Wenn das Essen die Liebe verdrängt

Fünf Kilo weniger und ich würde in das Kleid passen, fünf Kilo weniger und ich würde mich im Badeanzug wohl fühlen, fünf Kilo weniger und er würde mich wieder begehren – das eigene Gewicht ist für Frauen meist ein Leben lang Thema. Auch mit 40 plus sind viele chronisch unzufrieden mit ihrer Kleidergröße. Hinter dem Ringen mit der Waage stehen aber oft tiefer liegende Wünsche. „Gerade in einem gewissen Alter fragen Frauen sich, ob sie noch sexuell attraktiv für ihren Partner sind und ob sie überhaupt noch einen Anspruch auf sexuelle Zufriedenheit haben dürfen“, berichtet die Ernährungsmedizinerin Dr. Ute Gola aus Berlin.

Frauen zweifeln an ihrer Attraktivität

Wenn im Bett nichts mehr läuft, zum Beispiel weil er Erektionsstörungen bekommt, ist er plötzlich da, der Gedanke: Liegt es an mir? Bin ich zu dick? „Dabei ist erotische Zufriedenheit keine Frage des Gewichts und auch nicht des Alters“, so Dr. Gola im Interview. Gerade im Zeitraum der Wechseljahre reflektieren viele Frauen die eigene Lebenssituation und ihre Partnerschaft. „Unterschwellige Unzufriedenheit führt meiner Erfahrung nach oft dazu, dass sich besonders Frauen in einem gewissen Alter kritisch im Spiegel anschauen. Alt werden müssen wir alle, aber wir wollen uns dabei gesund und gut mit unserem Gewicht fühlen“, berichtet Dr. Ute Gola aus ihrer Praxis.

 

Potenzprobleme – Liegt es an mir?

In dieser Phase, in der sich die Partnerin hinterfragt, sind auch viele Männer mit ersten vermeintlichen Alterserscheinungen konfrontiert, zum Beispiel wenn es mit der Potenz nicht mehr so klappt: In Deutschland bekommt jeder fünfte Mann über 40 im Laufe seines Lebens Erektionsstörungen. „Frauen sehen sich schnell in der Verantwortung für Probleme in der Beziehung. Wenn er sich dann zurückzieht, statt offen mit ihr zu sprechen, redet sie sich oft ein, dass es an ihr liege. Sie fühlt sich zu dick und nicht mehr attraktiv“, beschreibt Gola den Konflikt. Hinter Erektionsstörungen stecken jedoch meist keine emotionalen oder psychischen Gründe, sondern körperliche Ursachen, wie Herz-Kreislauferkrankungen oder ein unentdeckter Diabetes. Klarheit bringt nur der Gang zum Arzt.

„Ich erlebe es immer wieder, dass Frauen abnehmen wollen, weil sie glauben, dem Partner nicht mehr zu gefallen. Leider gibt es auch Männer, die ihre eigene Unzufriedenheit auf ihre Frauen übertragen, nach dem Motto ‚Du bist zu dick’. Dabei steht in Wirklichkeit etwas anderes dahinter, zum Beispiel Erektionsprobleme“, erläutert die Ernährungsmedizinerin und stellt klar: „Es gibt kein Optimalgewicht, um sexuell attraktiv zu sein. Wichtig ist, dass beide Partner mit sich zufrieden und im Lot sind“.

 

Essen – die Erotik des Alters?

Bei Essen, Hunger und Sättigung spielt die Körperwahrnehmung eine große Rolle. „Viele Menschen nehmen Unzufriedenheit als Hunger oder zumindest Appetit war“, berichtet Gola. Den Griff zur Tafel Schokolade als Trostspender kennen wir alle. Aber auch, um Problemen aus dem Weg zu gehen, muss manchmal das Essen herhalten. „Ich verwende hierfür den Begriff ‚sich gegenseitig zu füttern’ – in einer Beziehung bedeutet das auch, dass man sich gegenseitig zum Schweigen bringt. Wenn ich immer nur miteinander esse und Probleme nicht bespreche, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich mit der Zeit immer mehr Essen benötige und zunehme“, erläutert die Expertin. „Manchmal wird Essen so zur Erotik des Alters.“

Wer feststellt, dass sich das sinnliche Miteinander auf das Genießen wohlschmeckender Gerichte beschränkt, ist oft gut beraten, wenn er sich Hilfe von Außen holt. „Man sollte sich fragen, ob der Genuss beim Essen genügt, oder ob man auch sexuell mehr erleben möchte. Steht das Gewicht im Weg, lässt sich etwas dagegen tun. Und auch Probleme wie Erektionsstörungen lassen sich behandeln. Entscheidend ist natürlich immer, dass beide Partner das auch wollen“, so Gola. Eine professionelle Ernährungsberatung wird übrigens in vielen Fällen von den Krankenkassen bezuschusst. „Wer einige Kilos abspeckt, fühlt sich jünger und hat auch wieder mehr Spaß daran sich zu bewegen. Das ist natürlich auch ein toller Booster für das Liebesleben“ fasst Dr. Ute Gola abschließend zusammen.