Parodontitis

Dass nachlässige Zahnpflege die Bakterien in der Mundhöhle auf den Plan ruft, Löcher in den Zahn zu ätzen und sich ins Zahnfleisch zu graben, ist bekannt. Dass dieses zerstörerische Werk zudem einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Gesamtorganismus hat, ist neu. Immer deutlicher erkennen Wissenschaftler, dass die Mikroben im Mund mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes assoziiert sind.
Personen mit Parodontitis ereilt mindestens zweimal häufiger ein Herzinfarkt. Gleiches gilt für die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu bekommen. Interessant: In den Gefäßverschlüssen der Infarkt- und Schlaganfall-Patienten haben Mediziner dieselben Mikroorganismen gefunden, die sonst nur im entzündeten Zahnfleisch siedeln.Mehr noch: Je stärker die Entzündung im Mund, um so wahrscheinlicher sind Arterienverkalkung, Herz- oder Hirninfarkt. Ein verhängnisvolles Spiel mit der Gesundheit treiben die bakteriellen Winzlinge vor allem, wenn der Betroffene zusätzlich raucht, übergewichtig oder ein Bewegungsmuffel ist.
Eine Gebissinspektion lohnt sich auch vor einer geplanten Schwangerschaft, bei Rauchern und Diabetikern. So ist ein Viertel der Frühgeburten in den USA nicht durch bekannte Auslöser wie Rauchen, Alkohol oder Mehrlingsschwangerschaften zu erklären.
Parodontitis bei Schwangeren
Aus Tierexperimenten ist bekannt, dass Giftstoffe, die von Bakterien freigesetzt werden, Frühgeburten auslösen können. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass auch schwangere Frauen mit einer manifesten Zahnfleischentzündung ein größeres Risiko haben, ein Frühchen mit niedrigem Geburtsgewicht zur Welt zu bringen. Diese baktriellen Giftstoffe sind in der Lage, die Wehen anzukurbeln. Neuen Studien zufolge ist das Risiko einer Frühgeburt bei werdenden Müttern mit Parodontitis um das Siebenfache erhöht.
Parodontitis bei Rauchern
Die bakteriellen Unholde im Mund fühlen sich in Raucher-Mündern besonders heimisch. Raucher haben ein dreimal so hohes Risiko für Zahnfleischentzündungen und -rückgang wie Nikotin-Abstinenzler. Zudem sind die Erfolge der Parodontitis-Therapie und die Wundheilung bei Rauchern im Vergleich zu Nichtrauchern deutlich vermindert. Bei Rauchern stellt es sich stets als äußerst schwierig heraus, die verursachenden Bakterien durch zahnmedizinische Maßnahmen wieder los zu werden: 88 Prozent der Nichtraucher waren nach einer Therapie beim Zahnarzt frei von den bakteriellen Gesellen verglichen mit 33 Prozent der Nichtraucher. Die Vermutung der Zahnmediziner: Zum einen macht der vermehrte Zahnbelag Raucherzähne anfällig, zum anderen mindert Zigarettenqualm Durchblutung und Abwehrkraft des Zahnfleischs.
Parodontitis bei Diabetikern
Parodontitis steht auch in dringendem Verdacht, im Diabetes-Geschehen mitzumischen. Zumindest sind die Zähne von Diabetikern etwa doppelt so häufig von Karies oder Parodontitis befallen. Und auch umgekehrt scheint sich eine Parodontitis ungünstig auf die Blutzuckereinstellung des Diabetikers auszuwirken. Je höher der Blutzuckerspiegel, um so häufiger treten offenbar Parodontitis- und Kariesbakterien in Erscheinung. Studien belegen, dass durch eine erfolgreiche parodontale Behandlung die täglich benötigte Insulinmenge reduziert werden kann.Was macht die bakteriellen Mund-Bewohner überhaupt so gefährlich? Anfangs unbemerkt und damit nicht schmerzhaft nutzen die Siedler im Mund gezielt die Schwachstelle des Zahnfleischs aus: die Saumzellen, die direkt am Zahn haften und den Zahn im knöchernen Zahnfach verankern. Die Bakterien setzen Giftstoffe frei, die in das Saumhäutchen eindringen, es auflockern und durchlässig machen. Mit der Zeit stoßen immer mehr Giftstoffe in das Bindegewebe vor; dieses entzündet sich.
