Legasthenie - Wer nämlich mit "h" schreibt ist nicht dämlich

Sie stocken beim Lesen, verlieren die Zeile aus dem Blick, vertauschen oder fügen Wörter hinzu. Am Ende haben sie sich so sehr aufs Lesen konzentriert, dass sie den Inhalt völlig aus den Augen verloren haben. In ihren Texten gibt es auffallend viele Grammatik- und Interpunktionsfehler, Wörter werden mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben - manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Obwohl Legastheniker normal intelligent sind, kann ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche unter Umständen die gesamten schulischen Leistungen beeinträchtigen.
Zahlreich sind die Vorurteile, die über Legastheniker im Umlauf sind. Von mangelnder Intelligenz wird gesprochen, von Schulfaulheit oder Schludrigkeit. Tatsächlich ist Legasthenie aber eine ausgeprägte Lernstörung im Bereich Lesen und Rechtschreibung (meist in Kombination), die von der WHO als Krankheit anerkannt ist. Und sie hat auch nichts mit fehlender Intelligenz zu tun.
Allerdings geschieht es nicht selten, dass Legastheniker auch in anderen Fächern in ihren Leistungen beeinträchtigt sind. Nämlich immer dann, wenn Texte zügig gelesen und aufgenommen werden müssen (z.B. auch Textaufgaben in Mathematik) oder etwas schnell niedergeschrieben werden muss. Denn auf diesem Gebiet ist ein Legastheniker einfach langsamer als die nicht betroffenen Kinder.

Welche typischen Probleme treten auf?

Im Bereich des Lesens fällt vor allem die langsame Lesegeschwindigkeit auf, das Kind verliert häufig die Zeile, lässt ganze Wörter weg, vertauscht sie oder fügt neue hinzu; insgesamt liest es stockend und ist mit dieser Aufgabe so beschäftigt, dass es den Inhalt des Textes nicht mehr richtig erfassen kann.
Im Bereich der Rechtschreibung zeigen sich eine extrem hohe Fehlerzahl und Schwächen in der Grammatik. Vor allem bei ungeübten Diktaten aber auch abgeschriebenen Texten treten massenhaft Fehler auf. Die Kinder haben Schwierigkeiten, Laute in Wörter umzusetzen bzw. zu erkennen, dass sich Wörter aus Lauten zusammensetzen; ihnen fehlt sozusagen das Lautbewusstsein.
Es fällt ihnen auch schwer, einzelne Buchstaben zu unterscheiden, z.B. werden die Unterschiede zwischen harten und weichen Lauten wie p und b und g und k kaum wahrgenommen; eine Unterscheidung zwischen i und ie ohnehin oft nicht hörbar - ist Legasthenikern völlig unmöglich.
Wenn Buchstaben weggelassen oder hinzugefügt werden, entstehen so genannte Wortruinen oder nicht mehr erkennbare Phantasiewörter. Meist haben die Kinder auch eine unleserliche Handschrift.

Wie entsteht eine Legasthenie?

Noch ist nicht ganz geklärt, wie es zu einer Legasthenie kommt. Dass eine Veranlagung genetisch weiter gegeben werden kann, wurde aber bereits durch Zwillingsstudien belegt. Als wahrscheinlich gilt ein Zusammenwirken von genetischen und Umweltfaktoren. Anhand von Untersuchungen konnte bisher herausgefunden werden, dass es sich bei Legasthenie um eine fehlerhafte Verarbeitung von Informationen im Gehirn handelt.
Beeinträchtigt ist die Fähigkeit, lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden, also den einzelnen Buchstaben die entsprechenden Laute und umgekehrt den Lauten die Buchstaben zuzuordnen. Außerdem ist die Wahrnehmung der Sprache verlangsamt und es besteht eine Gedächtnisschwäche für Laute, Buchstaben, Wörter.

Auch die Psyche leidet...

