Ulkuserkrankung - Ursachen, Diagnose

Ulkus duodeni, Zwölffingerdarmgeschwür und Ulkus ventriculi, Magengeschwür

Definition

Magen- oder Zwölffingerdarm- geschwüre sind abgegrenzte entzündliche Prozesse der Schleimhaut von Magen oder Zwölffingerdarm (Duodenum). Immer gehen sie mit einem Substanzverlust des Gewebes einher, das geschwürig zerfällt. Magengeschwür heisst in der Fachsprache Ulkus ventriculi, Zwölffingerdarmgeschwür Ulkus duodeni - beide werden oft einfach nur als Ulkus (Geschwür) bezeichnet. Treten über Jahre immer wieder Ulzera auf, handelt es sich um die chronisch-rezidivierende Ulkuskrankheit.Das Ulkus ventriculi ist seltener als das Ulkus duodeni. Magengeschwüre sind bei Frauen und Männern gleich häufig, Zwölffingerdarmgeschwüre 3,5 mal häufiger bei Männern. Das Maximum der altersspezifischen Erkrankungshäufigkeit liegt für das Ulkus ventriculi bei den 60 bis 65, für das Ulkus duodeni erst bei 75 bis 80 Jahren. Sind direkte Verwandte (Kinder, Eltern, Grosseltern) an einem Ulkus erkrankt oder ist die Blutgruppe Null zu finden, steigt das Erkrankungsrisiko für beide Formen der Ulkuskrankheit etwa um das 1,5-fache an.
Das Magengeschwür ist ein umschriebener Schleimhautdefekt, der die tieferen Schichten der Magenwand erreicht und auch als Ulkus bezeichnet wird deren Durchmesser von wenigen Millimeter bis zu mehr als drei Zentimeter reichen kann. Aus einer über Wochen, Monate oder sogar Jahre anhaltenden Entzündung der Magenschleimhaut, der sogenannten chronischen Gastritis, können im nächsten Schritt Geschwüre entstehen.

Ursachen

Nach früherer Ansicht lag der Erkrankung vor allem ein Ungleichgewicht zwischen aggressiven (die Schleimhaut angreifenden) und defensiven (die Schleimhaut schützenden) Faktoren zugrunde. Dieses Krankheitsverständnis muss um einen bedeutsamen Faktor ergänzt werden: Seit einigen Jahren weiss man nämlich, dass das Bakterium Helicobacter pylori wesentlich an der Entstehung von Geschwüren beteiligt ist. Zirka 60 Prozent der Weltbevölkerung tragen den Helicobacter pylori-Erreger in der Magenschleimhaut. Es handelt sich um ein Bakterium, das Enzyme bildet, die an der Zellschädigung der Magenschleimhaut beteiligt sind. Das Geschwür kann allein oder mehrfach vorkommen.
Ein weiterer wesentlicher Auslösefaktor ist der psychosoziale Stress, der über ein übererregbares vegetatives Nervensystem aggressive Mechanismen fördert, so beispielsweise neben noch ungeklärten biochemischen Einflüssen eine Erhöhung der Magensaftproduktion. Doch können diese aggressiven Mechanismen wahrscheinlich nur bei einer entsprechenden ererbten Anlage wirksam werden.
Anscheinend spielt auch die Persönlich keit bei der Ulkus-Entstehung eine Rolle. Das heisst, psychosozialer Stress und Anlage für sich allein sind nicht einzig und allein ulkusauslösend, entscheidend ist die persönlichkeitsbedingte Art der Stressverarbeitung: Ulkus-Patienten leiden unter Schuldgefühlen, Frustrationen und einer ständigen Konfliktspannung.
Jedenfalls scheinen die Mechanismen der Entstehung eines Ulkus multifaktoriell, das heisst durch vielerlei Faktoren bestimmt zu sein. Beim Magengeschwür scheint neben biochemischen Faktoren und gestörten Rückkopplungsmechanismen der Salzsäuresekretion auch ein Missbrauch von Schmerztabletten und Alkohol eine zusätzliche Rolle zu spielen. Beim Zwölffingerdarmgeschwür werden auch Durchblutungsstörungen infolge einer nicht normalen Gefässnerven-Aktivität vermutet. Rein statistisch ist die Blutgruppe Null bei Ulkusträgern gehäuft; möglicherweise ist das Fehlen von blutgruppenaktiven Substanzen ein fördernder Faktor.
Fest steht, dass Geschwürerkrankungen des Magens und des Zwölffingerdarmes in allen Industrieländern an Häufigkeit zunehmen. Moderner Lebensstil sowie körperliche und seelische Belastungen spielen für die Entstehung sicherlich eine Rolle. Daneben sind anlagebedingte Besonderheiten von Bedeutung. Empfindsame, nervöse Menschen von schlankem Körperbau erkranken besonders häufig.
Es wird auch vermutet, dass sich bei den Geschwüren um eine krankhafte Selbstverdauung der Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarmwand durch die in den Verdauungssäften vorhandenen Verdauungsenzyme handeln könnte.
Folgende Faktoren erhöhen das Krankheitsrisiko für ein Magengeschwür:

