Kinderlähmung - Polio

Seit 1998 ist der 28. Oktober Welt-Poliotag. Dieser Tag ist dem amerikanischen Bakteriologen Jonas Salk gewidmet, dem Entdecker des Polio-Impfstoffes. Poliomyelitis, so der medizinische Name für Kinderlähmung, ist dank umfangreicher Impfaktionen in Europa, Amerika und Australien ausgestorben. Doch Impfungen sind weiterhin notwendig, denn bei einer Reise nach Afrika oder Asien, wo immer wieder Fälle von Kinderlähmung auftreten, können sich nicht nur Kinder mit dem Virus infizieren.
Seit fast einem halben Jahrhundert gibt es einen Impfstoff gegen Polio. Bis dahin erkrankten im Jahr weltweit fast eine halbe Million Menschen. Im Juni des vergangenen Jahres haben die Vereinten Nationen Europa für poliofrei erklärt. Der letzte Fall von Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz Polio), der durch ein einheimisches Polio-Virus verursacht wurde, trat in Europa im November 1998 in der südlichen Türkei auf. Möglich werden kann die Ausrottung der Poliomyelitis, weil der Mensch einziger Wirt des Erregers ist. Wenn alle Menschen in einer Bevölkerung gegen einen Krankheitserreger wie das Polio-Virus immun sind, kann sich der Erreger nicht mehr vermehren und stirbt aus. Daher ist die Impfung nach wie vor unverzichtbar und gerade in Anbetracht der extremen Mobilität und Reiselust weltweit noch immer nötig.
Übertragung von Polio-Viren
Das Polio-Virus ist heute noch in acht Ländern Afrikas und Asiens aktiv. Als besonders gefährdet gelten Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan. Polio wird ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen, meist über Tröpfcheninfektion etwa beim Sprechen, Husten oder Niesen oder über Schmierinfektion: Das Virus verbreitet sich durch die Ausscheidungen Erkrankter, wobei nicht selten unter schlechten hygienischen Verhältnissen das Trinkwasser verseucht wird.
Verlauf der Kinderlähmung
Nach der Infektion lösen die Viren zunächst in einer ersten Krankheitsphase unspezifische Symptome aus: Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit und Durchfall sowie Fieber und Schluckbeschwerden ähneln den Anzeichen einer Grippe. Später dringen die Viren in das Nervensystem ein, die zweite Krankheitsphase beginnt: Das Virus zerstört Nervenzellen. Hirnhautentzündung, Lähmungen, Rückenschmerzen sind einige der Symptome. Wird die Atemmuskulatur betroffen, muss der Patient künstlich beatmet werden. Von den gelähmten Personen stirbt fast jeder zehnte an Störungen der Atemmuskulatur. Lähmungen an Armen oder Beinen bleiben oft ein Leben lang. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene, die die Auffrischungsimpfung versäumt haben, können sich anstecken. Die Inkubationszeit liegt zwischen fünf Tagen und zwei Wochen, gelegentlich bis zu 35 Tagen.
Schluckimpfung und Spritzimpfung gegen Polio
Bis 1998 wurde die Polio-Impfung als so genannte Schluckimpfung auf einem Stück Zucker verabreicht. Die abgeschwächten Viren wurden auf Affennieren oder menschlichen Krebszellen gezüchtet. Dieser Lebend-Impfstoff wird in Deutschland nicht mehr verwendet, da die Impfung in einigen Fällen eine Polio auslöste. So kam es bei der Schluckimpfung vor, dass sich z.B. Mütter eines frisch geimpften Babys beim Windelwechsel ansteckten. Der Grund hierfür ist, dass sich die Lebend-Viren im Darm vermehren und dort eine Immunisierung der Schleimhäute hervorrufen. Dabei können sich einzelne Viren im Darm aber wieder zur gefährlicheren Form zurückverwandeln. Heute werden abgetötete Viren gespritzt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) erzeugt der Totimpfstoff allerdings nicht die gleiche Schleimhaut-Immunität wie die Schluckimpfung. Da in den letzten Jahren aber keine Polio-Fälle mehr aufgetreten sind, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) des RKI das Immunisieren mit dem Totimpfstoff. Außerdem gibt es jetzt ein erstes Kombinationspräparat gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten, Hirnhautentzündung HIB sowie gegen Kinderlähmung. Die STIKO empfiehlt, Kinder ab dem dritten Lebensmonat nach dem üblichen Schema mit dem neuen Kombi-Impfstoff zu immunisieren. Eine Auffrischungsimpfung wird ab Beginn des 10. Lebensjahres empfohlen. Die Immunisierung hält etwa zehn Jahre an. Wer eine Reise in betroffene Gebiete plant, sollte seinen Hausarzt nach einer Auffrischungs-Impfung fragen.
Post-Polio-Syndrom
Anlässlich des Welt-Polio-Tages soll auch an das Schicksal von Polio Betroffenen erinnert werden. In Deutschland leben noch rund 60.000 Menschen, die vor Jahrzehnten an der Kinderlähmung erkrankt waren. Etwa die Hälfte von ihnen leidet inzwischen unter unspezifischen Krankheitssymptomen wie abnormer Müdigkeit oder neuen Lähmungen, häufig ohne zu wissen, dass das so genannte Post-Polio-Syndrom - eine heimtückische Spätfolge der Kinderlähmung - die Ursache ist. Durch die Krankheit sind im Körper zahlreiche Moto-Neuronen - Nervenzellen, die für die Bewegung verantwortlich sind - abgestorben oder geschwächt. Die verbliebenen Neuronen müssen nun ein Vielfaches der Arbeit im Körper leisten. Verschleißerscheinungen sind die Folge. Man geht davon aus, dass zwischen 20 und 80 Prozent aller ehemaliger Polio-Erkrankter nach einer rund 30-jährigen Stabilitätsphase neue Symptome entwickeln. Gesundheitsexperten und Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rufen anlässlich des Gedenktages dazu auf, die Schutzimpfung nicht zu vernachlässigen. Häufig, so heißt es u.a. in einer Mitteilung des Bundesverbandes Polio e.V., würden die Auffrischungsimpfungen vernachlässigt.
