Borderline - Gratwanderung des Lebens
Violetta ist tablettensüchtig und fügt ihren Unterarmen blutige Schnitte zu - um zu spüren, dass sie lebt, dass sie fühlt. Violetta ist Titelheldin in Giuseppe Verdis "La traviata" (zu deutsch "Die Verirrte"), 2005 vom Darmstädter Staatstheater mit brennend aktueller Thematik aufgeführt: sie ist stellvertretend für drei bis vier Millionen Deutsche, die am Borderline-Syndrom leiden. Das Krankheitsbild ist dabei ausgesprochen vielfältig und reicht von Depressionen über Drogen-, Alkohol- oder Sexsucht bis hin zu massiven Identitätsproblemen, Aggressivität und Selbstmord.
Die Ursache des Borderline-Syndroms ist eine starke emotionale Instabilität. Der 1938 geprägte Begriff bedeutet "Grenzlinie" und geht auf den amerikanischen Psychoanalytiker William Louis Stern zurück.
Heute bilden Borderline-Störungen ein eigenständiges Krankheitsbild, dessen Ursache Psychologen in der Kindheit sehen, wenn wichtige zwischenmenschliche Beziehungen etwa zum Vater oder zur Mutter im weitesten Sinne belastet waren. Dazu gehören sexueller Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigungen. Dr. Simon Cohen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Düsseldorf schreibt in einer Patienten-Information zur Borderline-Störung, dass 70 Prozent der Patienten Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kindheit waren. Gerade in der Kindheit lernen Menschen den Umgang mit ihren Gefühlen, auch, diesen zu vertrauen. Wird diese Entwicklung nachhaltig gestört, entsteht die emotionale Instabilität.
Dr. Ewald Rahn, Chefarzt der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Westfälischen Klinik Warstein, schätzt, dass rund zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind - die meisten sind jünger als 30. Nur ein Viertel der Patienten ist männlich, betroffen sind meist Mädchen und Frauen. Über zwei Drittel der Betroffenen haben schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen.
Borderline und Gewalt
"Manchmal nehme ich meinen Körper nicht mehr wahr. Ich verletze mich selbst, um mich wieder zu spüren. Angst, Panikanfälle, Depressionen und Beziehungsprobleme bestimmen mein Leben. Ich bin gefangen in mir!" Diese und andere Beschreibungen finden sich in den Interviews und persönlichen Berichten von Borderline-Patientinnen. Martina Schwarz hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit als Grafikdesignerin viele dieser Berichte zusammen getragen und mit ihnen ein "tagebuch borderline – borderland" gestaltet.
Deutlich wird hier unter anderem, wie sehr Borderliner auch zu Gewalt neigen – gegen sich und andere. Der Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh, Mijailo Mijailovic, soll nach Aussagen von Experten am Borderline-Syndrom leiden. Häufiger jedoch sind die Selbstverletzungen mit Messern, Feuer, Nadel, bis hin zum Suizid.
"Zwischen Wahnsinn und Normalität" – Borderline-Patienten und Beziehungen
"Borderline", so heißt es in Marie-Sissi Labrèches gleichnamigem autobiografischem Roman, "ist eine große Metapher. Die Chance, Grenzen zu überschreiten, anders zu denken, all das rauszulassen, was im Innern brodelt. Ein Tanz zwischen Wahnsinn und Normalität. Ich bin es gewohnt, wie auf einem Gleis zwischen beidem zu sein."
Die Diagnose Borderline ist schwierig, es scheint, als passten sehr viele Symptome zu der Erkrankung. Prof. Dr. med. Joachim Bauer von der Abteilung Psychosomatische Medizin der Uni Freiburg beschriebt Borderline so: "Bei der Borderline- Störung handelt es sich um eine erst in den letzten 20 - 30 Jahren voll erkannte seelische Gesundheitsstörung, bei der es zu nicht vorhersehbaren Schwankungen der Gefühle, insbesondere zu einem rapiden Wechsel zwischen Anziehung und Hass gegenüber anderen Menschen kommt. Das Ich-Gefühl ist nicht kontinuierlich gleich, sondern instabil. Borderline-Patienten verstehen oft nicht, warum sie in einer anderen Situation etwas so gemacht haben wie sie es gemacht haben. Borderline-Patienten leiden an nicht aushaltbaren innerseelischen Spannungszuständen."
Einsamkeit, aber auch Nähe können sie nicht immer ertragen, daher gestaltet sich das Zusammenleben mit einem Borderliner ausgesprochen schwierig. Ewald Rahn sagte dazu in einem Interview mit der Zeitschrift Brigitte: "Borderlinern fällt es nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Aber es ist ihnen fast unmöglich, ein soziales Netz zu knüpfen, sich einen Freundeskreis aufzubauen, den man pflegt und ausweitet. Dass es nur eine gute Freundin gibt oder einen guten Freund, auf den oder auf die alles projiziert wird, ist für viele Borderline-Patienten ganz normal."
