HIV-Therapie: Nebenwirkungen

Viele leiden unter Nebenwirkungen der Behandlung mit Medikamenten - und die können heftig ausfallen. Sie reichen von Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Depressionen und verunstaltenden Fettverteilungsstörungen. Außerdem ist die Medizin kein Alleskönner: Trotz Medikamenten sterben in Deutschland jedes Jahr 700 Menschen an Folgeerkrankungen von HIV, sehr häufig an Organversagen oder an bösartigen Tumoren im Enddarm oder im Lymphsystem.

Sensibilitätsstörung (periphere Neuropathie)

Eine Sensibilitätsstörung in den Beinen etwa, die auf Nervenleitungsstörungen zurückgeht, ist eine Folge des HI-Virus – wird aber durch Medikamente verstärkt.
Bei dieser peripheren Neuropathie haben die Patienten das Gefühl, auf Watte oder auf Nadeln zu laufen, und sie nehmen Temperaturen weniger gut wahr. "Mit Mitte 40 unsicher auf den Beinen zu sein oder öfter mal zu stolpern, führt zu viel Frust", beobachtet Dr. Naumann.

Erhöhte Blutfettwerte

Eine weitere nachweisbare Nebenwirkung der antiretroviralen Therapie sind deutlich erhöhte Blutfettwerte – ein starker Risikofaktor für Herzinfarkte. Die Datenlage ist noch unklar, aber Dr. Naumann spricht von einer "gefühlten" Zunahme: "Man muss zumindest davon ausgehen, dass HIV-Positive gefährdeter als andere sind, einen Herzinfarkt zu erleiden."
Leben Virusträger also nur länger, um dann einer anderen gravierenden Erkrankung zu erliegen? "Nein", widerspricht Carlos Stemmerich, "die Medikamente sind ein Segen. Aber gerade weil sie potent genug sind, um ein tödliches Virus unter Kontrolle zu bringen, können auch die Begleiterscheinungen heftig sein."

Lipodystrophie

Gefürchtet ist die Nebenwirkung Lipodystrophie, eine Fettverteilungsstörung, bei der sich Körperfett auf auffällige Weise umschichtet. Ohne Gewichtszu- oder -abnahme mergeln Beine und Arme aus, das Gesicht magert ebenfalls oft ab. Dafür "wandert" das Fett oft in die Leibesmitte oder bildet einen Wulst im Nacken. Dieses Körperbild wird von den Betroffenen als ausgesprochen belastend und stigmatisierend empfunden.
Die Lipodystrophie kann mit dem Absetzen der Medikamente verschwinden – aber mit jedem alternativen Präparat besteht das volle Risiko gleicher oder gar zusätzlicher Nebenwirkungen. Übelkeit, Durchfälle, Magenschmerzen und Erbrechen plagen so gut wie jeden zu Beginn der Behandlung.

Hautausschlag und depressive Verstimmung

Hinzu können Hautausschläge und depressive Verstimmungen kommen. Auch diese Nebenwirkungen werden oft mit Medikamenten behandelt, die dann in Wechselwirkung mit dem HIV-Wirkstoff treten. Die Abstimmung ist aufwendig: Welchen Einfluss haben Veränderungen der Magenschleimhaut oder Durchfälle auf die Wirksamkeit aller Medikamente? Wie viele Stunden nach dem HIV-Medikament ist es Zeit für das Antidepressivum? Welche Antibabypille verhütet trotz Therapie zuverlässig? Nur wer sich diszipliniert an alle Einnahmeverordnungen hält, kann mit einem Therapieerfolg rechnen.

HIV-Therapie mit verschiedenen Wirkstoffen

Die Entwicklung von Wirkstoff-Cocktails, welche die Virenbelastung im Körper senken, brachte ab etwa 1996 die Wende in der HIV-Therapie. Dank dieser antiretroviralen Therapie ist es inzwischen möglich, die Zahl der Viren so niedrig zu halten, dass sie nicht mehr nachweisbar sind. Anstatt Tabletten im Dutzend zu schlucken, genügen heute oft zwei Tabletten täglich. Allerdings bildet HIV leicht Resistenzen aus. Deswegen kombinieren moderne Präparate bis zu drei Wirkstoffe in einer Pille. Engmaschige Laborkontrollen können zeigen, wann bei einer Resistenzbildung ein Wirkstoffwechsel nötig ist. "Heute ist man eigentlich nie austherapiert – es gibt immer neue Präparate", sagt Carlos Stemmerich von der AIDS-Hilfe in Köln.

HIV-Therapie noch in den Kinderschuhen

Die Medikamente stärken zwar das Immunsystem und retten damit das Leben der HIV Infizierten. Sie stehen aber auch im Verdacht, Folgeerkrankungen von HIV, wie Organversagen oder Karzinome, noch zu verstärken. "Die Zahl der Krebstodesfälle ist bei HIV-Positiven deutlich angestiegen", sagt Dr. Uwe Naumann, Arzt in der Berliner HIV-Schwerpunktpraxis Kaiserdamm. "An den Zusammenhängen wird noch geforscht. Was nach zwanzig Jahren Einnahme dieser neuen Medikamente im Körper passiert, können wir nur nach und nach herausfinden."
Die Behandlung von HIV steckt, verglichen mit lange erprobten Therapien bei Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes, noch in den Kinderschuhen. Welches Symptom kommt vom Virus, welches ist eine Nebenwirkung der HIV-Therapie? Um diese Frage klar zu beantworten, fehlen Vergleichswerte: Bevor es die antiretrovirale Therapie gab, also bis etwa 1996, starben Betroffene, bevor sie diese Symptomatik überhaupt ausbilden konnten.

 
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