Vaterschaftstests sollen Klarheit schaffen

Kaum eine Fernsehsendung am Nachmittag kommt ohne ihn aus: den Vaterschaftstest. Was früher Stoff für Romantik pur lieferte – gutaussehender, aber bettelarmer junger Mann mit tadellosen Manieren entpuppt sich als verschollener Prinz – dient heute der Unterhaltung von Millionen, wenn es um Unterhaltszahlungen und eheliche Untreue geht.

DNA-Analyse

Möglich sind die Vaterschaftstests seit die Struktur der Erbinformation durch die beiden Wissenschaftler Watson und Crick vor rund 50 Jahren entdeckt wurde. Innovationen im der Molekularbiologie lassen heute eine Analyse der so genannten DNA (Desoxyribonucleinsäure; A steht für den englischen Begriff Acid = Säure) auf relativ einfache Weise zu.
Alle Zellen des menschlichen Körpers enthalten 46 Chromosome, die je zur Hälfte von der Mutter und vom Vater stammen. Auf diesen Chromosomen ist die Erbinformation in Form von Genen enthalten. Die Gene sind letztlich bestimmte DNA-Abschnitte, die sich durch Kombination weniger chemischer Substanzen unterscheiden.
Wissenschaftler schätzen die Zahl der menschlichen Gene auf rund 1,5 Millionen - das "Genomprojekt" dient der Entschlüsslung der menschlichen Gene. Nach dem heutigen Wissensstand enthalten nur ungefähr 2 Prozent der Gene Erbinformationen. Diese Gene werden daher auch kodierende Gene genannt. Der biologische Zweck der anderen 98% der Gene ist noch nicht eindeutig erforscht.

Der Test aus der Apotheke

Der Vaterschaftstest ist als Test-Kit in der Apotheke erhältlich. Das Test-Kit enthält vier Wattestäbchen und Reagenzgläser. Mit den Wattestäbchen werden Proben der Mundschleimhaut bei Vater und Kind entnommen. Auch die Mundschleimhaut enthält Zellen mit Erbgutinformation. Eine Probe von der Mutter ist auf jeden Fall sinnvoll.
Die Reagenzgläser mit den Speichelproben werden dann an ein Untersuchungslabor geschickt und dort analysiert. Aus dem Speichel wird die DNA isoliert und dann auf Übereinstimmungen überprüft. Bis zu 25 Identitätsmerkmale der DNA werden dabei miteinander verglichen. Mit Hilfe von Biostatistik-Programmen kann in der Regel eine Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft von über 99,999 Prozent errechnet werden. Der Ausschluss ist sogar hundertprozentig möglich.

Der genetische Fingerabdruck

Wissenschaftlicher Ausgangspunkt der Analyse ist die Erstellung so genannter genetischer Fingerabdrücke ("Fingerprints"). Das sind Muster auf molekularer Ebene, die für jeden Menschen einzigartig sind. Das geschieht nach der so genannten STR-PCR-Methode.
STRs ("short tandem repeats") sind DNA-Muster mit fester Abfolge des genetischen Codes, die sich unterschiedlich häufig wiederholen. Bei jedem Menschen ist ihre Anzahl unterschiedlich. So entstehen unterschiedlich lange STR an jedem Genort. Weil aber die Anzahl dieser Wiederholungen vererbt wird, so dass Aussagen über Verwandtschaftsverhältnisse möglich werden. Die Länge der STR und somit die Anzahl der Wiederholung der Muster wird durch eine chemische Reaktion mit anschließender optischer Darstellung durch hochauflösende Analysegeräte bestimmt.
Sind bei allen Genorten Übereinstimmungen in Länge und Wiederholungen vorhanden, gilt die getestete Person mit einer Ergebnissicherheit von mindestens 99,9999% bei einer Untersuchung von bis zu 25 Genorten als genetischer Vater des entsprechenden Kindes.

Steigender Bedarf ?

