Kopfweh – der kleine Unterschied

Er kann hinter der Stirn hämmern oder stechen, sich wie ein festes Band um die Schläfen legen, lähmend wirken: Kopfschmerz ist ein Volksleiden. Doch das Chaos im Kopf empfinden Frauen oft völlig anders als Männer
Spannungskopfschmerz und Migräne
Es beginnt oft mit einem Stechen unter den Augen, dann strömt der Schmerz auch über die Wange und die Schläfenknochen. Der Cluster-Kopfschmerz zählt zu den schmerzhaftesten Kopfschmerzarten. Die Attacken können zwischen 30 und 180 Minuten dauern und setzen den Betroffenen oft komplett außer Gefecht. Der Cluster-Kopfschmerz befällt meistens Männer, etwa 70 bis 90 Prozent der Geplagten sind männlich, Frauen leiden dagegen nur selten darunter. Bei Kopfschmerzen gibt es Unterschiede bei Mann und Frau. Die meisten der über 180 verschiedenen Arten von Kopfschmerz treffen zwar beide Geschlechter gleichermaßen, so kennen zum Beispiel 54 Prozent aller Kopfschmerzpatienten Spannungskopfschmerzen.
Die Migräne hingegen trifft doppelt so viele Frauen wie Männer. Bis zu 24 Prozent der Frauen in Deutschland leiden unter Migräne, aber nur zwölf Prozent der Männer. Das liegt zum einen daran, dass Migräne durch Schwankungen im Östrogenspiegel verursacht werden kann. Bei fünf bis zehn Prozent aller Frauen, die unter Migräne leiden, treten die Anfälle vermehrt vor oder während der Periode auf. Dennoch gelten die Hormone nicht als eigentliche Ursache. „Nach wie vor ist aber umstritten, ob die Antibabypille bei hartnäckigen und schwer zu behandelnden Migräneattacken als Schuldige ausgemacht werden kann“, so Prof. Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Bei einigen Frauen löst die Pille die Migräne aus, bei anderen hilft sie, sie zu überwinden.
Männer erleben eine Migräne anders
Wissenschaftler vermuten außerdem, dass Frauen anfälliger für Migräne sind, weil sie Schmerz anders wahrnehmen als Männer: Manche Schmerzimpulse spüren sie stärker, andere hingegen schwächer – abhängig von den Nerventypen, die im Körper aktiviert werden. Bei einem Migräneanfall wird das „starke“ Geschlecht besonders schwach. Im Prinzip wehklagen Frauen wie Männer gleich, wenn der Kopf schmerzt. Nur bei der Migräne unterscheiden sich die Empfindungen von Männern und Frauen. Wenn Männer Migräne haben, beschreiben sie ihre Schmerzen viel stärker. Zudem klagen sie eindrücklicher über neurologische Begleitsymptome wie taube Handflächen, kribbelige Finger sowie flimmernde Bilder vor Augen oder Probleme beim Sprechen. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, unheilbar, aber gut behandelbar. „Doch tun sich Männer häufig schwer, sich ihrer Migräne zu stellen, gilt sie doch als typisches Frauenproblem“, weiß Dr. Jan Brand von der Migräneklinik Königstein.
Gute Migränetherapie basiert auf drei Schritten
„Man geht zum Beispiel davon aus, dass Männer mit Migräneattacken bei einer Krankmeldung häufig andere Ursachen vorschieben oder sich aber mit dröhnendem Kopf trotzdem zur Arbeit schleppen – mit gravierenden Folgen. Die Betroffenen greifen zu Schmerzmitteln, statt durch eine gezielte Behandlung die Krankheit einzudämmen.“ Schmerzmittel lindern die Schmerzen wirksam, doch sollte man darauf achten, dass man sie nicht übermäßig einnimmt. Sonst können ihre Wirkstoffe das Gegenteil bewirken: Sie können Kopfschmerzen verursachen und zu einem sogenannten medikamenteninduzierten Kopfschmerz führen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) rät deshalb in ihren Leitlinien, Medikamente gegen Kopfschmerzen nicht häufiger als zehn Tage im Monat und nicht länger als drei Tage in Folge einzunehmen.