Eltern sollten sich bewusst sein, dass ihre Kinder unter den schlechten Schulnoten und ihrem Sonderstatus in der Schule sehr leiden. Und vor allem, dass sie ihrer Schwäche auch hilflos gegenüber stehen, denn auch bei gezieltem und häufigem Üben machen die betroffenen Kinder oft nur geringe, teilweise gar keine Fortschritte.
Im schlimmsten Fall entsteht eine extreme Abneigung gegen Lesen und Schreiben, die wiederum zu Lernblockaden und einer verminderten Lernmotivation führt. Mit viel Liebe und Verständnis können Eltern ihren Kindern klar machen, dass ihre Zuneigung nicht von guten Schulnoten abhängt und dass sie ihren Kindern stets hilfreich zur Seite stehen.
Nicht selten sind Eltern auch als Tröster und Vermittler gefragt, wenn ihre Kinder in der Schule gehänselt oder sogar gedemütigt werden. Nicht nur von den Mitschülern, sondern gelegentlich auch von einem Lehrer, der nur unzureichend über legasthenische Schwächen informiert ist. Dann hilft nur ein aufklärendes Gespräch mit allen Lehrern des Kindes, die wiederum bei ihren Schülern das Verständnis für Legasthenie wecken sollten.

Wie findet man heraus, ob eine Legasthenie vorliegt?

Ob ein Kind eine Lese-Rechtschreibstörung hat, wird von Ärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder Diplom-Psychologen diagnostiziert. Sie bedienen sich dabei standardisierter Lese- und Rechtschreibtests. Die Tests werden manchmal in Schulen, größtenteils aber in speziellen Beratungsstellen oder von den schulpsychologischen Diensten durchgeführt.

Gibt es Therapien?

Auch wenn das hart klingt: Legasthenie ist nicht heilbar, und sie nimmt ohne Behandlung sogar an Schwere zu. Durch eine wirksame Therapie lassen sich die Fähigkeiten aber verbessern und dem betroffenen Kind kann dabei geholfen werden, mit seiner Lernbehinderung besser umzugehen.
Es ist dabei besonders wichtig, dass die Therapie ganzheitlich ausgelegt ist und den Betroffenen individuell in seiner seelischen, familiären und schulischen Situation erfasst.
Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Trainingsprogrammen zur Verbesserung der Lese- und Rechtschreibleistung. Diese beziehen sich entweder direkt auf den Lese- und Rechtschreibprozess (z.B. Zerlegen und Zuordnen von Lauten, Buchstaben, Silben, Worten oder Regeltraining) oder sie trainieren die grundlegenden Funktionen, die als Grund für die Schwäche beim Erwerb der Schriftsprache angenommen werden (z.B. auditives oder visuelles Wahrnehmungstraining).
Nur durch eine langfristig angelegte Förderung ist eine deutliche Verbesserung der Leistungen zu erreichen. Wobei – wie bereits gesagt – eine vollständige Normalisierung nicht erwartet werden kann und Schwächen bei der Rechtschreibung bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Aber auch hier gibt es hilfreiche Strategien, die das "schriftliche Leben" leichter machen, wie z.B. Rechtschreibprogramme am Computer, Scanner usw.
Ganz wichtig für Eltern und Kind ist, dass die Krankheit frühzeitig festgestellt wird. So wird das Kind bezüglich seines "Schulversagens" entlastet und die Eltern müssen sich nicht länger fragen, ob Erziehungsfehler zur Legasthenie ihres Kindes geführt hat.

Legasthenie frühzeitig erkennen

Die früheste Diagnose ermöglicht das Bielefelder Screening-Verfahren. Es überprüft die sprachlichen Fähigkeiten von Vorschulkindern, die ein hohes Risiko für Legasthenie haben. Getestet wird z.B., ob die Kinder die Lautstruktur von Wörtern erkennen, ob sie Wörter in Silben zerlegen können oder ob sie Reime erkennen. Außerdem Fähigkeiten wie Aussprachegenauigkeit oder die zum schnellen Benennen bekannter Gegenstände oder Zahlen.

