Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Sex macht Spaß und ist gesund. Doch manchmal folgt dem Beischlaf das böse Erwachen. Dann nämlich, wenn Krankheitserreger auf Reisen gehen und sich einen neuen Wirt zu suchen. Erfolg haben sie jedoch nur bei ungeschütztem Verkehr.Die Geschichte der Geschlechtskrankheiten ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Nicht immer wusste man, auf welchem Weg sie übertragen wurden, häufig wurden sie auch als gerechte göttliche Strafe für allzu menschliche Laster interpretiert. Bis heute wird über sie oftmals nicht oder nur verschämt gesprochen, was nicht verwundert bei einem Thema, das gleichzeitig mit Sexualität und Krankheit oder sogar Tod zu tun hat.
Doch erst Unwissenheit ermöglicht, dass Geschlechtskrankheiten nach wie vor eine Geißel der Menschheit sind. In den letzten Jahren ist sogar in den Industrienationen wieder ein Anstieg der Erkrankungsraten zu verzeichnen – und dies allen Aufklärungs- und Safer-Sex-Kampagnen im Gefolge der HIV-Epidemien zum Trotz.
Von Mikroben und Menschen
Geschlechtskrankheiten bzw. sexuell übertragbare Krankheiten (sexually transmitted diseases = STD) bezeichnen Infektionen, die vorwiegend durch Sexualkontakt übertragen werden und in erster Linie die Geschlechtsorgane befallen. Da eine Infektion nicht zwingend zu einem Krankheitsbild führen muss, ist auch der Begriff sexuell übertragbare Infektion (sexually transmitted infection = STI) üblich. Früher wurden zu dem Begriff nur die
"klassischen Geschlechtskrankheiten"
- Tripper (Gonorrhö),
- Syphilis (Lues),
- weicher Schanker (Ulcus molle) und
- venerische Lymphknotenentzündungen (Lymphogranuloma venereum gezählt.
Heute fasst man darunter auch:
- virale Infektionen wie Herpes genitalis,Warzen und Zytomegalie
- durch Bakterien hervorgerufene Entzündungen v.a. des Urogenitaltraktes (z.B. Infektionen durch Chlamydien)
- Mykoplasmen,
- Calymmatobacterium granulomatis, (Gardnerella vaginalis),
- durch Protozoen übertragene Krankheiten (Trichomoniasis), (Giardiasis und Amöbiosis [v.a. bei Homosexuellen]),
- Pilzerkrankungen (Soor )
- durch Parasiten übertragene Erkrankungen (Krätze, Filzläuse)
- Hepatitis A und B
- Cytomegalie
- bzw. Mononukleose und
- HIV / Aids
werden dazu gerechnet, auch wenn sie nicht nur über Geschlechtsverkehr übertragen werden und nicht primär die Geschlechtsorgane befallen.
Auch wenn solche Viren, Bakterien, Milben und andere Mikroben teilweise sehr unterschiedliche Symptome hervorrufen, ist ihnen gemeinsam, dass sie sich im feucht-warmen Milieu besonders wohlfühlen. Deshalb lassen sie sich in den Schleimhäuten der Geschlechtsorgane, des Mundes und des Enddarmes häuslich nieder.
Außerhalb dieser Lieblingsplätze haben sie dagegen keine Chance, lange zu überleben. Wenn sie auf Reisen gehen wollen, müssen sie also die Gelegenheit abwarten, mit anderen Schleimhäuten in Berührung zu kommen. Handtücher, Toilettendeckel, Unterwäsche, Türklinken oder Bettwäsche sind dagegen nach kürzester Zeit ihr Untergang.
Reisefieber und Katzenjammer
Ein Grund für den Wiederanstieg der Erkrankungen ist sicher die Reiselust der Bevölkerung in Deutschland. Fernreisen sind en vogue - und mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden.
Ende des letzten Jahrtausends unternahmen die Deutschen 44,5 Millionen Urlaubsreisen, davon etwa 10 % in subtropische und tropische Regionen. Doch auch die Zahl berufsbedingter Fernreisen ist stark angestiegen.
Die Gefahr, sich als Reisesouvenir mehr als nur einen kurz dauernden Brechdurchfall mitzubringen, ist nicht zu verkennen. Zwar kommen schätzungsweise nur etwa 0,2-0,3 % der Fernreisenden mit einer Geschlechtskrankheit oder Hepatitis B zurück, das entspricht aber immerhin 10.000 Menschen pro Jahr.
