Schwangerschaftsdiabetes

Schwangerschaftszucker, Gestationsdiabetes, Graviditätsdiabetes oder Zuckerkrankheit während der Schwangerschaft sind verschiedene Bezeichnungen für ein und die selbe Erkrankung: Schwangerschaftsdiabetes.
Jede während einer Schwangerschaft erkannte Störung des Zuckerstoffwechsels wird als Schwangerschaftsdiabetes bezeichnet, unabhängig davon, ob die Zuckerkrankheit während der Schwangerschaft neu aufgetreten ist oder schon vorher unerkannt bestand. Klar davon abgegrenzt wird der bereits vor Eintreten der Schwangerschaft manifeste Diabetes (= Diabetes in Graviditate). Hier handelt es sich meist um einen Typ-I-Diabetes.

Ursachen von Gestationsdiabetes

Etwa 2,5 Prozent aller Schwangeren sind zuckerkrank. Der Grund für das Auftreten der Störung ist nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich besteht eine genetische Veranlagung für die diabetische Stoffwechsellage. Die betroffenen Frauen haben vermutlich bereits vor der Schwangerschaft das Potential für einen erhöhten Blutzuckerspiegel.

Da während der Schwangerschaft eine starke Umstellung im Hormonhaushalt stattfindet, nimmt man an, dass es zu Wechselwirkungen zwischen den weiblichen Geschlechtshormonen (Östrogen, Progesteron), den Plazentahormonen (HCG, HPL) und dem blutzuckerregulierenden Hormon Insulin kommt. Möglicherweise stimulieren die in hoher Konzentration vorhandenen Hormone die Ausschüttung von Insulin, bis die Reserven erschöpft sind, oder sie verringern dessen Wirkung am Endorgan (Muskel, Leber).

Gleichzeitig wird, so nimmt man an, in der Plazenta (Mutterkuchen) vermehrt Insulin abgebaut, was die Zuckerverwertung weiter drosselt und einen hohen Zuckergehalt im Blut begünstigt.

Symptome und Anzeichen

Vom "gewöhnlichen" Diabetes unterscheidet sich der Gestationsdiabetes dadurch, dass die hohen Zuckerspiegel besonders nach der Nahrungsaufnahme auftreten. Zudem zeigt sich in den ersten Schwangerschaftmonaten eine vermehrte Neigung zum Erbrechen, was die Regelung des Blutzuckerspiegels durch eine gezielte Nahrungszufuhr erschwert.

Für die Schwangere bedeutet die Zuckerkrankheit auch erhöhte Anfälligkeit gegenüber Harnwegsinfekten und grössere Gefahr der Ausbildung einer Gestose, einer schwerwiegenden Schwangerschafts-Komplikation. Die in diesem Zusammenhang häufig vermehrte Bildung von Fruchtwasser durch den Fötus (Hydramnion) kann zu Spannungsschmerzen im Bauch, zu einer Störung der Nahrungsaufnahme und zu erschwerter Atmung führen. Weiter besteht die Gefahr, dass die Stoffwechselentgleisung nach der Entbindung bestehen bleibt.

Für das Ungeborene sind die Folgen meist gravierender als für die Mutter. Die negative Wirkung des Zuckers auf die Gefässe führt zu einer verminderten Durchblutung der Plazenta, was die Ernährung des Fötus gefährdet (Plazentainsuffizienz). Verschärft wird dieses Problem durch den mechanischen Druck, welcher vom Hydramnion ausgehen kann.

Unbehandelte Diabetesschwangerschaft

Wird eine Diabetesschwangerschaft unbehandelt ausgetragen, zeigt das Neugeborene oft (in rund 40 Prozent der Fälle) die typischen Merkmale der so genannten diabetischen Fetopathie. Diese ist charakterisiert durch den Gegensatz zwischen einem abnorm grossen Kind (4,5 Kilogramm und mehr) und einem deutlichen Entwicklungsrückstand. Von der Unreife ist besonders die Lunge betroffen, weshalb es zum Atemnotsyndrom kommen kann.

Während der Schwangerschaft reagiert das Ungeborene auf das Zuckerüberangebot der Mutter mit einer vermehrten Insulinausschüttung, um den eigenen Blutzuckerspiegel niedrig zu halten (Insulin senkt die Zuckerkonzentration im Blut). Ein weiteres Problem ergibt sich somit aus dem tiefen Blutzuckerspiegel beim Neugeborenen kurz nach der Entbindung. Durch das Ausbleiben der hohen mütterlichen Zuckerzufuhr hat das Kind im Verhältnis zum nun eingeschränkten Zuckerangebot einen zu hohen Insulinspiegel.

Plazentadurchblutung kontrollieren

In der Schweiz werden bei allen Schwangeren routinemässig Blutzuckerkontrollen durchgeführt. Bei Verdacht wird neben den üblichen Diabetesuntersuchungen zusätzlich die Grösse und der Zustand des Feten mittels Ultraschall gemessen. Durch diese regelmässigen Beobachtungen kann neben Anomalien auch die Entwicklung und das Wachstum des ungeborenen Kindes erkannt werden.

Die Kontrolle der Plazentadurchblutung wird mit einer Doppler Sonographie durchgeführt. In der 16. Schwangerschaftswoche wird zusätzlich das Alpha-Fetoprotein (AFP) zum Ausschluss von Fehlbildungen bestimmt. Bei optimaler Therapie kann das Risiko für Mutter und Kind auf ein Minimum reduziert werden. Die Komplikationen während und nach der Geburt können durch sorgfältige Überwachung und sofortiges Handeln häufig vermieden werden. Erfreulicherweise verschwindet die Stoffwechselstörung nach der Schwangerschaft in der Mehrzahl der Fälle.

Komplikationen

Die Hauptgefahr für die Mutter (und folglich auch für das Kind) besteht darin, dass es zu einer massiven Kreislaufentgleisung (Gestose, Pfropfgestose) mit Ödemen, Nierenfunktionsstörungen (vermehrte Eiweissausscheidung) und Bluthochdruck kommen kann. In diesem Fall droht auch eine Frühgeburt, insbesondere wenn gleichzeitig auch ein Infekt vorliegt. Erfolgt keine zeit- und fachgerechte Behandlung, können lebensbedrohliche Krampfzustände (Eklampsie) auftreten.

Geburtsprobleme ergeben sich durch die ungenügend arbeitende Plazenta und die Übergrösse des Kindes. Die Frucht kann durch den Diabetes der Mutter in der Frühentwicklung gestört sein. Dabei kann es zum Abort oder zu bleibenden Schäden (zwei bis drei mal häufiger als bei Nichtdiabetikerinnen) am Embryo kommen (Embryopathie). Diese betreffen besonders die unteren Extremitäten, Herz und Nieren.

Nach erfolgter Geburt können ein problematischer Stoffwechsel (tiefer Zuckerspiegel, gestörter Elektrolyt- und Wasserhaushalt, hoher Bilirubinspiegel) und Atemprobleme (ANS, Atemnotsyndrom) das Leben des Säuglings bedrohen. Bei rund einem Drittel der betroffenen Kinder kann die unreife Lunge ihre Funktion nicht in vollem Umfang wahrnehmen.

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Vorbeugende Maßnahmen

Die Schwangere kann durch regelmässige Messung des Blutzuckerspiegels und durch disziplinierte Einhaltung der Diät wesentlich zu ihrem und dem Wohl des Kindes beitragen. Von Ärzteseite ist die frühe Erfassung und Behandlung des Diabetes von grosser Wichtigkeit.