Experteninterview zum Schlaganfall

PD Dr. Med. Philippe Lyrer ist leitender Arzt der Neurologischen Universitätsklinik Basel, Schweiz. Er studierte an der medizinischen Fakultät der Universität Basel und bildete sich ab 1987 an der neurologischen Universitätsklinik Basel in klinischer Neurologie weiter. Ein Studienaufenthalt führte ihn 1992 nach London/Ontario, Kanada. 1983 erwarb er den Facharzttitel FMH für Neurologie und er wurde zum klinischen Oberarzt der Neurologischen Klinik befördert.

Seit Herbst 1994 hat er zusätzlich die fachliche Führung der Abteilung für zerebrale Ultraschalldiagnostik unter sich. 1997 erfolgte die Ernennung zum leitenden Arzt. Begleitend zur klinischen Tätigkeit hat er das koordinierte Abklärungs- und Behandlungskonzept für Schlaganfall, die sogenannte "Stroke Unit", massgeblich mitentwickelt. Seine Forschungsarbeiten und Publikationen befassen sich mit zerebrovaskulären Erkrankungen. Es ist Mitglied mehrerer nationaler und internationaler Fachgesellschaften, unter anderem der Zerebrovaskulären Arbeitsgruppe der Schweiz (Sekretär - Vorsitz).

gesundheit.de: Schlaganfall - was ist das eigentlich?

Dr. Lyrer: Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation ist ein Schlaganfall oder Gehirnschlag eine örtlich begrenzte Störung im Gehirn. Die Ursache ist ungenügende oder gänzlich fehlende Durchblutung. Charakteristisch für einen Schlaganfall sind Symptome die auf den Verlust gewisser Hirnfunktionen hinweisen und die länger als 24 Stunden anhalten. Auch ein plötzlich eintretender Tod ohne Hinweis auf andere Gründe spricht für einen Schlaganfall.

In einigen - wenn auch seltenen - Fällen kommt es zum totalen Verlust aller Gehirnfunktionen. Das passiert zum Beispiel bei Patienten im Koma oder bei Patienten mit Blutungen im so genannten Spinngewebe des Gehirns (Subarachnoidalraum).

Welche Risikofaktoren für den Schlaganfall kann man selbst ausschalten?

Änderungen im persönlichen Lebensstil können vor einem Gehirnschlag schützen. Man kann zum Beispiel schädliche Gewohnheiten ändern oder den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern. Hoher Blutdruck gehört zu den häufigen Risikofaktoren. Etwa 70 Prozent aller Opfer eines Schlaganfalls leiden darunter. Diabetes oder zu viel Cholesterin sind weitere Risikofaktoren.

Daneben vergrößern auch alle Arten von Herzerkrankungen, wie Vorkammerflimmern, Infarkte, künstliche Herzklappen oder andere Herzfehler das Risiko. Ein weiterer Grund kann Arterienverkalkung sein: Ist die Halsschlagader, welche das Gehirn mit Blut versorgt, durch Arteriosklerose verhärtet, bedingt dies ein hohes Risiko.

Wie kann man sich konkret vor einem Schlaganfall schützen?

Sie können, wie bereits gesagt, versuchen, alle bekannten Risikofaktoren einzuschränken. Das heißt, wer an hohem Blutdruck, Herzerkrankungen, Diabetes oder anderen Erkrankungen leidet, sollte diese unbedingt behandeln lassen. Schlaganfälle treten häufig in Folge bereits vorhandener, anderer Erkrankungen auf. Fettarme Ernährung und mäßiger Sport werden zur Vorbeugung ebenso empfohlen. Und wer raucht, sollte diese Gewohnheit möglichst einschränken oder ganz aufgeben.

Tritt ein Schlaganfall in bestimmten Altersgruppen oder je nach Geschlecht gehäuft auf?

Jetzt sprechen wir über diejenigen Risikofaktoren, die man nicht ausschalten kann. Das Alter oder das Geschlecht kann man ja nicht beeinflussen. Aber Schlaganfälle treten durchaus schon bei Zwanzig- oder Dreißigjährigen auf. Warum? Zum Beispiel häufen sich Schlaganfälle innerhalb bestimmter Familien. Solche Fälle bei Familienangehörigen sind für sich alleine schon ein Risikofaktor. Bei Stoffwechselstörungen oder anderen vorhandenen Erkrankungen kann es ebenfalls bereits in jungen Jahren zu einem Schlaganfall kommen.

