50 Jahre Pille

Etwa 50 Jahre ist es her, dass es Prof. Carl Djerassi gelang, das Hormon Gestagen zu synthetisieren. Das war zugleich die Geburtsstunde der Anti-Baby-Pille, die im August 1960 unter dem Namen Enovid® zunächst auf den amerikanischen Markt kam und als Anovlar® etwa 1 Jahr später auch in Deutschland zugelassen wurde. Seitdem gibt es regelmäßig neue Produkte. Die „moderne“ Pille enthält nur noch einen Bruchteil der Hormonmengen, die in früheren Präparaten enthalten waren. Längst geht es bei der Einnahme der Pille nicht mehr allein um hormonelle Verhütung, sondern es werden ihr auch Effekte wie „verbessertes Hautbild“, „verminderter Bartwuchs“ etc. zugeschrieben, die auf den Lifestylebereich abzielen.
Die Anti-Baby-Pille als sexueller Befreiungsschlag
Was die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer als Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation ansieht und die sexuelle Revolution stark vorangetrieben hat, war für die katholische Kirche immer eine moralische Bedrohung. Erst 2008 betonte Papst Benedikt XVI., die 1968 verkündete Enzyklika „Humanae Vitae“ habe weiterhin Gültigkeit, Verhütungsmittel bleiben verboten. Tatsächlich nehmen weltweit bis zu 120 Millionen Frauen hormonelle Verhütungsmittel ein, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. In Nord- und Mitteleuropa nehmen rund 40 bis 60 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter die „Pille“. Sie hat es erleichtert, Sex von der Fortpflanzung abzukoppeln. Frauen können seitdem sexuell aktiv sein, ohne Angst haben zu müssen, durch eine Schwangerschaft aus Beruf und Karriere herausgerissen zu werden.
Die Pille macht „scheinschwanger“
Die in der Anti-Baby-Pille enthaltene Kombination aus Gestagenen (ein synthetischer Abkömmling des Gelbkörperhormons Progesteron) und Östrogenen täuscht dem Körper eine Schwangerschaft vor. Der Eisprung wird unterdrückt. Zusätzlich verändert sich die Gebärmutterschleimhaut so, dass sich eine befruchtete Eizelle schlechter einnistet. Und ein verdickter Schleimpfropf erschwert den Spermien das Vordringen in die Gebärmutter. Außer der „klassischen Kombi-Pille“ gibt es die Mikropille (der Östrogenanteil liegt bei weniger als 50 Mikrogramm Ethinylestradiol pro Tag) und die Minipille ohne Östrogen. Seit Anfang 2009 ist auch eine neue Anti-Baby-Pille auf dem Markt, die das synthetisch hergestellte Gestagen Dienogest und die Östrogen-Komponente Estradiolvalerat statt dem bislang verwendeten Ethinylestradiol enthält. Estradiolvalerat wird im Körper in Estradiol, dem natürlichen Östrogen umgesetzt. Allerdings lässt sich bisher daraus noch nicht ableiten, dass diese Pille sicherer oder besser verträglich ist. Eine Aussage hierzu wird frühestens in etwa drei Jahren möglich sein, wenn Ergebnisse weiterer Studien vorliegen.
Die Pille und ihre Risiken
Zweifellos erleichtert die Anti-Baby-Pille den Frauen das Leben. Doch was ist mit etwaigen Risiken? Es scheint erwiesen, dass sich das Risiko für den Verschluss eines Blutgefäßes durch ein Blutgerinnsel (Thromboembolie) erhöht. Das gilt insbesondere dann, wenn Risikofaktoren wie Rauchen, erbliche Vorbelastung, Migräne, Fettleibigkeit etc. vorliegen. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen auch Depressionen, Wassereinlagerungen und Gewichtszunahme sowie ein erhöhtes Risiko für Gallensteine. In seltenen Fällen kann sich ein (zumeist gutartiger) Lebertumor entwickeln. Inwieweit die Hormonzufuhr das Risiko für Gebärmutterhals- und Brustkrebs erhöht, ist noch nicht ganz geklärt. Grundsätzlich ist jedoch eine umfassende ärztliche Beratung und Untersuchung vor Pilleneinnahme wichtig.
Autor/Quelle: Gerlinde Felix
