Depressionen am Arbeitsplatz

Psychische Erkrankungen nehmen immer weiter zu: Mittlerweile gehen nahezu zehn Prozent der Fehltage am Arbeitsplatz auf psychische Erkrankungen zurück. Analysen der DAK zeigen, dass seit 1997 sowohl die Krankheitsfälle als auch die Krankheitstage alarmierend zugenommen haben - die Zahl der Fälle bei psychischen Erkrankungen stieg um 70 Prozent. Jeder siebte Berufstätige ist oder war schon einmal wegen eines seelischen Problems in professioneller Behandlung.

Was sind psychische Erkrankungen?

Die Psyche ist für eine große Anzahl von Erkrankungen anfällig: einschneidende persönliche Erlebnisse wie der Tod eines Partners kann die Persönlichkeit eines Menschen massiv verändern. Prof. Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München sagte zum Thema Volkskrankheit Depression: "Wir haben ja in Deutschland jedes Jahr 11.000 Suizide und etwa das zehnfache - 100.000, wahrscheinlich ist noch zu niedrig geschätzt - an Suizidversuchen. Und ein Großteil der Suizide, 90 Prozent, passieren im Rahmen psychiatrischer Erkrankungen, und am häufigsten eben im Rahmen von depressiven Erkrankungen."

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation leidet jeder Dritte bis Vierte in Deutschland zumindest zeitweise unter Schwermut, Selbstzweifeln und Schuldgefühlen. Psychische Erkrankungen, das sind neben Depressionen auch Phobien – übertriebene, nicht nachvollziehbare Ängste vor bestimmten Dingen oder Situationen. Das sind psychosomatische Erkrankungen, Abhängigkeiten, zwanghaftes Verhalten bis hin zu Schizophrenien, Depressionen und Manien. Letztere äußern sich zum Beispiel in Wahrnehmungsstörungen, unangemessenen Stimmungsausbrüchen, Selbstüber- und -unterschätzung sowie durch enthemmtes Verhalten. Die Grenzen zwischen Verhaltens- oder Denkweisen, die als noch "normal" gelten und einer psychischen Störung verlaufen fließend.

 

Niemand ist vor psychischen Erkrankungen sicher

Betroffen von solchen psychischen Störungen sind viele: Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Technischen Universität Dresden leiden in Deutschland mehr als acht Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Meist tritt sie in Lebenskrisen auf. Gerade in den jüngeren Altersgruppen ist ein überproportionaler Anstieg der psychischen Erkrankungen zu verzeichnen. Hier sind die Altersgruppen der 15- bis 29-Jährigen (bei den Frauen) bzw. der 15- bis 34-Jährigen (bei den Männern) besonders stark betroffen.

"Angststörungen und Depressionen werden immer mehr zu Volkskrankheiten der Zukunft. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit reagieren offensichtlich auch mehr junge Menschen mit psychischen Problemen auf berufliche und private Anforderungen." So kommentiert DAK-Chef Herbert Rebscher die Ergebnisse.

 

Depressionen: Reaktionen am Arbeitsplatz

Häufig liegt heute das Problem psychisch Kranker in der gesellschaftlichen Integration. Sie werden stigmatisiert und diskriminiert. Ein häufiger Fehler in Diskussionen über psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz ist die Annahme, es seien nur sehr wenige Menschen betroffen, die zudem meist einfach "charakterschwach" wären und sich bloß nicht "zusammenreißen" könnten. Vielfach werden Betroffene gemieden, ausgegrenzt, manchmal verhöhnt.