"Jeder zehnte Auftrag für unseren DNA-Vaterschaftstest kommt aus der Bundeshauptstadt", konstatiert Michael Ruiss, Vorstandssprecher der humatrix AG, einem Frankfurter Biotechnologieunternehmen. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, denn laut Bevölkerungsstatistik (Stand 2000) werden in Berlin pro Jahr knapp 12.000 Säuglinge nichtehelich geboren - das sind gut 40 Prozent aller Geburten, Tendenz seit Jahren steigend.
In einigen Stadtbezirken liegt die Rate sogar noch erheblich höher - der Stadtteil Prenzlauer Berg bildet mit 65% die Spitze. Auch im Bundesvergleich der Großstädte sind diese Bevölkerungszahlen Spitze: in Hamburg kommen nur 29 Prozent der Neugeborenen nichtehelich zur Welt, München repräsentiert den Bundesschnitt mit lediglich 22 Prozent.
Die Interessengemeinschaft für Abstammungsgutachten in Dortmund schätzt, dass fünf bis zehn Prozent aller Kinder nicht vom Ehemann gezeugt wurden. Auch britische und amerikanische Bevölkerungsstudien kommen zu diesem überraschenden Ergebnis. Der Anteil der so genannten "Kuckuckskinder", also der Kinder, die nicht vom vermeintlichen Vater stammen, liegt auch international betrachtet bei rund 10 Prozent.
Studien an mehr als 10.000 europäischen Familien ergaben, dass es regional allerdings sehr große Unterschiede geben kann. So ist in der Schweiz jedes hundertste Kind außerhalb der Ehe gezeugt, im Südosten Englands nahezu jedes dritte. An der Oregon Health Science University in Portland (USA), wo Laborergebnisse für Erbkrankheiten ausgewertet werden, geht man ebenfalls davon aus, dass jedes zehnte Kind mit seinem sozialen Vätern nicht verwandt ist.

Droht ein Testverbot?

Während die Zahl der Vaterschaftstests ständig steigt, versucht die Bundesregierung derzeit, mit dem neuen Gendiagnostik-Recht, die Vaterschaftstest aus der Apotheke zu verbieten. Nach dem Gesetzentwurf sollen dann nur noch gerichtlich angeordnete Vaterschaftstests zugelassen werden. Ohnehin schwelt ein Streit um die Ethik des so genannten anonymen Vaterschaftstest.
Der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer hat daher Richtlinien für die Erstattung von Abstammungsgutachten erstellt, in denen unter anderem gefordert wird, dass sich alle Teilnehmer, die eine Speichelprobe abgeben, dem durchführenden Labor gegenüber ausweisen müssen. Auch die Interessengemeinschaft der Sachverständigen für Abstammungsgutachten hält heimliche Vaterschaftstests für unmoralisch. Bei Kindern muss der Sorgeberechtigte deshalb die Verantwortung tragen für die Identifizierung der Probe sorgen.
Im Klartext heißt das: Eine Mutter ist im Streitfall immer schon im Voraus darüber informiert dass die Vaterschaft angezweifelt wird. Für viele Männer-Rechtsorganisationen ein unhaltbarer Zustand. Anders sieht es bei gerichtlich angeordneten Gutachten aus. Dazu müssen sich nicht nur die Beteiligten gegenüber dem Labor ausweisen, sondern auch eine Blutprobe vor einem neutralen Zeugen, eventuell dem Hausarzt, abgeben.

Geprüfte Qualität

Dem Zeitgeist folgend hat Öko-TEST im letzten Jahr insgesamt 11 Anbieter von Vaterschaftstests untersucht. Bei Kosten von 300 bis 760 Euro pro Test sollten Qualität und Transparenz untersucht werden. Zufrieden waren die Öko-Tester nicht: falsche Untersuchungsergebnisse, mangelnde Transparenz der Ergebnisse und fehlende Ethik wurde bemängelt. Die einzelnen Ergebnisse können im Internet unter www.oeko-test.de oder per Faxabruf unter 0190/14 20 43 789 für 0,62 €/Min abgerufen werden.
Wer einen Vaterschaftstest machen lässt, sollte sich jedoch vorher gut überlegen, was er mit dem Ergebnis erreichen möchte und ob die genetische Verwandtschaft tatsächlich ausschlaggebend ist. Zur Bestimmung vererbbarer Krankheiten taugen diese Tests nichts, da die Bereiche der DNA, die untersucht werden, keine genetische Informationen darüber enthalten. Ebenso werden keine Informationen über das Aussehen geliefert, nur das Geschlecht wird zur Kontrolle mitbestimmt.
Die Frage, ob ein Vaterschaftstest also tatsächlich notwendig ist, muss daher jeder zweifelnde Vater zunächst für sich ganz alleine klären.