Wie durchbricht "frau" das Schweigen? - Ein Gespräch über Belastungsinkontinenz

Interview mit dem Gynäkologen Dr. Thomas Hagemeier, Suhl
Das Gespräch suchen und gemeinsam mit der Patientin über mögliche Behandlungsschritte entscheiden: Für den Frauenarzt Dr. Thomas Hagemeier aus Suhl sind das wichtige Bausteine bei der Therapie der weiblichen Harninkontinenz. Viel zu wenig Frauen sprechen offen mit einem Arzt über ihre Erkrankung. Obwohl es verschiedene Therapieoptionen wie Beckenbodentraining und ein Medikament zur Stärkung des Blasenschließmuskels gibt, überwiegt häufig das Gefühl, alleine mit den Problemen klar kommen zu müssen. Manche Betroffene schämt sich auch für ihre Inkontinenz und möchte deshalb nicht darüber reden. Den täglichen Umgang mit Ängsten und Sorgen dieser Frauen, aber auch mögliche Behandlungsstrategien schildert Dr. Hagemeier aus seinen Praxiserfahrungen.
Wie viele Frauen mit Harninkontinenz suchen bei Ihnen aktiv das Gespräch?
In unserer Praxis, die urogynäkologisch ausgerichtet ist, ist ca. die Hälfte der Patientinnen inkontinent. Doch selbst bei einem Kontinenz-Spezialisten wie mir sprechen relativ wenige dieser Frauen aktiv über ihre Erkrankung. Die Scham und das Tabu, mit dem die Inkontinenz immer noch belegt sind, hemmt selbst viele uns gut vertrauter Patientinnen. Lediglich ein geringer Anteil der Frauen redet offen über Harninkontinenz.
Wie versuchen Sie in Ihrer Praxis herauszufinden, ob eine Frau von Harninkontinenz betroffen ist?
Jede Patientin wird von uns direkt nach Blasenbeschwerden befragt, beispielsweise im Rahmen der Krebsvorsorge. Ich frage dabei nicht allein nach etwaigen Beschwerden oder Schmerzen, sondern erkundige mich auch nach dem privaten Wohlbefinden. Es geht letztlich darum, mit der Patientin ins Gespräch zu kommen und zu erreichen, dass sie sich öffnet und etwas über ihre Erkrankung erzählt. Viele sind dankbar darüber, das Problem endlich ansprechen zu können. Insbesondere, weil häufig ein langer Leidensweg und eine Zeit des kontinuierlichen Verheimlichens und Tabuisierens dahinter steht.
Wie finden Sie heraus, um welche Form der Harninkontinenz es sich bei welcher Patientin handelt?
Die exakte Unterscheidung der Inkontinenzform erfolgt zunächst durch eine gezielte Patientinnenbefragung, der Anamnese. Ich erkundige mich bei der Frau danach, ob der unwillkürliche Harnverlust beim Husten, Niesen oder Lachen und körperlichen Anstrengungen auftritt, was auf eine Belastungsinkontinenz hindeutet, oder eher von einem starken und häufig einsetzenden Dranggefühl begleitet wird, der so genannten Dranginkontinenz. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass aufgrund der Schilderungen der Patientin die Symptome einer Belastungsinkontinenz nur schwer von denen einer Dranginkontinenz zu unterscheiden sind. Weitere Untersuchungen sind in der Folge also unabdingbar. So sollte beispielsweise ein Ultraschall vorgenommen werden. Wichtig ist auf jeden Fall das Führen eines Miktionstagebuchs durch die Patientin, um festzustellen, ob sie ausreichend trinkt.
Welche Ursachen für eine Harninkontinenz erleben Sie besonders häufig?
Einen speziellen Frauentyp, der prädestiniert ist für Inkontinenz, gibt es nicht unbedingt. Früher waren wir der Auffassung, Übergewicht sei immer ein besonders entscheidender Auslöser, frei nach dem Motto: "Inkontinenz = Übergewicht". Es gibt jedoch sehr viele Patientinnen, die schlank sind und viel Sport treiben und die trotzdem unter einer Inkontinenz leiden."