Typische Verhaltensmuster bei Borderline
Nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual IV (DSM-IV) - ein weltweit angewandtes Klassifikationssystem der psychischen Störungen – sind neun typische Verhaltensmuster beschrieben. Wenn fünf dieser Verhaltensweisen erfüllt sind, lässt sich die Diagnose "Borderline-Syndrom" stellen.
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Verzweifelte Versuche, tatsächliches oder vermeintliches Verlassenwerden zu vermeiden – man hat das Gefühl, ohne den Partner nicht überleben zu können.
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Muster von intensiven und instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen, die durch einen Wechsel zwischen den Extremen Idealisierung und Abwertung gekennzeichnet sind – mal versteht man sich gut, mal ist die Nähe zum Partner bedrohlich.
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Identitätsstörung im Sinne eines auffällig und durchgängig instabilen Selbstbildes oder Selbstwahrnehmung – einige Menschen haben das Gefühl, ihr Körper sei nichts als eine leere Hülle.
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Impulsives, selbst schädigendes Verhalten – Drogen- und Alkoholmissbrauch, Kaufsucht, Fresssucht oder Ladendiebstahl gehören mit zum Erscheinungsbild.
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Wiederholte suizidale Handlungen, Suizidandrohungen oder selbst verletzendes Verhalten - Schneiden, Verbrennen, Nägelausreißen, Suiziddrohungen und –versuche.
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Affektive Instabilität – man kann seine Emotionen nicht steuern, schwankt zwischen Depression und Glücksgefühl, manchmal kommen Ängste hinzu und kann nichts dagegen tun.
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Chronisches Gefühl der inneren Leere.
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Unangemessene, sehr heftige Wut oder Schwierigkeiten, Wut zu kontrollieren. Manche Patienten können sich nicht kontrollieren, greifen Gegenstände oder andere Menschen an, sind tagelang gereizt.
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Vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellungen oder eindeutig dissoziative Symptome. Dissoziation ist ein Verlust des Wirklichkeitsgefühls, alle Sinneswahrnehmungen einschließlich Schmerz sind reduziert. Manche Patienten bekommen Halluzinationen oder "Flashbacks" – plötzliches Auftreten oftmals traumatischer Erlebnisse aus der Vergangenheit.
Therapie – denn ohne Hilfe geht es nicht
Borderlinie-Patienten gehören in psychotherapeutische Behandlung, die sowohl ambulant als auch stationär, als Gruppen- oder Einzeltherapie stattfinden kann. Ein sehr häufig eingesetztes Therapiekonzept ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), entwickelt von der amerikanischen Psychiaterin Marsha Linehan. Man setzt bei den Symptomen der Krankheit an: Zuallererst versuchen Therapeut und Patient gemeinsam, die Selbstmordgefahr und die Selbstverletzungen zu stoppen.
In der Gruppentherapie geht es besonders um die Anleitung zu einer erhöhten Achtsamkeit für das eigene Erleben. Darauf aufbauend erlernen die Patienten einen angemessenen Umgang mit Gefühlen, d.h. deren frühzeitige Wahrnehmung, nicht-bewertende Beschreibung und angemessener Ausdruck. Wichtig ist auch ein kompetentes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Begleitend werden individuelle Krisenpläne erarbeitet, die zum Beispiel auflisten, wie man sich beruhigen oder ablenken kann. In der Gruppentherapie sollen außerdem Verhaltensweisen gelernt werden, die helfen sollen, soziale Beziehungen befriedigender zu gestalten. Rollenspiele und Videoaufzeichnungen unterstützen dabei, das eigene soziale Verhalten besser wahrzunehmen und die Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen zu erhöhen. Ziele sind eine positivere Selbstbewertung, eine verbesserte Kommunikation, ein Sich-Zeigen, das Sich-Einlassen und Abgrenzen in sozialen Beziehungen.
Therapieformen
Erst in einer späteren Phase werden die traumatischen Früherfahrungen aufgearbeitet, danach schließt die Integrationsphase an, in der neue Perspektiven für das Leben entwickelt werden. In zahlreichen Kliniken gibt es spezielle Borderline-Therapie-Stationen, die zusätzlich weitere Therapiemöglichkeiten wie Gestaltungs-, Musik-, Tanz- und Sporttherapien, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation einsetzen.
Die Bewegungstherapie zielt darauf ab, die eigenen körperlichen Funktionen und Fähigkeiten wie Atmung, Kraft, Bewegung besser kennenzulernen. Mittels der Progressiven Muskelrelaxation lernen die Patienten, Spannungszustände wahrzunehmen, zu lösen und durch regelmäßiges Üben eine entspannte und gelassene Grundstimmung zu entwickeln. Innerhalb der Sportgruppe werden Eigeninitiative und Integration in die Gruppe gefördert, hier bietet sich die Möglichkeit, aggressive Impulse strukturiert abzubauen. Eine traurige Tatsache ist jedoch, dass 75 Prozent aller Therapien abgebrochen werden – die Probleme liegen jedoch nicht immer beim Patienten, sondern auch bei der Komplexität des Krankheitsbildes für Therapeuten.
Autor/Quelle: bo
