Neue Pollen: Traubenkraut und Esche

Als hätten wir mit Birke, Hasel, Erle und Gräsern nicht schon genug Probleme - neuerdings leiden immer mehr Menschen in Mitteleuropa auch wegen einer Überempfindlichkeit gegen die Pollen von Traubenkraut und Esche an allergischen Beschwerden. Darauf macht der Biologe Dr. Siegfried Jäger vom Universitätsklinikum Wien aufmerksam. Die größten Sorgen bereitet dem Pollenexperten das aus Amerika eingeschleppte Traubenkraut (Ragweed). Jäger: "Wirklich sicher vor Ragweed sind in Europa nur Regionen über 400 bis 500 Metern Höhe, der Mittelmeerraum und der hohe Norden."

Nachdem Ragweed lange Zeit vor allem im Karpaten-Becken, in einigen Regionen Norditaliens und im Rhône-Tal gedieh, wandert es allmählich immer weiter Richtung Mitteleuropa. Jäger: "Ein Grund hierfür scheint die Klimaerwärmung zu sein. Insbesondere die verlängerte Wachstumsperiode durch die gehäuften warmen Spätsommer kommt dem Traubenkraut zugute. Ragweed wird auch in Deutschland zum Problem werden", prophezeit Jäger. "Zunächst vor allem in den östlichen Bundesländern."

Professor Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), empfiehlt deshalb, im Standard-Allergietest auch Traubenkraut zu berücksichtigen.

Bis zu zwölf Prozent der Bevölkerung betroffen

Andere europäische Staaten haben mit dem Gast aus Übersee bereits leidvolle Erfahrungen gemacht. In Regionen Italiens oder Frankreichs, in denen viel Ragweed gedeiht, leiden bis zu zwölf Prozent der Bevölkerung an einer Ragweed-Allergie - also mehr als jeder Zehnte. Erst kürzlich wurden aus der Schweiz steigende Erkrankungszahlen gemeldet. Die Betroffenen treibt es zur Blütezeit der Pflanze Ende August/Anfang September in Scharen zu den Ärzten.

Die Behandlung von Patienten mit einer Ragweed-Allergie allein am zentralen Klinikum von Mailand kostete im Jahr 2002 knapp 1,4 Millionen Euro. Sogar Menschen, die in Gegenden wohnen, in denen Traubenkraut gar nicht gedeiht, sind vor den Pollen nicht sicher. Jäger: "Die Pollen wurden sogar schon am Polarkreis in Finnland nachgewiesen. Sie stammten wahrscheinlich aus der Ukraine."

Die Ausbreitung von Traubenkraut zu verhindern, ist schwierig. Konsequentes Roden der Bestände oder regelmäßiges Mähen sind zwar effektiv, aber sehr aufwändig, Unkrautvernichter (Herbizide) schädigen oft auch andere Pflanzen und belasten die Umwelt. Jäger: "Mittel, die gezielt nur Traubenkraut abtöten und gleichzeitig umweltverträglich sind, sind bisher nicht auf dem Markt."

Auf jeden Fall zum Allergologen

Egal, ob "neue" oder "alte" Allergieauslöser - in fachkundige ärztliche Behandlung gehören alle Allergiker. DGAKI-Präsident Schultze-Werninghaus: "Ein allergologisch ausgebildeter Facharzt kann durch gezieltes Erheben der Krankengeschichte, Hauttests, Blutuntersuchungen und eventuell weitere Testverfahren feststellen, ob eine Allergie vorliegt und gegen welche Substanzen sie sich richtet. Das ist die Voraussetzung, um eine ursächliche Therapie einleiten zu können."

Bei Pollenallergien hat sich die so genannte spezifische Immuntherapie bewährt. Hier werden den Patienten regelmäßig standardisierte Lösungen mit den Allergieauslösern unter die Haut injiziert. Die Erfolgsquoten der auch Hyposensibilisierung genannten spezifischen Immuntherapie erreichen bei Pollenallergien über 90 Prozent. Auch beim Traubenkraut stehen standardisierte Extrakte für die Hyposensibilisierung zur Verfügung.

Eschenpollenallergie durch Urlaub am Mittelmeer?

Ein weiterer "Newcomer" unter den Allergieverursachern scheinen Eschen zu werden. Hohe Konzentrationen von Eschenpollen, die zu allergischen Beschwerden führen können, traten früher fast ausschließlich in der Schweiz auf. Erst in den letzten Jahren werden sie auch in den Nachbarländern beobachtet.

Ein möglicher Grund ist wiederum der Klimawandel: Wenn es wärmer wird, gedeihen die Bäume besser und produzieren mehr Pollen. Jäger vermutet aber noch eine andere Ursache: "Früher fütterten viele Landwirte ihr Vieh im Winter mit Zweigen von Eschen. Heute wird das so nicht mehr praktiziert. Möglicherweise fliegen mehr Pollen, weil die Bäume nicht mehr regelmäßig beschnitten werden."

Auch unsere Reiselust trägt Mitschuld an der Zunahme der Eschenpollenallergien. Wer zur Oliven-Blüte im Mai/Juni am Mittelmeer Urlaub macht, entwickelt eventuell eine Überempfindlichkeit gegen Olivenpollen. Weil Oliven- und Eschenpollen sich stark ähneln, können die Betroffenen dann im nächsten Jahr auf die Eschenpollen daheim allergisch reagieren.

Eine Eschenpollenallergie kann leicht mit einer Birkenpollenallergie verwechselt werden - beide Baumarten blühen zur gleichen Zeit. Daher sollten Eschenpollen im Standard-Allergietest berücksichtigt werden, fordert DGAKI-Präsident Schultze-Werninghaus.

Schimmel im Bad begünstigt Allergie im Sommer

Auch Allergien gegen den Schimmelpilz "Alternaria" werden häufig verwechselt - mit einer Gräserpollenallergie. Denn Pilzsporen und Gräserpollen fliegen im Sommer nahezu zeitgleich: Schimmelpilze lassen ihre Sporen unmittelbar nach der Gräserpollenzeit fliegen. Und weil die Pilze gerne auf abgestorbenen Gräsern und ähnlichem Material wachsen, sind auch die Orte identisch, an denen die Nase läuft.

Alternaria-Allergien sind ebenfalls auf dem Vormarsch. "Inzwischen leiden etwa zehn Prozent der Allergiker an einer Schimmelpilz-Allergie", erläutert Jäger. Ursache der Zunahme ist möglicherweise ein Problem in den Wohnungen. Alternaria wächst nämlich auch in feuchten Innenräumen. Die Zahl pilzverseuchter Wohnungen nimmt ständig zu, unter anderem wegen hermetisch schließender Fenster und falscher Lüftung der Räume.

Jäger: Durch den ständigen Kontakt mit Pilzsporen in der Wohnung kann sich eine Überempfindlichkeit entwickeln. Sie macht sich dann auch draußen bemerkbar, wenn im Sommer die Alternariapollen fliegen." Zum Glück lässt sich eine Alternaria-Allergie ebenfalls mit einer spezifischen Immuntherapie behandeln.