Aussagekräftige Statistiken über Lust und Frust auf Reisen sind naturgemäß eher rar gesät. In der Gesundheitsberichterstattung des Bundes war laut einer Umfrage des "Studienkreises für Tourismus" von etwa 8,5 % der Reisenden die Rede, die mit auf der Reise oder im Ferienland kennen gelernten Personen Sexualkontakte pflegten. Dies würde hochgerechnet etwa 2,2 Millionen Deutschen pro Jahr entsprechen!
Berücksichtigt man noch eine andere Befragung heterosexueller Männer, bei der 23 % angaben, bei solchen Sexualkontakten nie und 20 % nicht regelmäßig Kondome benutzt zu haben, erscheint das Risiko einer Infektion mit einer Geschlechtskrankheit nicht unerheblich. Insbesondere ältere "Sextouristen", die bereits mit der Intention verreisen, Sexualkontakte v.a. zu jüngeren einheimischen Frauen zu haben, verzichten gern auf diesen Schutz. So geht man z.B. bei der akuten Hepatitis B von bis zu 50.000 Neuinfektionen pro Jahr aus, die u.a. auch über sexuellen Kontakt übertragen werden. Dies geschieht bei etwa einem Viertel der Fälle bei Auslandsreisen.
Harte Fakten und dunkle Ziffern
Bis zum Jahre 2001 waren Ärzte verpflichtet, Infektionen mit Gonorrhö, Syphilis, Ulcus molle und Lymphogranuloma venerum anonym, also ohne Weitergabe von Patienteninformationen zu melden. Derzeit erfolgt eine nicht-namentliche Meldung nur noch über das Labor und zwar verpflichtend bei Nachweis von HIV, Syphilis-, und Hepatitiserregern.
Damit wird es schwieriger, verlässliche Daten zur Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu erhalten. Zwar hat sich zwischen 1984 und 2000 die Zahl der gemeldeten Fälle um mehr als den Faktor 10 verringert, aber man schätzt, dass die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht gemeldeten Erkrankten dafür stark angestiegen ist. Pro 100.000 Einwohner gab es offiziell im Jahr 2000 knapp vier Menschen mit einer Geschlechtskrankheit.
Die tatsächliche Zahl beträgt mit ziemlicher Sicherheit ein Vielfaches. Laut Robert-Koch-Institut geht man von jährlich etwa 50.000 behandelten Patienten mit Gonorrhö und 8.000 mit Syphilis aus. Diesen Schätzungen liegt eine vermutete Dunkelziffer von 80-90 % bei Gonorrhö und 30-40 % bei Syphilis zugrunde. Nicht selten haben Betroffene auch mehrere Infektionen gleichzeitig oder bereits eine oder mehrere Geschlechtskrankheiten gehabt. Selbst wenn man die Unsicherheiten berücksichtigt, die solchen Schätzungen eigen sind, zeigt sich doch, dass nicht nur in der dritten Welt sexuell übertragbare Krankheiten ein ernstzunehmendes Problem darstellen. Durch die nach wie vor vorhandene Tabuisierung des Themas und Stigmatisierung Betroffener kann die Ausbreitung nur schwer gestoppt werden.
Die Bedrohung durch Aids hat durch wirksamere Therapien ihren akuten Schrecken verloren. Damit trägt auch eine zunehmende Sorglosigkeit beim Sexualverkehr mit Fremden und der Verzicht auf Kondome dazu bei, dass Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch sind.
Vermutlich werden auch immer häufiger die Erreger beim ungeschützten Oralsex übertragen - eine Praktik, deren Risiko meist unterschätzt wird. Insbesondere bei Jugendlichen ist die Aufklärung über Ursachen und Symptome oft unzureichend, was sie - auch durch ihre Promiskuität - besonders anfällig für Infektionen macht. Und aufgrund ihrer Unwissenheit oder aus Angst und Scham lassen sie sich nicht behandeln und tragen die Erkrankung weiter. Erschwerend kommt hinzu, dass durch unzureichende medizinische Betreuung in einigen Teilen der Welt auch die Verbreitung neuer, widerstandsfähigerer Erreger gefördert wird.
Auf den Punkt gebracht
Gefährlich: Geschlechtskrankheiten sind auch heute von Bedeutung und gefährden die Gesundheit, insbesondere wenn sie zu spät erkannt und behandelt werden.
Leise: Geschlechtskrankheiten können ohne Symptome auftreten und so unbemerkt weiterverbreitet werden.
Mehrfach: Verschiedene Geschlechtskrankheiten können auch gleichzeitig auftreten.
Wiederkehrend: Geschlechtskrankheiten kann man immer wieder bekommen.
Der sicherste Weg, sich vor einer Infektion zu schützen, ist der Gebrauch von Kondomen, am besten in Kombination mit einer Spermien abtötenden Salbe.
Autor/Quelle: Dagmar Reiche