Auch die Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen Gruppen erhöht das Risiko: In den USA gibt es zum Beispiel nachweislich weniger weiße Schlaganfallpatienten, als Schwarze oder Hispanier. Ein weiteres Risiko stellen bereits erlittene Anfälle dar. Wer bereits einen Schlaganfall hatte, erleidet mit höherer Wahrscheinlichkeit einen weiteren, als jemand, der noch keinen hatte. Was das Geschlecht betrifft, so haben Männer unter achtzig ein höheres Risiko als Frauen. Nach dem achtzigsten Lebensjahr gibt es dagegen mehr weibliche als männliche Schlaganfallpatienten. Aber möglicherweise liegt das daran, dass es in dieser Altersgruppe einfach mehr Frauen gibt.

Wie erkennt man einen Schlaganfall?

Die verbreitetsten Symptome sind Lähmungen oder Taubheit am Arm oder Bein der gleichen Körperseite. Oft treten auch Sprach- oder Schreibschwierigkeiten auf. Oder der Patient reagiert verwirrt und weiß nicht mehr, wo er sich befindet oder was er tut. Die Sehfähigkeit eines Auges kann eingeschränkt sein, oder es kommt zur Doppelsichtigkeit. Ein anderes typisches Symptom ist die gleichzeitige Lähmung beider Arme und Beine. Wer einen Schlaganfall vermutet, wendet sich bei der großen Vielfalt möglicher Symptome am Besten an einen Arzt. Dieser kann dann dank seiner Erfahrung eine gesicherte Diagnose stellen.

Soll man einen Schlaganfallpatienten ins Krankenhaus bringen?

Ja, so rasch wie nur möglich. Das heißt konkret: zuerst eine Ambulanz, dann den Hausarzt verständigen und diesen um Rat fragen. Wenn die Ambulanz zuerst eintrifft, sollte man aber nicht auf den Hausarzt warten. Ein Schlaganfall kann fortschreiten. Es kann auch innerhalb weniger Stunden ein weiterer Anfall auftreten. Darum auf jeden Fall so rasch wie möglich ins Krankenhaus.

Wie viele Patienten sterben auf dem Transport?

Ein schwerer Schlaganfall kann tödlich sein. Aber Todesfälle auf dem Transport sind eher selten. Das größte Problem bei einem Schlaganfall ist die plötzlich entstehende Abhängigkeit. Schlaganfallpatienten können ihr normales Leben nicht weiter führen. Sie werden invalid. Von allen bei uns eingelieferten Schlaganfallpatienten sterben in den ersten vierzehn Tagen lediglich sieben Prozent.

Die Todesrate im ersten Jahr nach einem ersten Schlaganfall beträgt zwanzig bis dreißig Prozent. Aber viele dieser Patienten erliegen anderen Erkrankungen, zum Beispiel Herzkrankheiten. Wie bereits gesagt, ist ein Schlaganfall oft die Konsequenz einem anderen, zugrunde liegenden Leiden. An einem Schlaganfall stirbt man nur, wenn dieser extrem schwer ist.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, nach einem ersten noch einen weiteren Schlaganfall zu erleiden?

Das kommt auf die persönlichen Begleitumstände an. Generell liegt das Risiko, innerhalb eines Jahres einen zweiten Schlaganfall zu erleiden, bei etwa zwölf Prozent. Nach fünf Jahren steigt das Risiko auf dreißig Prozent. Wer an Verengung der Halsschlagadern leidet und die Ablagerungen in den Gefäßen nicht operativ entfernen lässt, der erhöht sein Risiko auf einen zweiten Anfall innerhalb der nächsten dreißig Monate auf achtzehn Prozent. Schlaganfälle treten also durchaus mehrfach auf.

Wie verändert sich das Leben eines Schlaganfallpatienten?