Erinnern Sie sich an Aussagen von Frauen, aus denen die Einschränkungen für ihre Lebensqualität deutlich wurden?
Wenn das Gespräch über Inkontinenz erst einmal in Gang gekommen ist, beschreiben viele Frauen spezielle Situationen, die sie mit der Erkrankung verbinden. Beispielsweise, dass sie in den verschiedensten Städten genau wissen, wo sich öffentliche Toiletten befinden. Andere Aussagen kommen eher auf gezieltes Befragen zustande. Frauen mit Symptomen der Belastungsinkontinenz erzählen mir nicht von vornherein, dass sie als Vorsichtsmaßnahme keine Hosen sondern statt dessen nur noch Kleider tragen. Sie beschreiben auch nicht offen, dass sie sich zurückziehen, weil sie glauben, durch ihre Inkontinenz eine Geruchsbelästigung zu verursachen. Auch Probleme in der Sexualität, die aufgrund der Inkontinenz erheblich eingeschränkt sein kann, äußern sie erst auf gezieltes Nachfragen. Häufig wissen die Frauen gar nicht, wie sie ihre Situation beschreiben sollen.
Welche Fragen, Sorgen und Wünsche treten bei den Frauen nach der Diagnose auf? Wie können Sie mögliche Therapieängste entkräften?
Nach Diagnosestellung wird der Patientin ein entsprechendes Therapiekonzept vorgelegt und genau erläutert, warum gerade dieser Weg gegangen werden sollte. Die nicht-operative Therapie steht dabei an erster Stelle, also spezielle Medikamente, Physiotherapie, Östrogenisierung und der Einsatz von Pessaren. Darüber hinaus sind auch die Operationstechniken, die wir heute kennen, deutlich weniger belastend und wesentlich erfolgreicher. Bei jeder Therapieform muss man aber neben den Chancen auch über mögliche Probleme, Gefahren und Komplikationen informieren. Ein Teil der Frauen sagt deshalb von vorneherein, dass sie sich nicht operieren lassen möchten.
Welche Erfahrungen haben Sie mit nicht-operativen Maßnahmen wie Beckenbodentraining zur Behandlung von Symptomen der Belastungsinkontinenz gemacht?
Das Beckenbodentraining ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie von Symptomen der Belastungsinkontinenz. Ich verschreibe die Übungen eigentlich immer in Verbindung mit einem Medikament, das durch seine Wirkweise direkt an der Harnröhre ansetzt und den Schließmuskel stärkt. Physiotherapeutische Maßnahmen fördern außerdem die Stützung der Organe im Becken. Damit ist die Patientin nicht nur passiv in die Therapie eingebunden, sondern kann auch aktiv etwas für sich tun. Die betroffene Frau sollte Schritt für Schritt an die Gesamttherapie herangeführt werden. Hierfür ist zusätzliches Beckenbodentraining die beste Möglichkeit. Indem die Patientin selbst zur Handelnden wird, tut sie gleichzeitig auch etwas für ihre Psyche und ihr Gesamtempfinden.
Wie sprechen Ihre Patientinnen auf solche nicht-operativen Behandlungen an?
Natürlich erwartet man von einer Behandlung die größtmögliche Hilfe. Wenn eine Patientin mir allerdings nach der Therapie signalisiert, dass sie wieder ein normales Leben führen kann, sagt das mehr als tausend Worte. Viele Frauen berichten mir auch, dass sie sich jetzt nur noch eine Vorlage zur Sicherheit einlegen. Die Patientinnen stellen also durchaus fest, dass ihre Situation durch die Maßnahmen besser geworden ist.
Was raten Sie Betroffenen, die bislang über ihre Erkrankung geschwiegen haben?
Da etwa 50 Prozent aller Frauen in Deutschland inkontinent sind bzw. Blasenfunktionsstörungen haben, sollten Betroffene ihre Erkrankung auf jeden Fall offen ansprechen. Sowohl der Haus-, der Frauenarzt oder der Urologe können in diesem Zusammenhang sehr wichtige Ansprechpartner sein und den Patientinnen eine ermutigende Zukunft aufzeigen.
Autor/Quelle: Boehringer Ingelheim
