Europa ist poliofrei - Impfungen trotzdem nicht vernachlässigen

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist bitter" – ein Slogan, an den sich viele erinnern. Insbesondere in den 60er, 70er Jahren wurden zahlreiche Aktionen durch-
geführt, um die Epidemie Polio zu stoppen. Damals noch durch Verabreichung
der Impfung auf einem Stück Zucker.
Dank hervorragender Impfstoffe konnte die Poliomyelitis anterior acuta oder spinale Kinderlähmung – kurz Polio – erfolgreich bekämpft werden. Akute, also neue Erkrankungsfälle gibt es in Deutschland nicht mehr. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte bereits im Juni 2002 sogar ganz Europa für poliofrei.
Dürfen wir diese Krankheit nun getrost vergessen?
Ein klares Nein – gleich zwei Gründe sprechen dagegen.
Impfen nicht vernachlässigen!
Damit Deutschland auch weiterhin poliofreie Zone bleibt und Epidemien keine neue Chance erhalten, dürfen wir Impfungen gegen Polio nicht vernachlässigen. Der Virus ist nach wie vor existent, nur eine Impfung kann uns wirksam schützen. Grundimpfungen im Kindes- und Jugendalter sind zu empfehlen, Auffrischungen im Alter vom 11. bis 18. Lebensjahr sowie vor Reisen in Endemiegebiete bzw. Polio Risikogebiete.
Das Wichtigste in Kürze
- Name: Kinderlähmung, Poliomyelitis
- Erreger: Poliomyelitis-Viren (drei Typen)
- Übertragung: Durch Schmutz- und Schmierinfektionen, Aufnahme über den Mund bei mangelnder Hygiene.
- Inkubationszeit: 5 bis 35 Tage
- Symptome: Kopf- und Halsschmerzen, Erbrechen und Durchfälle. Selten Lähmungen, dann aber oft dauerhaft.
- Grundimmunisierung: Ab zwei Monate zwei Injektionen im Abstand von zwei bis sechs Monaten, bzw. vier Injektionen bei Anwendung eines Kombinationsimpfstoffes im Säuglingsalter.
- Auffrischung: Zwischen dem vollendeten 9. und 17. Lebensjahr. Erwachsene mit 4 oder mehr dokumentierten Polio-Impfungen im Kindes- und Jugendalter bzw. nach einer Grundimmunisierung im Erwachsenenalter gelten als vollständig immunisiert.
- Mögliche Impffolgen: Leichtes Fieber, Kopfschmerzen, örtliche Reaktionen.
- Schutzrate: Über 95 Prozent.
- Schutzdauer: Nach Grundimmunisierung ca. zehn Jahre oder mehr.
Quelle: Chiron Vaccines
Post-Polio-Syndrom (PPS)
Ca. 60.000 Polio-Betroffene leben in Deutschland. Von den damals Betroffenen leiden viele unter den Spätfolgen der Kinderlähmung und den Folgen des Vergessens. Davon entwickeln rd. 50 % der Betroffenen Symptome des Post-
Polio-Syndroms (PPS).
Denn neben den oft schweren und schwersten Lähmungen durch die Polio, tritt nun nach Jahrzehnten das so genannte Post-Polio-Syndrom (PPS)
auf – eine Spätfolge der Kinderlähmung. Zu den häufigsten Beschwerden zählen dabei Muskel- und Gelenkschmerzen,
neue Muskelschwächen, Atemnot, abnorme Müdigkeit und Erschöpfung sowie Schlafstörungen.
Das Post-Polio-Syndrom
ist bisher zu wenig bekannt und nicht ausreichend beforscht. Dies liegt zumeist daran, dass mit Polio eine abgeschlossene Erkrankung, die der Vergangenheit angehört, verbunden wird. Selbst Ärzte und Wissenschaftler haben sich noch nicht hin-
reichend mit PPS befasst.
Gegen diese Form des "Vergessens" kämpft der BV Polio e.V.. Denn selbst viele Polio-Betroffene kennen das Post-Polio-Syndrom nicht, wissen ihre Erkrankungs-Symptome oft nicht zu deuten und kämpfen gegen Diagnosen wie Hypochondrie oder psychosomatische Erkrankung.
Autor/Quelle: Bundesverband Polio e.V.
