Paruresis - Das Tabu-Thema

Das schwierige Wort "Paruresis" bezeichnet ein schwieriges psychisches Problem, über das sich kaum jemand zu sprechen traut: es ist die Unfähigkeit, bei der - möglichen - Anwesenheit anderer auf öffentlichen Toiletten zu urinieren. Im Englischen hat sich hierfür der Begriff "Shy Bladder Syndrome" etabliert, was soviel heißt wie "schüchternes Blasen-Syndrom".


Schätzungen gehen von einer Million Betroffener in Deutschland aus.
Es ist nicht der Ekel vor öffentlichen Toiletten, der Thomas M. (Name v. d. Red. geänd.) seit acht Jahren davon abhält, öffentliche Toiletten aufzusuchen: Es ist ihm einfach unangenehm und peinlich, von anderen Menschen auf dem "Örtchen" gehört oder gesehen zu werden. Ein anderer Betroffener schildert es so: "Im Prinzip kann ich auch auf öffentlichen Toiletten urinieren, aber nur wenn ich alleine bin. Ich gehe im Kino grundsätzlich nur in spannenden Momenten auf die Toilette weil ich da hoffe alleine zu sein...wenn ich Pech habe sitze ich da zehn Minuten bis jeder draußen ist." Er schreibt dies anonym im Internet-Forum der European Paruresis Association (http://www.paruresis-europa.org/de/forum.php) – selbst zu einem Arzt zu gehen ist ihm peinlich. Menschen wie Thomas sind daher Meister im Vermeiden: sie vermeiden den Gang zur Toilette, weil es nur noch zu Hause geht, sie vermeiden das Trinken, sie finden Vorwände, um nicht mit Freunden auszugehen oder gar zu verreisen. "Sie vermeiden öffentliche Toiletten und unterlassen soziale Aktivitäten, da sie nicht abschätzen können, wo und unter welchen Bedingungen es möglich ist zu urinieren", sagt der Psychotherapeut Dr. Philipp Hammelstein von der Universität Düsseldorf. Der berufliche Tagesablauf wird teilweise danach bestimmt, wann sich eine Gelegenheit bietet, ungestört und unbeobachtet zu urinieren. Die zwischenmenschlichen Beziehungen und Partnerschaften leiden, wenn gemeinsame Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände abgesagt werden. Besonders dramatisch wird es, wenn Selbstzweifel und Depressionen hinzukommen. Die Paruresis wird deshalb als soziale Angststörung angesehen.

Paruresis und der Fluchtimpuls

Man schätzt, dass in Deutschland etwa eine Million Männer und eine halbe Million Frauen unter Paruresis leiden. Paruresis entsteht fast immer während der Pubertät. Auslöser kann eine dumme Bemerkung oder eine schlechte Erfahrung sein, etwa, wenn Kinder auf der Toilette bedroht wurden. Solch ein Schlüsselereignis ist der Anfang einer biologisch sehr alten Reaktion: das Signal "Gefahr" aktiviert das "sympathische Nervensystem", das "Kampf-Flucht-System", das noch aus der Zeit stammt, als der Mensch Jäger und Sammler war und allerlei Unheil aus der Natur drohte. Bei Gefahr wird Adrenalin vermehrt ausgeschüttet, Muskeln werden durchblutet – und Wasserlassen wird komplett unmöglich. Denn auch die Ringmuskeln, die die Blasenentleerung steuern, sind angespannt. Droht keine Gefahr, ist der "Parasympathikus" aktiviert – die Ringmuskeln sind entspannt, und nur in einer entspannten Situation kann man urinieren. Es macht also auch gar keinen Sinn, unter "Stress" urinieren zu wollen und zu "pressen", da sich der Muskel noch mehr anspannt. Betroffene leiden unter einer Erwartungsangst, denn sie haben ja gelernt, dass sie etwa im Beisein anderer Personen nicht urinieren können. Ein Betroffener berichtet: „Öffentliche Toiletten, in Kaufhäusern, Bahnhöfen, Flughäfen, Bars, Discotheken sind das große Problem. Einfach da wo es laut ist, und viele Menschen um einen herum. ... Es hilft keineswegs eine leere Toilette vorzufinden, denn gerade bei wenig Betrieb ist die Chance ja noch höher von einem Gast überrascht zu werden." In der Erwartungsangst also ist das "Kampf-Flucht-System" wieder aktiv. Doch das ist noch nicht alles. Die schlechten Erfahrungen führen im Laufe der Zeit dazu, dass Betroffene sich für "nicht normal" halten oder als Versager regelrecht abwerten. Sie fühlen sich minderwertig und sind niedergeschlagen. Wenn es soweit ist, so ist die Paruresis "im Kopf" etabliert, wie Philipp Hammelstein es formuliert.
 
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