Kyudo - Ziele: Shin, Zen, Bi
Kyudo: Bewegungsablauf
Im zeremoniell anmutenden Ablauf eines Schusses wird deutlich, welche Fähigkeiten der Schütze mitbringen muss: "Der Kyudoka kniet ab, grüßt das Ziel und streift den langen Kimonoärmel von der linken Schulter. Er steht auf, geht entschlossenen Schrittes zur Abschusslinie, kniet dort wieder ab, wendet sich zur Kamiza und legt den ersten Pfeil ein. Langsam steht er auf, setzt aufmerksam seine Füße und überprüft seine Haltung. Erst greift er die Sehne, dann den Bogen mit festem Griff, hebt ihn weit über den Kopf. Aus der Mitte des Körpers zieht er den Bogen auf, bis der Pfeil an der rechten Wange anliegt. Sein Körper wird fest, sein Geist wird ruhig. Beide sind auf das Ziel gerichtet. Ausgeatmet steigert er seine Kraft bis zum Maximum, bevor sich der Schuss löst und der Pfeil geradlinig zum Ziel fliegt..."
Höchste Ziele: Shin, Zen, Bi
Shin (Wahrheit), Zen (Güte) und Bi (Schönheit) sind in der "Philosophie" des japanischen Bogenschießens die höchsten Werte. Auffällig sind die Ruhe, Konzentration und Gelassenheit, mit der die Meister ihre Schießübungen durchführen. Sehr häufig findet man daher im Zusammenhang mit dem japanischen Bogenschießen den Begriff "Zen-Bogenschießen".
Doch Zen, darin sind sich Zen-Meister einig, ist nicht definierbar, es kann erfahren und vielleicht umschrieben werden. Zen, so erklärt es die Literatur, kann man als eine Übung umschreiben, um die wahre Natur der Dinge und so auch des eigenen ich zu erkennen. Eines der wichtigsten Prinzipien ist die Achtsamkeit in allem Tun. Auf Kyudo bezogen erlernt der Schüler die Schießtechnik und wird versuchen, sie durch konsequentes und präzises Üben weiter zu verfeinern. Ist seine Technik fast zur Perfektion ausgereift (etwa ab dem 5. Meistergrad), braucht er sich nicht mehr auf sie zu konzentrieren und es kann sein, dass sich der (richtig vorbereitete) Schuss in einem Zustand der Losgelöstheit von selbst löst.
Es war der Philosoph Eugen Herrigel (1884–1955), der maßgeblich zur Bekanntheit des Zen in Europa beigetragen hat. Sein bekanntestes Werk ist Zen in der Kunst des Bogenschießens. Von 1926 bis 1929 lehrte er in Japan und lernte dort auch Kyudo. Doch gilt seine Darstellung nicht als Lehrbuch, sondern als ein sehr persönlicher, essayistischer Erfahrungsbericht eines der ersten Europäer, die mit Kyudo in näheren Kontakt gekommen sind und beinhaltet wohl auch einige Irrtümer. Durch das Konzentrieren auf das achtsame Tun erfahre man Zen. Deutlich formuliert es der Schweizerische Kyudo Verband: "Kyudo ist der Weg der vollkommenen Tugend. Im Schießen muss man Aufrichtigkeit in sich selbst suchen. Mit der Aufrichtigkeit des Selbst kann das Schießen verwirklicht werden. In Zeiten in denen das Schießen misslingt, sollte kein Groll gegenüber jenen, die erfolgreich sind, herrschen. Im Gegenteil, dies ist eine Gelegenheit zur Selbstfindung.“ (Kodex zur Etiquette - Wahrheit des Schießens, s. Webseiten des Schweizerischen Kyudo Verbandes.)
Kyudo ist für jeden geeignet
Muskelkraft ist beim Kyudo zweitrangig - sensible Bewegungskoordination ist genauso wichtig. Wer mit dem japanischen Bogenschießen beginnt, lernt viel über sich selbst. Wenn man z.B. das Ziel nicht trifft, fragt man sich, warum die Konzentration ausbleibt, welche Auslöser eigentlich zu den Verkrampfungen führen. Man lernt, Sorgen und Ängste auszuschalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, dabei Ehrgeiz und Ungeduld mit Gelassenheit und Ausdauer zu ersetzen. Im Umkehrschluss ist das stetige Verfeinern und Präzisieren eine gute Schule, um auch schwierigen Alltagssituationen gelassener zu begegnen.
Kyudo lässt sich nicht allein lernen. Es handelt sich um eine anspruchsvolle Technik, die ständige Anleitung und Korrektur durch einen erfahrenen Meister braucht. Ohne Anleitung besteht ein hohes Verletzungsrisiko. Dafür kann Kyudo von jedem erlernt werden, unabhängig von Körperkraft und Alter. Das Zuggewicht des Bogens wird der Kraft und dem Entwicklungsstand des Schülers angepasst. Viele Bogenschützen bleiben bis ins hohe Alter aktiv. Durch das Üben wird der ganze Körper symmetrisch trainiert, insbesondere der Rücken. Die Übungen wirken sich positiv auf Körperhaltung, Balance und Bewegungskoordination aus. Viele Europäer beherrschen ihren Bogen inzwischen wie die Asiaten, denn Kyudo funktioniert ohne elektronisches Zielvisier, nur durch akkurate Bewegung.
Autor/Quelle: bo