Schlaganfälle bedingen, wie bereits gesagt, Pflegebedürftigkeit. Wer zu Hause ist, braucht Hilfe bei der täglichen Arbeit. Oder der Patient bleibt sogar so stark behindert, dass eine Einweisung in ein Pflegeheim nötig wird. Bleibende Sprachstörungen verursachen große Kommunikationsprobleme. Die Gehfähigkeit geht unter Umständen vollkommen verloren. Besonders das Treppensteigen bereitet auch bei Teillähmungen Schwierigkeiten. Wer die Hände nicht mehr ohne Probleme bewegen kann, ist im Vergleich zur Lähmung der Beine subjektiv vielleicht etwas weniger stark eingeschränkt.

Vergesslichkeit, Orientierungsprobleme oder Sehstörungen behindern Schlaganfallpatienten ebenfalls. Hier bei uns gehen dennoch etwa sechzig Prozent der Schlaganfallpatienten wieder nach Hause, ungefähr zwanzig Prozent müssen wir in Intensivstationen einweisen und zwischen fünfundzwanzig und dreißig Prozent verlegen wir in Rehabilitationszentren oder Pflegeheime.

Wie behandelt man einen Schlaganfall?

Im Moment ist die wirkungsvollste Therapie nach einem Schlaganfall die individuelle und abgestimmte Betreuung der Patienten in einer Spezialabteilung für Schlaganfälle, der so genannten «Stroke Unit».

Was geschieht in dieser speziellen Abteilung?

In der Abteilung für Schlaganfälle geht man ganz systematisch vor. Zuerst wird eine umfassende Diagnose erhoben. Das ist besonders wichtig. Danach versucht man, jede denkbare Komplikation wenn immer möglich zu vermeiden. Gleichzeitig beginnt raschmöglichst die für den einzelnen Patienten wirksamste Vorbeugung vor einem weiteren Anfall.

Jeder Patient erhält zudem individuelle Physiotherapie, Beschäftigungstherapie und Sprachtraining. Die Stroke Unit behandelt jeden Betroffenen genau nach dessen Bedürfnissen. So sterben weniger Menschen und es entstehen weniger Pflegefälle. Das klare Ziel ist, so viele Patientinnen und Patienten wie möglich wieder nach Hause zu entlassen.

Bei der Behandlung von Schlaganfällen ist viel von sogenannten Gewebeplasminogen-Aktivatoren (tPA) die Rede. Was bewirken diese Medikamente?

Wir verwenden hier seit drei Jahren routinemässig tPA. Dieses Medikament sollten nur Kliniken anwenden, die damit bereits Erfahrung haben, in Patientenüberwachung und guter Nachsorge. Dazu sollte die Klinik kontrollierte Vergleichsstudien durchführen. Wie in den USA ist die Anwendung von tPA in der Schweiz nur innerhalb der ersten drei Stunden nach dem Anfall erlaubt. Wir verabreichen das Medikament nach mittleren und schweren Schlaganfällen intravenös. Bei leichten Fällen wenden wir es nicht an. Bei uns erhalten etwa zweieinhalb Prozent aller eingelieferten Patienten tPA.

Welche Nebenwirkungen treten bei dieser Behandlung auf?

Die wichtigste und gefürchtetste Nebenwirkung ist die Gefahr einer Hirnblutung. Im Durchschnitt laufen sechs bis acht Prozent aller Patienten die Gefahr einer Hirnblutung. Wenn man die Blutungsgefahr genau abklärt und die gefährdeten Patienten von der tPA-Behandlung ausschließt, sind solche Hirnblutungen aber selten. Einige dieser Blutungen bleiben auch ohne Symptome. Eine weitere mögliche Nebenwirkungen sind seltene Allergien gegen tPA.

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Welche anderen Behandlungsmöglichkeiten zeichnen sich in Zukunft ab?

Die Behandlung mit Ultraschall ist eine gegenwärtig in den Fachmedien viel diskutierte Möglichkeit. Ultraschall mit relativ niedriger Frequenz kann Blutgerinnsel lösen oder sogar auflösen. Das kann die Halsschlagader wieder öffnen. Ich denke, dass bis in fünf Jahren der Erfolg dieser Methode bewiesen sein wird. In die Ultraschallbehandlung setze ich einige Hoffnung.