Hypertone Retinopathie
Retinopathia hypertensiva: Der Oberbegriff Retinopathie beschreibt eine Reihe krankhafter, nicht-entzündlicher und wuchender Veränderungen der Netzhaut. Unter einer hypertonen Retinopathie (Retinopathia hypertensiva) versteht man eine durch chronischen Bluthochdruck hervorgerufene Schädigung der Netzhautgefässe, die ein Beeinträchtigung der Netzhaut zur Folge hat. Dies kann die Sehschärfe beeinträchtigen und unter Umständen bis zur Erblindung führen.
Ursachen einer hypertonen Retinopathie
Über Jahre bleiben die meisten Bluthochdruckpatienten beschwerdefrei, das heisst, subjektiv geht es ihnen gut. Gesundheitliche Probleme entstehen durch die Folgeschäden des ständig erhöhten Blutdruckes, die häufig erst nach einigen Jahren auftreten. Hiervon betroffen sind vor allem die Gefässe des Herz-/Kreislaufsystems.
Durch Arterienverkalkung kommt es zu einer zunehmenden Verdickung der Gefässinnenwände, wodurch der Gefässdurchmesser verringert und somit der Blutstrom in den Gefässen vermindert wird. Als Folge hiervon, kommt es zu einem zunehmendem Anstieg des Blutdruckes in den Gefässen. Am Herzen kann es hierdurch zum Beispiel zur Entstehung einer koronaren Herzkrankheit bis hin zum Herzinfarkt kommen. Zudem werden die Gefässe brüchiger.
Daneben können aber auch die kleinen Blutgefässe im gesamten Organismus, wie die so genannten Kapillaren der Augennetzhaut (Retina), in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die Sinneszellen in der Netzhaut (die lichtempfindlichen Stäbchen und die farberkennenden Zapfen) erfassen die unterschiedlichen Lichtreize, die aus der Aussenwelt auf das Auge treffen, und leiten sie zum Gehirn weiter, wo sie schliesslich zu dem von uns wahrgenommenen Bild verarbeitet werden.
Für eine ungestörte Funktion der Netzhaut ist ihre Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff über ihre Blutgefässe sehr wichtig. Durch chronischen Bluthochdruck und der hieraus resultierenden Arteriosklerose der Gefässe kann es zu einem Verschluss und/oder einer erhöhten Durchlässigkeit dieser die Netzhaut versorgenden Blutgefässe kommen. Als Folge treten Störungen in der Nährstoff- und Sauerstoffversorgung der Netzhaut auf, die zu einer Sehbeeinträchtigungen bis hin zur Blindheit führen können.
Merkmale, Diagnostik, Verlauf
Durch die Verengung und/oder Perforation der Gefässe treten strichförmige Netzhautblutungen und so genannte Cotton-Wool-Herde (kleine helle, watteartige Flecken, die durch Verschlüsse kleiner Netzhautgefässe entstehen) auf, was eine Verschlechterung des Sehens bedingt.
Werden grössere Areale von Blutgefässen in der Netzhaut durch die Erkrankung versc hlossen, versucht die Netzhaut die hieraus resultierende Unterversorgung der Netzhaut mit Sauerstoff durch die Neubildung von Gefässen wieder auszugleichen. Diese neu gebildeten, intakten Gefässe sind jedoch äusserst brüchig und wachsen zum Teil in den vor der Netzhaut liegenden Glaskörper, wo sie leicht zu bluten beginnen.
Liegt eine solche Blutung vor der Stelle des schärfsten Sehens (Makula), kann es zu einer akuten Erblindung des Patienten kommen. Gleichzeitig führt der körpereigene Versuch, das Blut wieder aus dem Glaskörper zu beseitigen, zu einer erheblichen Narbenbildung, die mit einer Schrumpfung der Netzhaut einhergeht und schliesslich - aufgrund der entstehenden Zugwirkung an der Netzhaut - zu einem Abreissen der Netzhaut und somit ebenfalls zur Erblindung führen kann.
Dem Bluthochdruckpatienten bleiben die Veränderungen, die sein Sehvermögen zerstören, lange Zeit verborgen. Damit eine Netzhautschädigung so früh wie möglich behandelt werden kann, ist es daher unbedingt erforderlich, dass Patienten mit erhöhtem Blutdruck regelmässig ihre Augen kontrollieren lassen.
Durch eine Untersuchung des Augenhintergrundes kann der Arzt krankhafte Veränderungen im Auge zweifelsfrei erkennen, eine Retinopathie diagnostizieren und entsprechend behandeln, bevor der Patient die möglichen Sehstörungen überhaupt wahrnimmt.