  • Mit Helicobacter pylori kontaminierte Nahrungsmittel
  • und Trinkwasser -
  • Hohes Lebensalter
  • Bestehende Autoimmunerkrankungen (zum Beispielder Schilddrüse)
  • Chronische Erkrankungen, die eine regelmässige und dauerhafte
  • Einnahme von Schmerzmitteln und/oder Kortison erfordern.

Übermässiger Alkohol-, Nikotin- und Koffeingenuss erhöhen das Erkrankungsrisiko zusätzlich.

Merkmale, Diagnose, Verlauf

Beide Ulkus-Arten sind durch krampfartige, drückende, dumpfe, kneifende oder stechende Schmerzen im Oberbauch gekennzeichnet, oft zur linken Körperseite hin ausstrahlend. Häufig steht der Schmerz in direkter Beziehung zur Nahrungsaufnahme:
Die Geschwüre sitzen an typischer Stelle: entweder an der kleinen Magenkurve oder am Magenausgang, im Magenpförtner oder im Anfangsteil des Zwölffingerdarmes. Beim Magengeschwür verschwinden die Schmerzen nach dem Essen für ein paar Stunden. Häufig sind auch Schmerzen während der Nacht.

  • Als Hungerschmerz, der besonders bei nüchternem Magen in Erschein ung tritt, typisch für das Zwölffingerdarmgeschwür;
  • als Frühschmerz, der sich vor allem direkt im Anschluss an die Nahrungsaufnahme einstellt, typisch für Geschwüre im Magenkörper;
  • als Spätschmerz, der am stärksten ein bis drei Stunden nach dem Essen auftritt, vorwiegend bei Geschwüren des Magenpförtners und in seiner unmittelbaren Umgebung.