Ein großes Problem Betroffener ist die Angst: Angst, nicht ernst genommen zu werden, Angst, ausgegrenzt zu werden, Angst, beruflich nicht weiter zu kommen – das dies den Kranken weitaus stärker belastet als nötig verstärkt letztlich nur die Probleme. Psychische Erkrankungen stellen die häufigste Ursache für Frühberentung dar. Dabei gibt es seit gut 20 Jahren entscheidende Fortschritte in der Behandelbarkeit und eine gute Chance auf Heilung oder zumindest auf eine deutliche Besserung des Krankheitsbildes. Dazu gehören Medikamente und andere Therapieformen, und fein abgestimmte Psychotherapieverfahren. Neben stationären Therapien gibt es strukturierte, ambulante Kurzzeittherapien mit zwölf bis 25 Stunden.

"Die meisten Unternehmer wissen, dass sie mit betrieblicher Prävention sowohl die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter fördern, als auch die Ausfallzeiten senken können," erklärt K.-Dieter Voß, Vorstand beim BKK Bundesverband. Dieser hat zusammen mit der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK e.V.) "Die Praxishilfe "Psychisch krank im Job. Was tun?" herausgegeben. Die Informationsschrift unterstützt Betroffene wie Führungskräften.

 

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz erkennen

Eine "Erste Hilfe" kann sein, den Verantwortlichen Sicherheit im Umgang mit der sensiblen Thematik zu geben und im konkreten Fall Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Krisensituationen zu helfen. Rechtzeitiges Eingreifen hilft größeren Krisen vorzubeugen. Fehlzeiten können verringert werden und das Know-how der betroffenen Mitarbeiter bleibt im Betrieb. In den Betrieben sollten alle offener mit psychischen Problemen und Störungen umgehen; denn nur Mitarbeitern, die sich trauen, frühzeitig psychische Krisen anzusprechen, kann rechtzeitig und langfristig geholfen werden. Oft sind es zuerst Kolleginnen und Kollegen, die ein verändertes Verhalten beobachten – manchmal sind dies die Symptome einer psychischen Erkrankung. Diese Anzeichen sollte man nicht ignorieren:

  • der Betroffene wirkt gleichgültig oder abweisend oder gar aggressiv
  • er unterliegt starken Stimmungsschwankungen
  • ist isoliert und verschließt sich
  • er zeigt nachlassende Leistung oder starke Leistungsschwankungen
  • traut sich nichts mehr zu, wirkt allgemein unsicher
  • macht viele Pausen und ist auffallend häufig krank
  • fühlt sich "gemobbt", persönlich angegriffen oder greift andere an.

Werden Auffälligkeiten wahrgenommen, ist es wichtig, auf den Betroffenen zuzugehen und ihn auf das veränderte Verhalten anzusprechen, da ein frühzeitiges Eingreifen von Mitarbeitern und Kollegen möglicherweise schwerwiegendere Folgen wie den Verlust des Arbeitsplatzes verhindern kann. Kommentare wie "Reiß Dich zusammen!", sind völlig deplaziert, da es sich bei Depressionen, Ängsten, Alkoholabhängigkeit etc. um ernstzunehmende Erkrankungen handelt, denen nicht mit ein wenig Willensanstrengung beizukommen ist.

 

Depressionen am Arbeitsplatz: Tipps für Unternehmen

Im Bereich der Abhängigkeit von Alkohol und Drogen ist man mittlerweile soweit, Süchte als Krankheit anzuerkennen, Suchtbeauftragte zur Verfügung zu stellen, etc. – wünschenswert wäre, dass sich diese Einstellung und Akzeptanz nun auch auf andere psychische Erkrankungen ausdehnt. Aufklärung und Sensibilisierung von Führungskräften und Mitarbeitern ist also sinnvoll, etwa im Rahmen von Schulungsveranstaltungen oder Betriebsversammlungen, in denen über Krankheitsbilder, Behandlungsmöglichkeiten, Frühwarnsymptome und Auswirkungen der Erkrankung auf die Arbeitssituation informiert wird.

Außerdem sollte festgelegt werden, wie in konkreten Fällen vorzugehen ist, wofür klare Handlungsanweisungen – etwa in Form von Betriebsvereinbarungen- wichtig sind.