Weitere Tipps, um die Migräne in den Griff zu bekommen
- Abschalten lernen: „Migränepatienten sollten Entspannungsübungen erlernen“, so Dr. Brand. Wichtig ist auch, täglich Ruhepausen (30–60 Minuten) einzuplanen, in denen man allein ist und mal abschalten kann. „Auch leichter Ausdauersport ist hilfreich.“
- Lebensstil ändern: Fast jeder Migräniker beobachtet, dass z. B. bestimmte Lebensmittel, Saunabesuch oder Schlafmangel eine Kopfschmerzattacke auslösen. Mediziner nennen diese Auslöser Trigger. Doch wer sie kennt, kann sie meiden.
- Ausgewählte Medikamente: Mit Vitaminen und Naturheilmitteln lässt sich dem Schmerz gut Paroli bieten. Die DMKG empfiehlt Magnesium, Vitamin B2 und Pestwurz. Diese Mischung kann die Häufigkeit von Anfällen halbieren. Zur Akuttherapie eignen sich bei leichteren Schmerzen unter anderem Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Ibuprofen. Bei mittelschweren bis schweren Attacken sind Triptane die Mittel der Wahl. Sie besetzen Bindungsstellen des Hirnbotenstoffs Serotonin, verengen die Hirngefäße und hemmen die Freisetzung entzündungsfördernder Botenstoffe.
Für die richtige Wahl der Therapie ist aber zunächst entscheidend, seinen Kopfschmerztyp zu erkennen. Doch selbst Fachleuten fällt eine exakte Unterscheidung nicht immer leicht. Untersuchungen zeigen, dass viel zu häufig falsch behandelt wird. Die Symptome sind manchmal zum Verwechseln ähnlich. Außerdem kommt es vor, dass sich aus einem Spannungskopfschmerz langsam eine Migräne entwickelt oder Mischformen auftreten. Kennzeichnend für Spannungskopfschmerzen ist, dass sie eher dumpf und drückend sind, meist beidseitig und mit leichter bis mäßiger Intensität auftreten. Nur selten werden sie so stark, dass sie die Betroffenen ganz außer Gefecht setzen. Spannungskopfschmerzen können stundenweise auftreten, aber auch bis zu einer Woche anhalten.
Wie Spannungskopfschmerzen entstehen
Ursache dafür sind häufig Verspannungen. Sie entstehen meist durch stundenlanges Sitzen in einer falschen Körperhaltung, Stress am Arbeitsplatz oder in der Familie, Arbeiten in schlechter Luft – und das sind nur einige der vielen möglichen Ursachen für den weit verbreiteten Spannungskopfschmerz. Durch Körperfehlhaltungen kann es beispielsweise zum Verkrampfen der Rückenmuskulatur kommen. Man nimmt an, dass die Muskeln dann ständig kleine Schmerzimpulse an das Gehirn senden. Dort weist ein Schmerzfilter diese geringen Impulse als unbedeutend zurück. Doch durch die ständigen Impulse werden wichtige Botenstoffe wie das Serotonin aufgebraucht. Dadurch gelangen die Schmerzimpulse ungehindert zum Gehirn. Die Folge: Der Mensch empfindet Kopfschmerzen. Hier helfen Lockerungsübungen, Entspannungstechniken, ein Spaziergang an der frischen Luft. Auch das Streicheln der Haut kann schmerzlindernd wirken.