Praktische Tipps für Schule und Elternhaus

Diagnostik, Förderung und Beratung: Sie liegen bei Legasthenie rein rechtlich gesehen bei den Schulen. Eltern sollten diese offensiv einfordern und gemeinsam mit der Schule Förderhilfen suchen und umsetzen.
Nachteilsausgleich: Eltern sollten darauf achten, dass ein Nachteilsausgleich (entsprechend dem Legasthenie-Erlasses des jeweiligen Bundeslandes) erfolgt. Er garantiert, dass Kinder nicht aufgrund unzureichender Leistungen im Lesen und Rechtschreiben von weiterführenden Schulen ausgeschlossen werden.
Ein Nachteilsausgleich kann z.B. sein, dem Kind mehr Zeit für einen Test zu geben oder sie von allen Leistungsbeurteilungen, die ausschließlich der Feststellung von Rechtschreibkenntnissen dienen, zu befreien. In manchen Bundesländern ist dieser Nachteilsausgleich bis zum Abitur möglich (z.B. in Bayern), in manchen nur in den unteren Klassen.
Die schulische Lernsituation: Im Klassenzimmer sitzt das Kind möglichst in der ersten Reihe und frontal zur Tafel. Dort ist es weniger abgelenkt und der Lehrer hat es besser im Blick. Lautes Vorlesen oder Übungen an der Tafel sollten Betroffene nur auf freiwilliger Basis durchführen müssen.
Es hilft dem Kind viel, wenn der Lehrer auf übersichtliche und möglichst mit der Maschine geschriebene Arbeitsblätter für Klassenarbeiten achtet und alle Anweisungen vorher laut vorliest. Korrekturen sollten nicht unbedingt mit dem Rotstift vorgenommen werden, Bemerkungen positiv und ermutigend sein.
Außerschulische Hilfen: Wenn die Schule nicht weiter helfen kann/will, hilft nur noch die eigeninitiative Suche nach einem erfahrenen Therapeuten. Unterstützung können Eltern auch auf dem sozialrechtlichen Weg einfordern. Hierzu sollten Sie sich an den Sozialrechtsbeauftragten Ihres Bundeslandes wenden oder beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL) nach dessen zuständigen Sozialrechtsbeauftragten fragen.
Häusliche Förderprogramme: Wenn Eltern ihre Kinder zuhause fördern wollen, sollten sie genug Zeit haben, sich dieser Aufgabe über eine längere Zeit hinweg konsequent zu widmen. Die Maßnahmen sollten mit den Lehrern bzw. Therapeuten abgestimmt sein.
Die häusliche Förderung ist aber nicht immer das Mittel der Wahl, denn sie kann das Eltern-Kind-Verhältnis belasten. Wenn dies eintritt, ist ein "außen stehender" Trainer unter Umständen die bessere Wahl. Am besten lassen sich die Eltern bei der Durchführung eines Förderprogramms beraten. Allgemein gilt:

  • Machen Sie Ihrem Kind von Anfang an klar, dass seine Legasthenie keine vorübergehende Schwäche ist und Erfolge sich erst langfristig einstellen können. Das beugt Enttäuschungen vor.
  • Vergessen Sie nicht, zu loben. Und zwar vor allem auch dann, wenn die Bemühungen stark waren, aber dann doch nicht zum Erfolg geführt haben.
  • Prioritäten setzen: Lesen ist wichtiger als Rechtschreiben, denn diese Fähigkeit braucht das Kind auch für den Wissenserwerb in anderen Fächern.
  • Spielerisch fällt es leichter: Eine Reihe Gesellschaftsspiele trainieren Wortschatz und Rechtschreibung (z.B. Scrabble, Wort-Kniffel usw.).

Ina Mersch