Erkältet am Arbeitsplatz - Abstand halten, so weit es geht

Fast jeder zweite Berufstätige geht auch mit einem grippalen Infekt arbeiten. Doch gerade am Arbeitsplatz ist es schwer, den Kontakt zu Erkälteten zu vermeiden. Dr. med. Mathias Dietrich, Facharzt für Arbeitsmedizin und Mitglied des Präsidiums des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V. (VDBW), gibt Tipps, wie die Ansteckungsgefahr im Job verringert werden kann und wie sich Erkältete verhalten sollten.

Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko am Arbeitsplatz während einer Erkältungswelle?

Das Risiko ist sehr hoch. Die Erkältungsviren verbreiten sich vor allem über Tröpfcheninfektion, also beim Niesen und Husten. Sie können dabei bis zu einen Meter weit fliegen. Menschen, die räumlich eng beisammen sind oder häufig wechselnde Gesprächspartner, zum Beispiel im Kundenkontakt haben, stecken sich eher an als solche, die in großen Hallen arbeiten und weniger mit anderen in Berührung kommen. Lehrer und Erzieher sind besonders gefährdet, denn Kinder sind wesentlich häufiger erkältet als Erwachsene, da ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist.

Oft gibt es in Büros Konflikte bezüglich der Raumtemperatur und der Lüftungssituation. Was raten Sie?

Ist die Heizung in Arbeitsräumen zu hoch eingestellt und wird zu wenig gelüftet, provoziert dies die Weitergabe von Erkältungskrankheiten. Regelmäßiges Stoßlüften verringert die Virenbelastung im Raum und erhöht die Luftfeuchtigkeit. Natürlich kann es hier zu Spannungen unter den Arbeitskollegen kommen, weil meist ein unterschiedliches Kälte-/ Wärmeempfinden zusammentrifft. Die meisten sind aber einsichtig, wenn ihnen erklärt wird, warum Lüften wichtig ist.

Auch Klimaanlagen können die Gesundheit beeinträchtigen. In vielen Büros sorgen falsch eingestellte Klimaanlagen für Kälte, Zugluft und trockene Luft. Das sind alles Faktoren, die eine Erkältung begünstigen. Betroffene Arbeitnehmer sollten ihren Chef bitten, die Anlage nicht zu kühl einzustellen.

Was sollte ich als Arbeitnehmer tun, wenn ich die ersten Symptome einer Erkältung verspüre?

Viele beginnen in diesem Stadium Apfelsinen zu essen oder Vitamine einzunehmen, um weiterhin arbeitsfähig zu bleiben. Um die Erkältung noch zu verhindern, ist das aber zu spät. Ein prophylaktisches Zuhausebleiben ist ebenfalls meist nicht nötig. Allerdings sollte körperliche Anstrengung vermieden werden. Da der Infekt oft mit Schluckbeschwerden und Halsschmerzen beginnt, hilft es, die Schleimhäute in Rachen, Mund und Nase besonders warm und feucht zu halten.

Um andere Personen nicht anzustecken, gilt die Devise: Abstand halten, so weit es geht. Wichtig ist dabei zu sagen, warum man Distanz hält. Kollegen und Kunden werden dafür Verständnis haben, denn jeder hatte bereits eine Erkältung und niemand möchte sich gern anstecken.

Kann sich eine Erkältung verschlimmern, wenn ich trotzdem arbeiten gehe?

Das hängt vom Beruf ab. Wer sich körperlich nicht anstrengen muss und die Erkältungssymptome in den Griff bekommt, kann arbeiten gehen. Das gilt jedoch nicht bei Fieber. Wer dann trotzdem arbeitet, riskiert Folgeerkrankungen, im schlimmsten Fall eine Herzmuskelentzündung. Bei Fieber sollte der Erkrankte daher auf jeden Fall seinen Hausarzt aufsuchen, denn in diesem Stadium haben sich die Viren bereits über die Schleimhäute hinweg im gesamten Organismus ausgebreitet.

Aber auch Menschen, die vor allem mit ihrer Stimme arbeiten, wie Sänger, Schauspieler und Call Agents, sollten mit Halsschmerzen zu Hause bleiben, damit die Stimmbänder nicht nachhaltig gestört werden. Viele, die in diesem Stadium ihre Stimme weiterhin stark beanspruchen, bekommen sonst bald keinen Ton mehr heraus.

Was sollte ich tun, wenn ich mich sehr schlecht fühle, aber die Arbeitsbelastung im Betrieb äußerst hoch ist und kein Ersatz bereit steht?

Ausschlaggebend ist letztlich die eigene Einschätzung der Situation. Folgende Frage kann jedoch bei der Entscheidung helfen: Kann es sich der Betrieb leisten, dass mehr als eine Arbeitskraft ausfällt? Damit ist gemeint, dass das Ansteckungsrisiko bei Erkältungen sehr hoch ist und somit der Arbeitsausfall weiterer Mitarbeiter provoziert wird, wenn ein Erkälteter weiter zur Arbeit geht.

Darf ich als Arbeitnehmer, obwohl ich krankgeschrieben bin, überhaupt arbeiten gehen?

Wenn man sich besser fühlt, warum nicht? Die Krankmeldung des Arztes ist kein Arbeitsverbot, sondern lediglich ein medizinisch begründeter Nachweis einer Arbeitsunfähigkeit. Sie gilt als Bescheinigung für den Arbeitgeber und die Sozialversicherung, die nach sechs Wochen Krankheit Krankengeld zahlt. Diese Bescheinigung verbietet aber keinen vorzeitigen Wiedereintritt ins Arbeitsleben.

Weitere Artikel



Darf ich kleinere Einkäufe erledigen, wenn ich wegen einer Erkältung krankgeschrieben bin?

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des Arztes ist keine Ausgehsperre. Der Einkauf von Lebensmitteln, Apothekenbesuche, aber beispielsweise auch der Gang zur Bank sind kein Problem. Die Selbstversorgung des Einzelnen muss gewährleistet bleiben. Mit einer Arbeitsunfähigkeit gehen keine Einschränkungen des Selbstbestimmungsrechts einher.

Auch muss der Erkrankte für seinen Arbeitgeber nicht immer telefonisch erreichbar sein, es sei denn, er verfügt über wichtige Gegenstände wie Schlüssel oder Unterlagen, die für den Arbeitsablauf wichtig sind. In solchen Fällen ist ein Anruf seitens des Betriebs legitim.