Psyche und Sucht - unser Innenleben führt ein Eigenleben

Es gibt viele Definitionen der Seele oder der Psyche: Wesen, Denken, Bewusstsein, Lebensatem oder geistiges Prinzip. Doch psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch – ob Depression, Zwänge oder Panikattacken, unser geistiges Innenleben kann genau wie jedes andere Organ erkranken.

Was ist die Psyche?

Wenn man die Begriffe Seele und Psyche definieren will, gerät man ins Schwimmen: Lebensatem oder Zusammenschluss von Willen, Gemüt und Geist sind nur zwei der diversen Begriffsbestimmungen.

In der Medizin beurteilt man die verschiedenen Bausteine des psychischen Befindens und definiert den Zustand der Psyche anhand dieser Bestandteile. Dazu gehören das Bewusstsein und das Ich-Bewusstsein, die Orientierung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis, formales und inhaltliches Denken, die Wahrnehmung, der Antrieb und die Psychomotorik sowie der Affekt. Das Bewusstsein lässt sich gezielt ausschalten – bei Operationen macht man sich das mit der Narkose zunutze.

Wie wesentlich das Bewusstsein für unsere Persönlichkeit ist, erkennt man an Menschen, die im Wachkoma liegen. Inzwischen weiß man, dass die Psyche in der Lage ist, unsere Abwehrkräfte anzukurbeln.

Die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken von Seele und Körper. Unsere seelische Gesundheit hängt von vielen Außenfaktoren ab – tiefer, erholsamer Schlaf, Leben nach dem Biorhythmus, Entspannungsphasen nach Stresssituationen oder eine ausreichende soziale Einbettung sind wichtig, damit wir uns Wohlfühlen. Wenn ein Kind beispielsweise zu wenig Zuwendung erhält, entwickelt es einen Hospitalismus: Kennzeichen sind Verhaltensweisen wie Bewegungsunruhe oder Schaukeln mit dem Körper.

 

Wie entsteht eine Sucht?

An einem Tag, an dem alles schief läuft und die Stimmung auf dem Tiefpunkt ist, "gönnt" man sich etwas Besonderes –ein Schlückchen Alkohol, ein gutes Essen oder einen Einkaufsbummel. Diese Tat bessert die Stimmung, doch sobald die Wirkung nachlässt, drängt es einen nach Wiederholung. Das ist noch nicht bedenklich – erst wenn der Drang nach Wiederholung unkontrollierbar wird, ist der erste Schritt zur Sucht getan.

Sucht ist eine Krankheit, bei der ein Mittel oder eine Handlung über den immer stärkeren Gebrauch und dann den Missbrauch zur Abhängigkeit führt.Viele Bereiche der Psyche können erkranken. Eine leichte Bewusstseinsstörung ist die Benommenheit (nach einem Verkehrsunfall), eine schwere Form das Koma (Bewusstlosigkeit), auch das Delir (z.B. nach zu starkem Alkoholkonsum) ist eine Bewusstseinsstörung.

Das Ich-Bewusstsein ist bei der Schizophrenie erkrankt – "sich selbst fremd sein", dieses Gefühl kann auch unter LSD-Einnahme auftreten. Wenn die Orientierung gestört ist, weiß der Betroffene nicht mehr genau, wo er sich befindet, welcher Tag gerade ist oder wie er heißt. Bei Aufmerksamkeitsstörungen sind einfache Rechenaufgaben nicht mehr möglich und bei Störungen des Gedächtnisses ist oft das Ultrakurzzeit- oder das Kurzzeitgedächtnis eingeschränkt, das Langzeitgedächtnis bleibt meist lange erhalten (typisch bei den Demenzen). Verlangsamtes Denken gehört ebenso zu den Denkstörungen wie Grübeln, Weitschweifigkeit, Gedankenabbrechen oder sich jagende Gedanken – und der Wahn und die verschiedene Zwänge.

Halluzinationen (wie sie auch im Alkoholdelir auftreten) gehören zu den Wahrnehmungsstörungen – und der Antrieb ist bei Depressionen vermindert und unter Drogen enthemmt. Ängste und Phobien sind Störungen des Affekts, mit dem Begriff Affektivität wird das gesamte Gefühlsleben eines Menschen bezeichnet. Dabei kann zu viel oder zu wenig Gefühl auftreten, die Stimmung kann labil schwanken – gerade Depressionen und Manien zeichnen sich durch Affektstörungen aus.

Anamnese (Krankheitsgeschichte erfragen): Das Ausmaß der psychischen Beeinträchtigung zeigt sich während eines ausführlichen Gesprächs zwischen Arzt/Therapeut und Betroffenem. Das Erheben des psychopathologischen Befundes, bei dem alle psychischen Elemente getestet werden, ist die wichtigste Untersuchungsmaßnahme, anhand derer der Arzt das weitere Vorgehen festlegt. Meist wird das Gespräch in mehreren Etappen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Familiengeschichte, Vorerkrankungen, Besonderheiten) geführt. Psychologische Tests wie der Rorschach-Test kommen nur manchmal zur Anwendung.