Bei einer Augenspiegleung lassen sich zum Beispiel Cotton-Woll-Herde, die durch den Verschluss kleiner Netzhautgefässe entstehen, anhand ihres charakteristischen fleckenartigen Aussehens erkennen.
Bei einer Retinopathie kann durch eine Farbstoffuntersuchung (Fluoreszein-Angiographie) festgestellt werden, ob eine Laserbehandlung der Netzhaut notwendig ist. Bei diesem Test wird ein Farbstoff in den Arm injiziert und anschliessend Aufnahmen vom Auge beziehungsweise den sie versorgenden Gefässen gemacht. Hierdurch kann ermittelt werden, ob und wo Flüssigkeit durch die Blutgefässe der Netzhaut austritt. Diese können durch das gezielte Bestrahlen mit Laserlicht verschlossen werden, wodurch ein weiterer Austritt von Flüssigkeit aus diesen porösen Gefässen unterbunden wird.
Komplikationen bei hypertoner Retinopathie
Wird die Retinopathie nicht gleich zu Beginn erkannt und rechtzeitig behandelt, droht den Betroffenen die Erblindung.
Die Entwicklung der Retinopathie ist besonders ungünstig, wenn der Betroffene gleichzeitig unter Diabetes mellitus leidet, welcher ebenfalls der Auslöser für eine Retinopathie (diabetische Retinopathie) sein kann. In diesem Fall ist eine weitere, wichtige therapeutische Massnahme die medikamentöse Regulation des Blutzuckers.
Behandlung einer hypertonen Retinopathie
Die Sehverschlechterung aufgrund einer bluthochdruckbedingten Retinopathie kann oft durch eine medikamentöse Blutdrucksenkung zumindest teilweise rückgängig gemacht werden. Allerdings nur, wenn der Bluthochdruck die alleinige Ursache der krankhaften Netzhautveränderung ist.
Führt die medikamentöse Senkung des Blutdrucke s nicht zum Erfolg, so bieten sich mehrere alternative Behandlungsverfahren an: Bei der so genannten Laser-Therapie - auch Laser-Koagulation oder Photo-Koagulation genannt - werden die krankhafte Blutgefässwucherung auf der geschädigten Netzhaut gezielt mit Lichtstrahlen "beschossen" und so die Bildung weiterer Gefässveränderungen unterdrückt. Laser-Behandlungen sind nahezu schmerzlos und müssen je nach Stadium der Erkrankung wiederholt werden.
Bei der Kryokoagulation (Vereisung) werden Bereiche der Netzhaut auf minus 70 Grad abgekühlt. Diese Kältebehandlung entspricht in ihrer Wirkung der Laserbehandlung. Sie wird dann eingesetzt, wenn eine Laserbehandlung nicht mehr möglich ist.
Bei weit fortgeschrittener Erkrankung mit ausgedehnten Gefässwucherungen und schweren Blutungen ins Augeninnere reicht die Laser-Behandlung nicht aus. Für die hiervon betroffenen Patienten steht heute eine neues Operationsverfahren zur Verfügung: die Glaskörperoperation (Vitrektomie).
Bei diesem mikrochirurgischen Eingriff, die meist stationär und unter örtlicher Betäubung durchgeführt werden kann, können weitere Blutungen vermieden werden, in dem der blutgefüllte Glaskörper entfernt und durch eine klare Lösung ersetzt wird. Wenn sich die Netzhaut abgelöst hat, kann dieser Schaden ebenfalls während der Glaskörperoperation behoben werden. Durch diesen Eingriff gelingt es oftmals wieder eine brauchbare Sehschärfe herzustellen.
Vorbeugende Massnahmen
Die Früherkennung der hypertonen Retinopathie ist der beste Schutz gegen den Verlust der Sehkraft. Das Risiko des Sehkraftverlustes durch eine Retionpathie kann durch regelmässige augenärztliche Untersuchungen des Augenhintergrundes vermindert werden.
Der Blutdruck sollte regelmässig kontrolliert und gegebenenfalls medikamentös eingestellt werden. Zudem sollte darauf geachtet werden, Bewegungen zu vermeiden, die zu einer Blutdruckerhöhung im Kopf führen, beispielsweise das Heben von schweren Gegenständen oder längeres Arbeiten in gebückter Haltung.
Weiterhin sollten Patienten mit chronischem Bluthochdruck auf Nikotin- und übermässigen Alkoholgenuss verzichten. Diabetiker, die besonders gefährdet sind an einer Retinopathie zu erkranken, sollten zudem auf eine exakte Einstellung ihres Blutzuckerspiegels und strenge Einhaltung ihrer Diätvorschriften achten.