Bakterien treiben Schwund im Mund voran
Steuert man jetzt nicht mit der richtigen Zahnpflege und einem Zahnarztbesuch dagegen, rötet sich das Zahnfleisch zusehends und schwillt an; Zahnfleischentzündung (Gingivitis) nennen Zahnmediziner dieses unschöne Ergebnis. Beim Essen und bei leichter Berührung blutet das Gewebe. Im weiteren Verlauf entstehen zwischen Zahn und Fleisch Taschen, die sich mehrere Millimeter tief eingraben können. Mit der Zeit werden auch die Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Essensreste geben den Bakterien Nahrung; sie vermehren sich explosionsartig. Dem Zahnfleisch bleibt nurmehr der Rückzug, weil die Bakterien in der Zahnfleischtasche über Enzyme das Gewebe abbauen. Der Zahn lockert sich und fällt schlimmstenfalls aus. Ist auch der Zahnhalteapparat von der Entzündung betroffen, spricht man von einer Parodontitis.
Mikroben breiten sich weiter aus
Man stelle sich vor: Personen mit ausgeprägter Parodontitis haben eine etwa acht mal neun Zentimeter große Wundfläche im Mund, informiert das Zentrum für Zahn, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Köln. Diese Wundfläche ist mit mehr Mikroorganismen besiedelt, als es Menschen auf der Erde gibt. Bei jeder Belastung des entzündeten Bereichs, und sei es nur beim Zähneputzen oder beim Kauen, kommt es zu einer Überschwemmung mit Bakterien. Die Mikroben gelangen durch die kleinen Wunden in den Blutstrom und somit in jeden Winkel des Körpers. Das ist der Grund, warum die Parodontitis keine auf den Mund beschränkte Erkrankung bleibt.
Mundgesundheit und Zahnreinigung
Laut der Gesellschaft für Parodontologie ist das Zahnfleisch bei rund 80 Prozent der Deutschen entzündet. Durch eine regelmäßige Zahnreinigung - am besten zweimal täglich und nach den Mahlzeiten - der Anwendung von Zahnseide oder Zahnbürstchen für die Zahnzwischenräume und eine umfassende Zahntaschenreinigung beim Zahnarzt könnte vermieden werden, dass sich die Entzündung zu einer Parodontitis auswächst. Eine Zahnsteinentfernung, die von den Krankenkassen übernommen wird, ist nicht annähernd so effektiv wie die etwa dreiviertelstündige Zahnreinigung beim Zahnarzt. Jedoch: Die Krankenkassen kommen zwar für die Kosten der Zahnsteinentfernung auf, die der Zahnreinigung muss der Betroffene selbst zahlen.
Der Zahnarzt schabt mit speziellem Werkzeug die Bakterien vom Zahn, säubert die Zahnfleischtaschen und versucht mit hoch dosierten Fluorid-Präparaten, die in Mitleidenschaft gezogenen Zahnstrukturen wieder aufzubauen. Fäden oder Mini-Implantate, die mit Antibiotika getränkt sind, sollen den Bakterien den Garaus machen. Alle Maßnahmen sind nur bedingt erfolgreich: Die Mikroben sind extrem zähe Burschen, und so erlangen sie nach ein paar Monaten wieder die Oberhand. Einige von ihnen überleben nämlich am Zungenrücken, in der Wangenschleimhaut oder an den Mandeln. Deshalb müssen die Bakterien-Reservoire ein- bis zweimal im Jahr gereinigt werden, bei Risikopatienten am besten viermal im Jahr.
Autor/Quelle: gesundheit.de
