Packesel Schulkind? Die Last mit dem Ranzen

Wer cool sein will, muss leiden... besonders wenn der Schulranzen zu schwer oder falsch angepasst ist. Dreiviertel aller Grundschüler haben an ihren Schulsachen schwerer zu schleppen, als es für ihr Alter und ihr Gewicht ratsam wäre. Worauf Eltern und Schüler achten sollten, erfahren Sie hier. Lisa mag nicht mehr zur Schule gehen. Erst seit einigen Wochen besucht das kleine Mädchen die zweite Grundschulklasse. Und obwohl Lisa noch im vergangenen Schuljahr großen Spaß am Unterricht hatte, weint und mäkelt sie jetzt fast jeden Morgen. Lange wusste sich Lisas Mutter keinen Rat, sprach mit den Lehrern und Lisas Arzt, doch keiner hatte eine Erklärung für den plötzlichen Schulstreik des Mädchens. Nur Lisas Freundin Emma konnte helfen: "Lisa tut die Schulter und der Rücken weh, wenn wir in der Schule ankommen. Sogar ganz doll, sie sagt auch, sie bekommt Kopfweh davon." Des Rätsels Lösung war gefunden: Die schicke Umhängetasche, die sich Lisa zum neuen Schuljahr von den Großeltern gewünscht hatte, war Schuld an ihrem Dilemma.

"Durch eine ungeeignete Schultasche kann die kindliche Wirbelsäule überlastet werden", erklärt der Orthopäde Dr. Claus Carstens vom Universitätsklinikum in Heidelberg. "Das kann zu Muskelverspannungen und Schmerzen führen." Erwachsene beachten oft die Warnsignale ihres Körpers nicht mehr. Kinder dagegen reagieren instinktiv richtig, wenn sie sich unwohl fühlen oder Schmerzen haben: Sie wollen dann einfach nicht mehr.

Fehlbelastungen der kindlichen Wirbelsäule darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen

Richtig verpackt sind die Schulsachen in einem Ranzen, der der DIN 58124 entspricht und auf dem das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit nicht fehlen darf. Gut eingestellt schließt der Ranzen oben mit der Schulterlinie ab und liegt dicht am Rücken an. Keinesfalls darf sich der Ranzen mit der Unterkante auf dem Kreuzbein abstützen. Die Traggurte sollten mindestens vier Zentimeter breit und gut gepolstert sein und sich ohne Schwierigkeiten in der Länge verstellen lassen. Auf diese Weise verteilt sich das Gewicht gleichmäßig.

Bei einer Trageprobe vor dem Kauf sollten Eltern darauf achten, dass die Bewegungsfreiheit des Kindes nicht durch den Ranzen eingeschränkt wird. Ein schlecht sitzender Ranzen erhöht die Unfallgefahr deutlich. Auch das richtige Tragen des Tornisters ist ein wichtiger Punkt. Sich den Ranzen über eine Schulter zu hängen sieht zwar "cool" aus, es belastet das kindliche Skelett aber ebenso wie eine ungeeignete Umhängetasche. Das Kind gleicht die einseitige Belastung aus, indem es in ein Hohlkreuz verfällt (Lordose) und sich der Länge nach verbiegt (Skoliose). Muskelverspannungen und Haltungsprobleme sind die Folge.

Laut dem Institut für Sportorthopädie der Deutschen Sporthochschule in Köln weisen schon die Hälfte aller Schulkinder Haltungsschwächen und -schäden auf. Grund hierfür ist aber nicht nur die falsche Belastung. "Unsere Kinder bewegen sich zu wenig", erklärt Dr. Carstens. "Ausgleichsport ist immens wichtig, vor allem, wenn die Kinder ihre Freizeit am liebsten vor dem Fernseher oder dem Computer zubringen." Ob Turnen, Tanzen oder Fußball, es soll Spaß machen und die Bauch- und Rückenmuskeln stärken. Die meisten Sportarten trainieren auch den Gleichgewichtssi nn, der mit de m Schulbeginn und dem Tragen des Ranzens stark gefordert wird.

Wichtig: Ein täglicher Schulranzen-Check!

Eltern sollten darauf achten, dass ihr Kind nur das mit zur Schule trägt, was es wirklich braucht. Schon seit vielen Jahren werden regelmäßig von Krankenkassen und kinderärztlichen Vereinigungen so genannte Wiegeaktionen in den Schulen durchgeführt, bei denen das Gewicht der Schultaschen geprüft wird. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Das Gewicht der meisten Schulranzen ist zu hoch. Gymnasiasten in der 11. Klasse schleppen bis zu 12 kg mit sich herum, ein Schüler in der Abschlussklasse der Realschule immerhin noch acht Kilo. "Die meisten Kinder tragen zu schwer", bestätigt auch Frau Dr. Kirsten Reinhard, Ärztin beim AOK-Bundesverband.

Ein gepackter Ranzen sollte nicht mehr als 10 bis 12,5 Prozent des eigenen Körpergewichts des Kindes auf die Waage bringen. Für einen Erstklässler, der 20 kg wiegt, bedeutet das nicht mehr als zwei bis maximal zweieinhalb Kilogramm. Der tägliche Schulranzen-Check ist darum unumgänglich.

Kinder sollten schon früh lernen, ihren Ranzen selbst zu packen. Einfach alles hineinzustopfen, was im Laufe der Woche benötigt wird, ist für so manchen kleinen Faulpelz zwar äußerst bequem. Doch genau an diesem Punkt sollten die Eltern eingreifen und ihrem Kind erklären, warum ein möglichst leichter Ranzen wichtig für die Gesundheit ist.

Viele Bücher werden nicht jeden Tag gebraucht, schwere Atlanten sollten nach Absprache mit der Lehrerschaft am besten im Klassenzimmer deponiert werden. Elektronisches Spielzeug wie Walkman und Gameboy verursachen zusätzliches Gewicht, haben im Ranzen nichts zu suchen.

Für Kinder im Grundschulalter eignen sich Kunststoffranzen, die leer nicht mehr als 1200 Gramm wiegen sollten. Lederranzen dagegen haben nicht nur ein zu hohes Eigengewicht. Auch in punkto Wasserdichtigkeit lassen die meisten Ledermodelle zu wünschen übrig. Zudem stellte die Zeitschrift Ökotest noch vor drei Jahren in allen getesteten Lederranzen Rückstände der giftigen Chemikalie PCP (Pentachlorphenol) im Leder fest. Doch auch die Kunststoffranzen waren in vielen Teilen nicht schadstofffrei.

Ranzen-Checkliste:

  • Wählen Sie helle, leuchtende Farben; achten Sie auf das GS-Zeichen und die DIN 58124, sie garantiert ausreichend viele Reflektoren und somit einen besseren Schutz des Kindes im Straßenverkehr.
  • Die gepackte Schultasche sollte 10 Prozent des Körpergewichts nicht überschreiten. Abends für den nächsten Tag packen, unnötigen Ballast weglassen.
  • Schwere Bücher und Hefte nach Möglichkeit in der Schule deponieren.
  • Der gefüllte Ranzen soll am Rücken anliegen, das Rückenteil muss gut gepolstert und im Idealfall körpergerecht geformt sein. Bei richtigem Sitz schließt der Ranzen oben mit der Schulterlinie ab und verrutscht beim Gehen nicht.
  • Lieber "uncool" als krank: Erklären Sie ihrem Kind, warum richtiges Tragen des Schulranzens wichtig ist.
  • Rucksäcke und Umhängetaschen sind als Schultaschen vor allem im Grundschulalter ungeeignet. Auch hier gilt: Gesundheit kommt vor Modebewusstsein.