Wichtig ist, die Beschwerden zu behandeln, denn bei anhaltenden Spannungskopfschmerzen gerät das Gehirn allmählich in ein Ungleichgewicht. Als Folge davon werden später bereits kleine Schmerzimpulse als extrem peinvoll empfunden. Man bekommt Spannungskopfschmerzen durch Schmerztabletten mit Acetylsalicylsäure oder Paracetamol (magenschonender) schnell und wirksam in den Griff. Doch nicht immer braucht man Medikamente. Da Spannungskopfschmerzen oft durch Stress entstehen, kann man dem Schmerz manchmal auch einfach vorbeugen – durch Entspannung. Das gilt übrigens für beide Geschlechter.
- Duft-Doping: Ätherische Öle wie Pfefferminze können bei akuten Kopfschmerzen lindernd wirken. Das Öl gleichmäßig auf Stirn und Schläfen verteilen und vorsichtig einmassieren.
- Koffein-Kick: Ein Espresso mit Zitrone gilt als probates Mittel, wenn sich ein Kopfschmerz ankündigt. Das Koffein im Kaffee weitet die Blutgefäße und blockiert die Bildung eines Enzyms, das für die Freisetzung von Prostaglandinen verantwortlich ist. Prostaglandine sind hormonähnliche Substanzen, die u. a. an der Weiterleitung von Schmerzen beteiligt sind. Zitrone unterstützt den Effekt.
- Finger-Übung: Mit sanftem Fingerdruck kann man leichten Spannungskopfschmerz wegstreichen. Und so funktioniert es: Fünf Minuten lang mit leichtem Druck von Zeige- und Mittelfinger langsam kreisende Bewegungen auf die Stirn und Schläfen ausüben. Dabei Augen schließen, tief durchatmen und entspannen.
- Kälte-Trick: Kalte Umschläge können befreien: Tauchen Sie zwei Waschlappen in kaltes Wasser und drücken Sie diese dann leicht aus. Einer kommt auf die Stirn, der andere in den Nacken. Im Liegen damit 30 Minuten relaxen.
Jeder Mensch hat Schmerzfilter im Gehirn
Das Gehirn reguliert über elektrische und chemische Mechanismen die Schmerzinformation der Nerven. Die Schaltzentrale, die darüber entscheidet, wie viele Schmerzinformationen in das Gehirn eingelassen und wahrgenommen werden, wird im Hirnstamm vermutet. Dort bestimmen Schmerzfilter, wie empfindlich das Nervensystem auf Vorgänge innerhalb oder außerhalb des Organismus reagiert. Eine besonders wichtige Rolle bei der Steuerung der Schmerzfilter spielt der Botenstoff Serotonin. Dieser wird im Gehirn gespeichert. Sobald der Vorrat verbraucht ist, wird neues Serotonin produziert. Bei körperlicher oder seelischer Belastung wird es jedoch sehr schnell abgebaut. Das führt dazu, dass die Schmerzfilter sich weit öffnen und Schmerzinformationen ungehindert in das Gehirn einfließen. Bei dauerhaftem Mangel kann es dann zu chronischen Spannungskopfschmerzen kommen. Das Gehirn von Migränikern reagiert – anders als das von Gesunden – auf wiederholte Reize mit Hochspannung und kann nicht wieder abschalten. Werden die Nerven so dauerhaft überstrapaziert, kann das zu erweiterten und entzündeten Gefäßen führen.
Das limbische System beeinflusst die Schmerzverarbeitung
Das limbische System ist eine Ansammlung komplizierter Strukturen in der Mitte des Gehirns, die den Hirnstamm wie ein Saum (lat.: limbus) umgeben. Schmerzfasern führen ins limbische System, wo die Schmerzreize mit unbewussten oder emotionalen Inhalten vermischt werden. Es kann als Basis für die Wirkung von Schmerzen auf das allgemeine Befinden betrachtet werden. Umgekehrt hat das limbische System auch Einfluss auf das Schmerzempfinden; hier entscheidet sich, ob wir Schmerzen als unerträglich oder bloß als lästig empfinden.
Autor/Quelle: Vive, [Sandra Schulte]