Beide Ulkus-Erkrankungen können über eine längere Zeit unentdeckt bleiben, da die Beschwerden nicht eindeutig sind. Die Schmerzen können bei vielen Ulkus-Patienten auch gänzlich fehlen. Aufgrund von wiederholten kleinen Sickerblutungen aus einem Ulkus duodeni oder Ulkus ventrikuli kann Blutarmut mit allgemeiner Abgeschlagenheit und blasser Hautfarbe vorhanden sein.
Stärkere Blutungen äussern sich in Form von Teerstuhl. Dies ist ganz schwarzer, klebriger Stuhlgang. Ausserdem können diese Blutungen auch zu ausgeprägtem Bluterbrechen (Hämatemesis) führen. In solchen Fällen kann sich relativ rasch eine für den Patienten lebensbedrohliche Situation durch einen Blutungsschock einstellen. Wenn über die Blutung hinaus die Darm- oder Magenwand durchbrochen wird, gerät der Magen- oder Darminhalt in die Bauchhöhle, die sich wiederum entzündet. Neben der Bauchfellentzündung (Peritonitis) entsteht ein akuter Bauch (akutes Abdomen) und ein lähmender Darmverschluss (paralytischer Ileus). Ist es einmal zu diesem "Geschwürdurchbruch" gekommen, ist eine sofortige Operation notwendig, damit der Betroffene nicht verstirbt.
Der Appetit ist im allgemeinen ungestört. Gegenüber bestimmten Speisen können Unverträglichkeiten beziehungsweise Abneigungen festgestellt werden. Häufig zu finden ist dieses Symptom bei «Säurelockern», das heisst bei Nahrungsmitteln, die eine Magensaftbildung besonders anregen, also auch "das Wasser im Mund zusammenfliessen lassen", zum Beispiel scharf Gebratenes, Fleischbrühe, fett Gebackenes, konzentrierter Alkohol, saure Weine, schwarzer Kaffee, scharfe Gewürze. Der Gesichtsausdruck ist oftmals leidend mit eingefallenen Wangen und tiefen, von der Nase zu den Mundwinkeln hin ziehenden Falten.
Erbricht der Patient häufig, kann dies auf eine Verlegung des Magenausgangs in Folge akuter Ulzera oder schrumpfender Ulkusnarben hinweisen. Erbrechen kann jedoch auch als Ulkussymptom ohne Behinderung der Magenentleerung auftreten; der Mechanismus ist unklar. Gewichtsverlust ist bei vielen Ulzera die Folge von Erbrechen, Appetitlosigkeit oder Nahrungskarenz (zur Vermeidung nahrungsabhängiger Ulkusschmerzen).
Ein ausgeheiltes Ulkus duodeni kann durch das vernarbte Gewebe zu einer Verengung des Dünndarmdurchmessers führen, so dass die Magenentleerung behindert wird. Dies kann zu wiederholtem Erbrechen führen.
Die Befragung des Patienten nach der durchlebten Krankheitsgeschichte (Anamnese) steht am Beginn jeder Untersuchung. Die Anamnese kann nur Hinweise auf ein Ulkus geben, keine Sicherheit, da es keine spezifisc hen Beschwerden gibt. Im Vordergrund steht daher die Frage nach früheren (endoskopisch gesicherten) Ulkusschüben und deren Therapie, eventuell nach der Zusammensetzung früher eingenommener Antibiotikakombinationen zur Bekämpfung von Helicobacter pylori. Bei der Befragung des Patienten sind weiterhin Angaben zur Dauer eines möglichen Teerstuhls und eventuell eines begleitenden Bluterbrechens besonders wichtig. Auch Alkohol, Schmerzmedikamente, Kortison, Nikotin in der Vorgeschichte spielen eine ausschlaggebende Rolle, da diese Substanzen die Magenschutzschicht angreifen und so die Entstehung von Magengeschwüren fördern. Nach der Anamnese erfolgt die ausführliche körperliche Untersuchung.
Das Abtasten des Bauches ist aufgrund der relativ milden Beschwerden in den meisten Fällen unauffällig. Bei besonders ausgeprägter Magenschleimhautentzündung und gleichzeitig vorliegenden Magengeschwüren kann Druckschmerz in der Magengrube auftreten. Eine Ulkusperforation kann dagegen zur Anspannung der Bauchdecken bis hin zum brettharten Bauch führen oder eine Ileussymptomatik (Darmlähmung) mit fehlenden Darmgeräuschen hervorrufen.
Anzeichen einer Blutarmut (Anämie) wie Konzentrationsschwäche, rasche Ermüdbarkeit und blasse Hautfarbe können auf wiederholte kleinere Blutverluste aus dem oberen Magen-Darm-Trakt hinweisen. Letztendlich ist für das vorliegen eines Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwüres die Oesophago-Gastro-Duodenoskopie (Spiegelung von Speiseröhre, Magen und Dünndarm) beweisend.
Die Magen- und Dünndarmspiegelung mit der Entnahme einer Gewebeprobe ist die Methode der Wahl zur Untersuchung dieses Teils des Verdauungstraktes. Da sich hinter einem Geschwür auch eine bösartige Entartung (Magenkrebs) verbergen kann, wird die entnommene Gewebeprobe mikroskopisch auf Tumorzellen untersucht.
Blutungen aus dem oberen Magen-Darm-Trakt können zu einer lebensbedrohlichen Situation führen, so dass die Spiegelung eine unumgängliche Untersuchungsmethode darstellt. Nicht nur die Schleimhäute der einzelnen Organe können untersucht, sondern Blutungen zum Beispiel durch Unterspritzung gestoppt werden. Bei diesem Verfahren wird Adrenalin (Stresshormon der Nebennierendrüse) in die Blutungsquelle gespritzt und dadurch das Gefäss so stark verengt, dass die Blutung zum Stillstand kommt.
Ausserdem wird ein Urease-Schnelltest durchgeführt, um zu prüfen, ob eine Helicobacter pylori-Infektion für das Magengeschwür verantwortlich zu machen ist.
Die Blutungsaktivität eines Magengeschwürs wird nach einer bestimmten Einteilung (Forrest) vorgenommen. So handelt es sich bei einem Geschwür vom Typ Ia um eine akut spritzende Blutung, während bei Typ Ib die Blutung nur noch sickert. Bei einem IIa-Ulkus ist der Gefässstumpf erkennbar, aber nicht blutend. Ein IIb-Geschwür ist mit einem Blutpfropf bedeckt, und das Typ III-Geschwür befindet sich bereits in der Heilungsphase.
Eine Röntgenübersicht ist nur dann erforderlich, wenn das Geschwür die Magenwand so w eit zerstört, dass ein Wanddurchbruch in die Bauchhöhle und ein akuter Bauch (akutes Abdomen) vermutet wird.
Die Bestimmung des Blutbildes (weisse, rote Blutkörperchen, Blutfarbstoff) ist notwendig, um mögliche Blutarmut nachzuweisen. Die Blutarmut kann die Folge einer Blutung der Magenschleimhaut sein.
Die Prognose der Ulkuskrankheit ist günstig. In Deutschland sterben 6 von 100'000 Einwohner an einem Magengeschwür, 4 von 100'000 an einem Zwölffingerdarmgeschwür. Tödliche Komplikationen betreffen vor allem Patienten, die über 70 Jahre alt sind, Männer doppelt so häufig wie Frauen.