Angst - Vom Gesundbleiben bis zum Krankwerden (Teil 1)

Angst ist zwar belastend, doch sinnvoll: ein archaisches Schutzprogramm, das vor Gefahren warnt und uns so die Möglichkeit gibt, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Doch sie kann auch krank machen. Angst ist ein zentraler Bestandteil unserer Psyche. Zwar ist sie unangenehm, beklemmend und quälend, doch hilft sie seit Urzeiten, potenziell gefährliche Situationen zu registrieren und uns diesen durch Flucht entziehen zu können.


Angst ist jedoch auch ein zentrales Symptom zahlreicher seelischer Störungen; sie kann Folge einer organischen Erkrankung (wie einer Schilddrüsenüberfunktion) oder von Medikamenten, Alkohol oder anderen Drogen sein. Die krankhaften psychischen Angststörungen werden in Phobien, Panikstörungen und generalisierte Angststörungen eingeteilt. Manchmal wird die Angst vor etwas Konkretem wie einer speziellen Situation oder einem bestimmten Tier auch als Furcht bezeichnet und so vom eigentlichen Begriff der Angst als Beklemmung vor Unbestimmtem abgegrenzt. Allerdings wird diese Unterscheidung selbst in der Fachliteratur nicht durchgehalten und z.B. von Angst vor Spinnen, Prüfungsangst oder der Furcht vor etwas Unheimlichem gesprochen. Meist werden diese beiden Begriffe deshalb synonym verwendet.

Angst zwischen Normalität und Krankheit

Wie bereits erwähnt: Angst warnt vor Gefahr und kann so unsere Leistungsfähigkeit ankurbeln und uns zum Handeln motivieren. Sie führt zu Abwehr- und Fluchtreflexen (wie ein Zusammenrollen oder Wegrennen bei körperlichen Angriffen), ist ein feiner Messfühler zum Bewerten normgerechten Verhaltens und nicht zuletzt Triebfeder und Kreativitätskatalysator für viele Künstler. Angst kann von individuell unterschiedlich ausgeprägten körperlichen Symptomen begleitet sein, beispielsweise Herzrasen, Atemnot, Schwitzattacken, Mundtrockenheit, Zittern, Durchfall oder Bauchschmerzen. Bei großer Angst zieht sich die Lust zurück – jeder der schon einmal vergeblich versucht hat, vor einer Prüfung ein leckeres Frühstück herunterzuwürgen oder sich durch Zärtlichkeiten abzulenken, kann das bestätigen. Und ist die Angst zu stark, verkehrt sich ihr positiver Effekt ins Gegenteil, da sie viele Ressourcen bindet: Konzentration und Leistungsfähigkeit sinken, die Wahrnehmung und körperliche Beweglichkeit werden eingeschränkt. Bestehen ausgeprägte Ängste länger, kann dies Stresserkrankungen und körperliche Krankheiten verursachen (z.B. Magengeschwüre). Die Grenze zwischen normaler und krankhafter Angst ist oft nicht einfach zu ziehen. So leidet nicht jeder schüchterne Mensch, der häufig errötet, an einer sozialen Phobie oder jeder, der Angst vor dem Tod hat, an Panikattacken. Wichtige Bewertungsfaktoren sind, ob eine Angst begründet ist, wie niedrig die Auslöseschwelle liegt, ob und wieweit sie den Alltag und die Leistungsfähigkeit einschränkt und/oder das Denken beherrscht. Leidet ein Sänger vor seinem Auftritt an Lampenfieber, ist das durchaus normal – bleibt ihm dann aber ständig die Spucke weg, sodass er nicht mehr vor Publikum singen kann, nicht mehr. Hat jemand nachts in der U-Bahn Furcht, überfallen zu werden, ist das normal – kann er wegen seiner Ängste allerdings nicht mehr die Wohnung verlassen, ist die Schwelle zur krankhaften Angststörung überschritten. Manche Ängste wie die vor Dunkelheit sind bei Kindern normal, geben sich dann aber später.
 
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