicht mehr optimal abgebaut werden. Schulkinder mit einem chronischen Schlafdefizit sind daher tagsüber müder als andere; Nervosität, Unausgeglichenheit und Verhaltensauffälligkeiten treten vermehrt auf.
Neben den körperlichen Nachteilen von zu wenig Schlaf gibt es auch lernpsychologische Folgen. Denn erst im letzten Drittel des Schlafes werden die komplexen Lernvorgänge des Vortags fest ins Gedächtnis geschrieben, erklären Wissenschaftler. Mit anderen Worten: Der frühe Unterrichtsbeginn schadet dem Lernen, ein späterer Schulanfang dagegen könnte die Leistungsfähigkeit der Schüler auf Dauer steigern.
Fazit
Die Lösung dieses Problems könnte ein späterer Schulbeginn wie bei den meisten europäischen Nachbarländern sein: In Portugal, Spanien und England beginnt der Schulunterricht ähnlich wie in den USA oder Kanada – um 9 Uhr, in den Niederlanden und Irland um 8:45 Uhr. In Belgien, Frankreich, Griechenland und Italien beginnt die Schule um 8:30 Uhr.
Autor/Quelle: dgk
