Kyudo - Der Weg des Bogens

Die Kunst des japanischen Bogenschießens hat meditative Aspekte. Disziplin, Aufmerksamkeit, Konzentration und innere Ruhe sind die wichtigsten vier mentalen Fähigkeiten, die man zum japanischen Bogenschießen braucht oder erlernen sollte. Kyûdô (Kyû bedeutet Bogen, Dô ist der Weg) ist eine der alten klassischen japanischen Kampfkünste und gilt als die wirkungsvollste Distanzwaffe der Samurai. Eigentlich zu kriegerischen Zwecken bestimmt, haben sich die Übungen allmählich zu einer kunstvollen Disziplin entwickelt, die Körper und Geist gleichermaßen fördert. Durch das Üben werden Konzentration und Koordination geschult und die Körperwahrnehmung und das Körpergefühl gestärkt.

Kein Hightech, aber höchste Geschicklichkeit

Im Gegensatz zu den westeuropäischen Bögen ist der japanische Bogen einfach, asymmetrisch und kommt ohne Visiereinrichtungen oder Pfeilauflage aus. Hinzu kommen ein zeremonieller Ablauf des Schießens und die traditionelle Kleidung, die sich aus dem Hosenrock und der Jacke des Samuraikriegers entwickelte. Der Bogen ist meist aus Bambus oder Holz gefertigt und etwa 2,25 Meter lang, mit einem Zuggewicht von 10 bis 20 kg. Der wichtigste Unterschied zu anderen Bögen ist die Asymmetrie: Der Pfeil wird nicht in der Bogenmitte, sondern zwischen unterem und mittleren Drittel abgeschossen. Er wird mit der Sehne auf etwa 15 cm Höhe aufgespannt. Ihn perfekt zu beherrschen erfordert lebenslanges Lernen - übrigens ein Merkmal aller japanischen Künste: nicht das Gerät wird perfektioniert, sondern der Mensch entwickelt sich an ihm.

Der Kyudopfeil wird traditionell auch aus Bambus hergestellt, doch häufig findet man die ca. 100 cm langen Aluminiumpfeile. Ein Kyudohandschuh, den man üblicherweise über die rechte Hand zieht, besteht aus Leder und hat einen verstärkten Daumen mit einer quer über die innere Wurzel verlaufenden Kerbe.

 

Die richtige Kyudo-Technik

So einfach der Bogen gestaltet sein mag, die Technik des Schießens hat es in sich. Denn der Hauptunterschied zwischen Kyudo und westlichen Bogenschießformen besteht im "dynamischen" Abschießen des Pfeiles durch die linke Hand. Die Schießtechnik hängt mit der Asymmetrie des Bogens zusammen: Der Bogen wird mit einem speziellen Griff mit der linken Hand gefasst. Der Pfeil wird einspannt und liegt auf der linken Daumenwurzel. Die Sehne hängt man in die Daumenkerbe des Handschuhs ein. Jetzt wird der Bogen auf die volle Pfeillänge gespannt, so dass die Sehne hinter dem rechten Ohr des Schützen, und der Pfeil an seiner Wange anliegt. Der Schuss wird ausgelöst, wenn gezielt Muskeln im Rücken und im ganzen Körper angespannt werden, wenn dabei gleichzeitig die linke Hand drückt und dreht und die rechte Hand eine gegensätzliche Drehung ausführt. Das Auslösen wird also nicht passiv bloß durch Loslassen der Sehne, sondern aktiv herbeigeführt.

 

Kyudo: Der Abschuss des Pfeiles

Während des Abschusses dreht sich der Bogen aus der Pfeilflugbahn heraus und der Pfeil wird dadurch frei in der Luft beschleunigt. Der Bogen kann so "auslaufen" und sich um fast 360° in der Hand des Schützen drehen. Durch die aktive Abschusstechnik wird die Pfeilgeschwindigkeit (ca. 200 km / h) erheblich gesteigert. Die Beweglichkeit der Bogenhand und die Präzision der Zughand ist aber nur möglich, wenn die Schultern locker und entspannt sind. Das erreicht man nur durch ausdauerndes Üben unter Anleitung und durch volle Konzentration.

Über acht genau festgelegte Bewegungsphasen müssen Körperhaltung und –spannung präzise koordiniert werden – dazu zählen u.a. der Stand, das Stabilisieren des Körpers, Heben und Öffnen des Bogens. Diese Bewegungsabläufe zu beherrschen und zu verfeinern ist ein wesentliches Ziel des Übens. Angst vor dem Versagen führt zur Verkrampfung, der Pfeil verfehlt sein Ziel. So wird das Schießen mit dem japanischen Bogen zu einem Training der inneren Ruhe.

 
1 2
weiter