Organuntersuchungen: Bei Suchtpatienten mit Verdacht auf Organschaden werden zusätzliche Untersuchungen durchgeführt. So muss bei Alkoholmissbrauch neben der Leber die Nerven auf Schäden untersucht werden und bei Rauchern die Lunge. Bei Patienten, bei denen man argwöhnt, dass ein Organschaden Ursache für die psychische Erkrankung ist, werden Blutuntersuchungen, Röntgen oder ein anderes bildgebendes Verfahren wie die Magnetresonanztomographie eingesetzt.

Häufig sind Ängste und Phobien, Schlafstörungen sowie depressive Verstimmungen. Bei vielen psychischen Beeinträchtigungen muss untersucht werden, ob es nicht eine organische Ursache für die Beschwerden gibt – eine Hirnblutung oder ein Schlaganfall, eine Vergiftung oder eine Vitamin-B-arme Ernährung bei Alkoholmissbrauch können zu psychischen Veränderungen führen. Aber auch auffallende Hauterkrankungen wie eine starke Neurodermitis, auffallende Nervenzuckungen wie beim Tourette-Syndrom oder Kopfschmerzen können den Betroffenen so einschränken, dass er zusätzlich psychisch erkrankt und beispielsweise eine Depression entwickelt.

Beim Chronic Fatigue Syndrom fühlt sich der Betroffene andauernd erschöpft und könnte immer schlafen – die Ursache ist noch unklar. Bei der Schlafkrankheit weiß man hingegen, dass Parasiten für den zunehmenden Bewusstseinsverlust verantwortlich sind.

Die Demenzen – am bekanntesten ist die Alzheimer-Demenz – zeichnen sich durch einen zunehmenden Gedächtnisverlust des Betroffenen aus: ein Prozess, der auch die Angehörigen stark belastet.

Mobbing, Burnout-Syndrom oder andauernder Stress führt oft zu einer Reaktion der Psyche. Neben depressiven Verstimmungen und Antriebslosigkeit können auch Denkstörungen oder Hyperventilationsattacken auftreten. Auch eine allergische Reaktion ist möglich.

Das Münchhausen-Syndrom ist eine seltene Erkrankung, die eine Sonderform von Kindesmisshandlung darstellen kann. Auch bei Kindern treten psychische Störungen auf. Neben dem schon erwähnten Hospitalismus ist der Autismus als extreme Kontaktstörung und das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) besonders hervorzuheben. Der Drang zu Selbstverletzungen weist auf eine gestörte Persönlichkeit hin.

 

Welche Süchte gibt es?

Die verbreitesten Süchte sind sicherlich die Alkohol- und die Nikotinsucht. Aber die Suchtvarianten reichen von stoffgebundenen Süchten zu Drogen, Medikamente oder Esswaren zu den Süchten, bei denen eine Handlung im Mittelpunkt steht: Hungern (bei der Magersucht), Essen (bei der Esssucht), Kaufen, Sport treiben (bei der Fitnesssucht), Spielsucht oder das Surfen im Internet!

Psychischen Erkrankungen ist nur teilweise vorzubeugen. Alle stressabhängigen Komponenten sollten Sie auf ein vernünftiges Maß reduzieren, damit Entspannung-Übungen, autogenes Training, Massagen und ein bisschen Sonne überhaupt wirken können. Sobald bei älteren Menschen eine Verhaltensänderung auftritt, sollte man zügig handeln, um eine Demenzerkrankung aufzuhalten.

Mit Gehirnjogging und Gedächtnistraining halten Sie die grauen Zellen fit – damit kann man im Büro anfangen! Die wichtigste Maßnahme, um Depressionen und vor allem auch Süchten zu begegnen, besteht in umfassender Information der Bevölkerung über die Krankheit und das Suchtpotential von Stoffen oder Handlungen. Nur informierte Menschen können erste Krankheitsanzeichen wahrnehmen und dann frühzeitig Hilfe suchen.

 

Welche therapeutische Maßnahmen gibt es?

Psychische Erkrankungen werden meist mit einer Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten behandelt. Neben Johanniskraut und Psychopharmaka werden manchmal auch Placebos eingesetzt. Eine Verhaltenstherapie ist Mittel der Wahl bei ADHS oder Angstattacken. Gerade bei Kindern ist ein behutsames Vorgehen gefragt. Schlafstörungen kann man mit der richtigen Ernährung begegnen und Depressionen mit der Magnetfeldtherapie.

Tipps, um mit dem Rauchen aufzuhören, gibt es viele – ob Sie immer helfen, steht auf einem anderen Blatt. Auch hier kann eine begleitende Psychotherapie helfen – gerade bei dem immer früheren Kontakt von Jugendlichen zu Drogen!