Laute Klassen, schlechte Schüler, kranke Lehrer

In Schulklassen ist es laut. Das mag daran liegen, dass sich dort etwa dreißig Kinder aufhalten – und nicht alle sind Musterschüler. Vor allem aber liegt es an der schlechten Akustik in Klassenräumen.
Hohe, relativ kahle Räume ohne Teppich haben lange Nachhallzeiten: Gesprochene Sprache ist schlecht zu verstehen und die vielen Hintergrundgeräusche sind ungedämpft lange zu hören. Unter solchen Bedingungen können sich viele Schüler kaum konzentrieren. Wer ungünstig sitzt, hat mitunter Probleme, die Lehrer überhaupt zu verstehen. So zeigte sich, dass Schüler weniger Fehler beim Diktat machen, wenn sie den Text über Kopfhörer, und damit störungsfrei, hören können.

Erschwerte Konzentration

In einer ruhigen Klasse herrscht ein mittlerer Geräuschpegel von etwa 52 Dezibel (dB(A)), während eine sehr laute Klasse auch schon mal bis zu 100 Dezibel produziert, wie die Heriot-Watt-Studie der Universität Edinburgh ermittelte. In Deutschland wurden zwischen 50 Dezibel während stiller Arbeit und etwa 75 Dezibel in normalen Unterrichtsphasen gemessen. Man könnte, was die Lautstärke anbelangt, ebenso gut an einer Hauptverkehrsstraße unterrichten. Für vorwiegend geistige Tätigkeit fordert die Arbeitsstättenverordnung jedoch eine Lautstärke, die 55 Dezibel nicht überschreitet, Konzentration ist demnach im Unterricht meist nur unter erschwerten Bedingungen möglich.
Bei 75 Dezibel kommt es bei Schülern wie Lehrern zu steigendem Blutdruck und beschleunigter Herzfrequenz, zu körperlichem Stress. Wer sich gegen diesen Lärmpegel durchsetzen möchte, muss noch lauter sprechen. Stimm- und Kehlkopfprobleme sind vorprogrammiert. Eine Befragung zeigte, dass 80 Prozent der Lehrer und Lehrerinnen sich durch den Lärm der Klasse belastet fühlen.

Gute Akustik - bessere Leistungen

Die Studie der Heriot-Watt-Universität ergab, dass die Akustik in den meisten Klassenräumen schlecht ist. Demnach konnten viele Schüler ihre Lehrer nur verstehen, wenn sie sich bemühten und stark konzentrierten. Interessant war auch, dass die Lehrer die Raumakustik gar nicht so negativ einschätzten. Verständigungsprobleme in der Klasse wurden nicht auf die akustischen Bedingungen zurückgeführt, sondern eher auf das Verhalten der Schüler, mangelnde Disziplin oder auch die eigene pädagogische Kompetenz.
Man kann Räume akustisch nachrüsten. Im Rahmen der Studie wurden in den Klassen Akustikdecken angebracht. Schüler, die in Klassenräumen mit guter Akustik unterrichtet wurden, erbrachten deutlich bessere Leistungen als Schüler in lauten Klassen. Unter schlechter Akustik leiden nicht nur Schüler, sondern auch Lehrkräfte. So ergab die Untersuchung, dass Lehrer in Klassen mit guter Akustik deutlich weniger Krankheitstage hatten, als ihre Kollegen. Und das ist gut für alle.

Wussten Sie schon ...?

... dass die Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen nach der Zustimmung des Bundesrates Ende Februar jetzt geltendes Recht ist? Danach müssen Arbeitgeber ab einem Dauerschallpegel von 80 Dezibel Gehörschutz zur Verfügung stellen. Ab 85 Dezibel sind die Arbeitnehmer sogar verpflichtet, ihn zu nutzen. Die bisher möglichen Ausnahmeregeln für Einzelfälle gibt es nicht mehr. In Deutschland werden die Ohren am Arbeitsplatz besser geschützt, als von der EU vorgeschrieben. Diese hatte den Grenzwert am Arbeitsplatz auf 87 Dezibel festgelegt.
... dass es trotz klarer Regeln immer wieder zu Lärm-Unfällen kommt? Auch in Norwegen liegt die Obergrenze der Schallbelastung am Arbeitsplatz bei 85 Dezibel. Nichtsdestotrotz sind Hörschäden die mit Abstand häufigsten Schädigungen am Arbeitsplatz, drei mal häufiger als Belastungen der Haut oder der Atemwege. Offenbar waren laute Arbeitsorte nicht ausreichend gekennzeichnet, so dass der angebotene Gehörschutz ungenutzt blieb.
... dass auch an deutschen Arbeitsplätzen noch immer Ohren geschädigt werden? Lärmschwerhörigkeit führt seit Jahren die Statistik der anerkannten Berufskrankheiten an. Im Jahr 2004 gab es allein bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften 42.000 lärmbedingte Rentenfälle, für die 162 Millionen Euro aufgebracht werden müssen. Zudem wurden innerhalb des gleichen Jahres rund 6.000 neue Fälle von berufsbedingter Lärmschwerhörigkeit gemeldet, so das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
... dass jeder dritte Feuerwehrmann schlecht hört? Eine Untersuchung bei 3.300 Feuerwehrmännern in Madrid zeigte, dass Schwerhörigkeit bei den berufsbedingten Leiden den zweiten Platz einnimmt. Als Ursache werden laute Sirenen, Maschinen und Geräte angenommen. Auf Platz eins rangieren Verätzungen durch den Kontakt mit Chemikalien.