Harninkontinenz: Ursachen und Risikofaktoren

Vier Millionen Menschen in Deutschland werden wegen einer Harninkontinenz (eine Form der Blasenschwäche) auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherungen medizinisch betreut. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher - die meisten von ihnen leiden still, weil sie darüber nicht zu sprechen wagen, nur 4 von 10 Betroffenen gehen zum Arzt. Unfreiwilliger Urinverlust ist Betroffenen so peinlich, dass sie sich mit Notlösungen versorgen, aus Angst, in der Öffentlichkeit oder in der Familie entdeckt zu werden.

Harninkontinenz ist überwiegend erworben und seltener angeboren. Es handelt sich um keine typische Alterserscheinung - es kann auch Kinder, junge, aktive Frauen und Männer treffen. Aber: Mit einer Harninkontinenz muss sich niemand abfinden - es gibt eine ganze Reihe Behandlungsmöglichkeiten, mit denen das Leiden geheilt oder zumindest deutlich gebessert werden kann.

Ursachen einer Harninkontinenz

Für eine Harninkontinenz kommen verschiedene Ursachen in Frage. Eine der Hauptursachen ist eine Schließmuskelschwäche. Bei Frauen können gerade erfolgte oder länger zurückliegende schwere Geburten oder Mehrfachgeburten den Beckenboden überdehnen. In den Wechseljahren verändern sich zudem die Schleimhäute im Unterleib. Weil der Hormonspiegel absinkt, werden sie trockener, dünner und verletzlicher. Auch die Scheidenwände erschlaffen und die Beckenbodenmuskulatur verliert an Kraft. Deshalb sinkt die Blase ab und der "Verschlussapparat" versagt. Allgemein belastet Übergewicht den Beckenboden und sollte besonders bei Inkontinenz, also bei unwillkürlichem Harnverlust, abgebaut werden. Bei Männern ist eine Schließmuskelschwäche sehr selten. Sie tritt meist in der Folge von Prostataoperationen auf, insbesondere nach radikalen Prostatakrebsoperationen (5-10%).

Neben der Schließmuskelschwäche sind unkontrollierte Aktivitäten des Blasenmuskels die Hauptursache für eine Blasenschwäche mit oder ohne Harninkontinenz. Unkontrollierte Aktivitäten des Blasenmuskels ("Blasenüberaktivität", "Blaseninstabilität") können entweder die Folge von Blasenerkrankungen wie Blasenentzündungen oder Blasenkrebs sein oder aber durch Rückenmarks- und Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose, durch Stoffwechselerkrankungen wie den Diabetes mellitus, durch Erkrankungen oder Abbauprozesse des Gehirns wie bei Schlaganfall oder Altersdemenz sowie letztlich auch durch psychische Einflüsse verursacht werden. Bei Kindern und Jugendlichen sind es meist angeborene Fehlbildungen, welche für eine Harninkontinenz verantwortlich sind. Verzögerte Reifungsprozesse oder psychische Probleme können zum nächtlichen Einnässen ("Enuresis") führen.

Krankheitsbild Harninkontinenz

Die Medizin kennt mehr als ein halbes Dutzend Erscheinungsformen der Harninkontinenz. Die wichtigsten sind die Stress-, die Drang- und die Überlaufinkontinenz.

Belastungs- oder Stressinkontinenz nennt man den ungewollten Urinverlust bei körperlicher Belastung (engl.: "Stress"). Sie tritt bevorzugt bei Frauen auf, die mehrfach geboren haben. Der Schließmuskel ist dem Druck im Bauchraum und damit in der Blase bei geringer körperlicher Belastung wie Niesen, Husten oder Lachen nicht mehr gewachsen und gibt dem Druck nach. Etwa 50% aller vorkommenden Inkontinenzformen bei Frauen entfallen auf die Stressinkontinenz. 

Dranginkontinenz

Von Dranginkontinenz sind vor ältere Menschen betroffen. Die Ursache liegt in einer Überaktivität oder Überempfindlichkeit der Blase. Einerseits werden die Signale über den Füllungszustand der Blase im Rückenmark nicht richtig verarbeitet, andererseits ist die Blase nicht mehr in der Lage, sich "auf Befehl" vollständig zu entleeren. Daraus entsteht ein Missverhältnis zwischen überfallartigem Harndrang mit Urinverlust und der Unfähigkeit, sich willentlich zu "erleichtern"- und das bis zu 20mal am Tag. In den Frühstadien spricht man von einer "Reizblase".

Von der Dranginkontinenz sind 11% aller über 60-jährigen und 30% der über 80jährigen betroffen; Frauen fast drei Mal so häufig wie Männer. Eine Dranginkontinenz kann aber auch die Folge einer Blasenerkrankung, z. B. eine Entzündung oder Krebs sein. Daher ist stets ein urologische Untersuchung erforderlich. Nicht selten sind aber auch psychische Probleme für eine Dranginkontinenz verantwortlich, insbesondere bei Frauen im mittleren Alter.

Überlaufinkontinenz

Die Überlaufinkontinenz tritt hauptsächlich bei Männern auf. Sie ist gekennzeichnet durch einen unfreiwilligen tropfenweisen Urinverlust bei stark gefüllter Harnblase. Häufiges Wasserlassen mit geringer Urinmenge (so genanntes Miktionsvolumen) sind die Regel. Deshalb bleiben große Restharnmengen zurück. Ursachen sind Abflussbehinderungen im Bereich des Blasenausgangs oder der Harnröhre durch Tumoren, Harnsteine oder meistens durch gutartige oder bösartige Prostatavergrößerungen (benigne Prostatahyperplasie, Prostatakrebs).

Die Prostata liegt unter der Harnblase des Mannes und umschließt die Harnröhre beim Austritt aus der Blase. Bei Vergrößerung drückt sie die Harnröhre ab. Der Blasenmuskel kann nicht mehr genug Kraft aufwenden, um die Blase zu entleeren, folglich füllt sich die Blase immer weiter. Erst wenn der Füllungsdruck der Blase den Verschlussdruck übersteigt, geht unfreiwillig Urin ab. Nicht selten aber ist - vor allem bei Frauen - eine Funktionsstörung des Blasenmuskels durch Medikamente, Stoffwechselstörungen, Rückenmarks- oder Nervenerkrankungen (Parkinson-Krankheit) Ursache für Restharnbildung und Überlaufinkontinenz.

Auswirkungen einer Harninkontinenz

Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Herzinfarkt, Magengeschwüre sind längst gesellschaftsfähige Gesprächsthemen geworden, Harninkontinenz ist es (noch) nicht. Betroffenen macht nicht nur ständiger Wäschewechsel, Abhängigkeit von Vorlagen oder Windeln und drohende Geruchsbelästigung zu schaffen. Sie versuchen, ihre Krankheit zu verheimlichen und leben dadurch in pausenloser Angst, entdeckt zu werden. Sie ziehen sich zurück und meiden Kontakte, oft auch zu Freunden oder Verwandten. Mögliche Folgen sind Isolation, Vereinsamung, Partnerschaftsprobleme bis hin zu Depressionen. Aber: Verheimlichen steht einer Linderung oder Heilung im Weg.