Macht Ruhestand zufriedener?

Manche Menschen empfinden die Pensionierung als ein Labsal, andere kommen damit überhaupt nicht zurecht. Selbst die Forschung ist sich in dieser Frage uneinig. Eine aktuelle Studie zeigt, dass dies an der Methodik der Untersuchungen liegen könnte. Zugleich wurde allerdings selbst eine ungewöhnlich privilegierte Gruppe von Arbeitnehmern analysiert. Dr. Rose Shaw, Psychotherapeutin aus München, stellt im Blog Psychologie Aktuell einen Artikel von Medical News Today über die Studie vor, die eine interessante Debatte bereichert.
Ruhestand: Vorteile und Nachteile
Die Pensionierung führt bei Menschen zu einer erheblichen Verminderung der psychischen und körperlichen Erschöpfung sowie einer Abnahme von Symptomen einer Depression. Die Untersuchung kommt jedoch auch zu dem Schluss, dass sich mit der Pensionierung das Risiko für wichtige chronische Krankheiten wie Atemwegserkrankungen, Herzerkrankungen und Diabetes nicht ändert. Dr. Hugo Westerlund, der erste Autor der Studie von der Universität Stockholm, und seine Mitarbeiter betonen die Bedeutung ihrer Ergebnisse in einer Zeit, in der Menschen länger im Leben arbeiten und später in den Ruhestand gehen werden. Die Pensionierung ist eine wichtige Übergangsphase im Leben eines Menschen, so die Autoren. Aber verschiedene Studien, die die gesundheitlichen Auswirkungen der Pensionierung untersucht haben, sind zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen: Manche zeigten einen positiven Effekt, andere dagegen das Gegenteil.
Langer Beobachtungszeitraum
Diese groß angelegte Bevölkerungsstudie verfolgte einen völlig anderen Ansatz als frühere Untersuchungen, denn sie beobachtete die Studienteilnehmer über den deutlich längeren Zeitraum von fünfzehn Jahren, davon sieben Jahre vor und sieben Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand. Damit fußen die Daten auf insgesamt fast 190.000 Beobachtungsjahren. Die Teilnehmer gehörten zu einer großen französischen Kohortenstudie, davon 11.246 Männer und 2.858 Frauen, die zwischen 1989 und 2007 jedes Jahr zu ihrer Gesundheit befragt wurden. Die Forscher argumentieren, dass es eine entscheidende Stärke dieser Studie sei, dass sie auf jährlich wiederholten Befragungen über einen sehr langen Zeitraum beruhe.
Symptome von Depression
Die meisten Teilnehmer waren verheiratet (89%) und alle arbeiteten bei den französischen staatlichen Gas- und Elektrizitätswerken, überwiegend in gehobenen oder mittleren Positionen. Alle gingen regulär in den Ruhestand (nicht vorzeitig aus Gesundheitsgründen) – davon 72% im Alter von 53 bis 57 – und bis zum Alter von 64 waren alle Teilnehmer in Pension. Im letzten Jahr seiner Berufstätigkeit hatte einer von vier Befragten (25 Prozent) Symptome von Depression, und 728 (7 Prozent) hatten eine oder mehrere der vier untersuchten körperlichen Krankheiten, d.h. Atemwegserkrankungen, Herzerkrankungen, Diabetes oder Schlaganfall.
Chronische Erkrankungen und Ruhestand
Unverheiratete Teilnehmer und solche in eher niedrigen beruflichen Positionen hatten ein höheres Risiko für körperliche (aber nicht für psychische) Erschöpfung. Die Ergebnisse machen offenkundig, dass nach der Pensionierung die psychische und körperliche Erschöpfung erheblich nachlassen. Auch Depressionssymptome nehmen deutlich ab, jedoch weniger stark. Jedoch konnte die Studie keinen Zusammenhang zwischen Ruhestand und chronischen Erkrankungen belegen. Im Gegenteil: so wie man auch erwarten konnte, nahmen diese Erkrankungen mit dem Alter langsam zu.
Erschöpfung und Sport
Die Autoren spekulieren über mögliche Erklärungen für diese Ergebnisse: „Wenn die Arbeit für viele ältere Berufstätige ermüdend ist, könnte die Erschöpfung einfach deshalb nachlassen, weil die Ursache des Problems wegfällt. Außerdem kann der Ruhestand Menschen mehr Zeit lassen, sich stimulierenden und erholsamen Aktivitäten wie Sport und Fitness zu widmen“. Sie kommen zum Schluss, dass ihre Forschungsergebnisse „zeigen, dass Erschöpfung einer der tieferen Gründe für ein frühes Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und eine verminderte Produktivität sein könnte, und dass eine Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, gesundheitsfördernde Maßnahmen oder beides nötig sein könnten, um einer größeren Zahl älterer Menschen eine Arbeit bei guter Gesundheit zu ermöglichen.“
Auswirkungen einer Pensionierung
In dem begleitenden Leitartikel schreibt Alex Burdorf, Professor für Öffentliche Gesundheit in den Niederlanden, die Studie „ist einzigartig, weil sie die Gesundheit der Teilnehmer jährlich und für mehrere Jahre vor und nach der Pensionierung untersuchte.“ Burdorf ist der Ansicht, dass mehr Untersuchungen nötig seien, um die Ergebnisse zu bestätigen, da sie im Widerspruch zu anderen Studien stehen. Burdorf betont einerseits: „Es ist noch zu früh, um definitive Aussagen über positive und negative Auswirkungen einer Pensionierung in einem bestimmten Alter zu machen.“ Er betont andererseits, dass weitere Anstrengungen nötig seien, um Arbeitsbedingungen zu verbessern, anzupassen und um „älteren Arbeitnehmern eine gute Gesundheit zu ermöglichen.“
Autor/Quelle: Dr. Rose Shaw
