Medizinische Behandlungsfehler
Manchmal sind es Verkettungen kleiner Einzelfehler, manchmal das Versagen Einzelner oder bestimmter Kontrollmechanismen – Behandlungsfehler im medizinischen Bereich kommen häufig vor. Dank einer Initiative des Aktionsbündnisses Patientensicherheit kommt Offenheit in die Diskussion.
Offener Umgang mit Behandlungsfehlern
Ein klassischer Fall: Eine Krankenschwester überwachte in der Nachtschicht eine Patientin, deren obere Atemwege nach einer gynäkologischen Totaloperation und einem Luftröhrenschnitt regelmäßig abgesaugt werden müssen. Auf der Station war es hektisch, viele Patienten brauchten Hilfe. "Beim Wechseln der Infusionsflasche muss ich bei der gynäkologischen Patientin die Verweilkanüle neu fixieren. Andere Patienten klingeln und rufen. Ich lasse mich von der Hektik anstecken und vergesse das vorbereitete Fixierpflaster…".
Ein Fehler: Die Patientin "… liegt leblos und blau-marmoriert im Bett. Die Klingel war außerhalb ihrer Reichweite gerutscht. – Sie hatte sich das abgeschnittene Fixierpflaster vom Infusionsständer über die Kanüle gezogen, die in der Luftröhre steckt, und ist erstickt." (aus: Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.: Aus Fehlern lernen, S. 8).
17 Autorinnen und Autoren berichten in der Broschüre Aus Fehlern lernen von ihren beruflichen Behandlungsfehlern. Der Vorsitzende des Bündnisses Patientensicherheit, Matthias Schrappe, der die Broschüre Anfang 2008 herausgegeben hat, forderte einen offenen Umgang mit den so genannten Kunstfehlern: "Nur, wenn wir über Fehler sprechen, können wir sie verhindern."
Auch Schrappe selbst gesteht Fehler ein. Als junger Assistenzarzt hatte er nicht gleich erkannt, dass eine Patientin mit Herzjagen und Unruhe an einer Lungenembolie litt. Sein Chef hat sich damals nicht für den Beinahe-Fehler interessiert. Patientensicherheit ist z.B. für die AOK, Mitherausgeberin der Broschüre Aus Fehlern lernen, zu einem wichtigen Thema geworden.
Auf ihrer Webseite geht sie bei mehr als 17 Millionen Behandlungen pro Jahr in deutschen Krankenhäusern von bis zu 1,7 Millionen Patienten aus, die "Opfer unerwünschter Ereignisse" geworden seien. Dennoch sei bisher die Patientensicherheit meist erst dann zu einem öffentlichen Thema geworden, wenn etwa das falsche Bein amputiert worden sei.
Was ist ein Behandlungsfehler?
Nach den Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit sterben in Deutschland jährlich ca. 17.000 Menschen in Folge vermeidbarer Fehler bei Krankenhaus-Behandlungen, jeden tausendsten Klinikpatienten trifft es demnach – in den meisten Fällen sind es Infektionen aufgrund mangelnder Hygiene und Nebenwirkungen von Arzneimitteln.
Ein Behandlungsfehler wird definiert als eine nicht angemessene, zum Beispiel nicht sorgfältige, nicht richtige oder nicht zeitgerechte Behandlung eines Arztes bzw. einer Ärztin und kann alle Bereiche ärztlicher Tätigkeit – dazu gehören Tun oder Unterlassen - betreffen. Dabei kann der Fehler rein medizinischen Charakters sein, sich auf organisatorische Fragen beziehen, oder es kann sich um Fehler nachgeordneter oder zuarbeitender Personen wie Krankenschwerstern und -pfleger handeln.
Auch fehlende oder unrichtige, unverständliche oder unvollständige Aufklärung über medizinische Eingriffe und ihre Risiken zählen zu Behandlungsfehlern. Rund 40.000 Patientinnen und Patienten beschweren sich nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) jedes Jahr, weil sie glauben, durch einen Behandlungsfehler geschädigt worden zu sein.
Autor/Quelle: bo

