Muss man wirklich alles behandeln?
Nicht erst seit der Gesundheitsreform stellt sich die Frage, ob tatsächlich immer alles behandelt werden muss, ob der "Machbarkeitswahn" der Medizin nicht oft genug übers Ziel hinaus schießt. Anders als bei der anhaltenden Diskussion um den Nutzen und die damit verbundenen Kosten medizinischer Behandlung stellt sich die Frage nach Maß und Umfang einer Behandlung am besten schon dem kritischen Patienten selbst.
Mit Behandlung sieben Tage, ohne Behandlung eine Woche
Ein gutes Beispiel für die fatalen Folgen einer echten "Überbehandlung" sind die Resistenzen bestimmter Bakterien gegenüber Antibiotika. Gerade in den 80er Jahren wurde bei Erkältungen und durch Viren bedingten Infekten oft Antibiotika verschrieben. Um so genannte sekundäre Infekte, nämlich bakterielle Infekte in der Folge von Virus-Infekten, zu verhindern.
Zusammen mit einer inkonsequenten Einnahmepraxis führt die Antibiotika-Schwemme dazu, dass bestimmte Keime nicht mehr auf antibiotische Medikamente reagieren. Im schlimmsten Fall kann dies bei Schwerkranken zum Tod führen. Mittlerweile hat sich das Behandlungsschema bei den "banalen Infekten" etwas gewandelt. Heute steht vielfach die Behandlung der Symptome im Vordergrund - ein Ansatz, der sich oft mit einfachen Mitteln durchführen lässt.
Der Krankheit "Zeit geben"
Nicht geändert hat sich dagegen die Einstellung vieler Patienten. Der Besuch beim Arzt wird nicht selten mit dem Wunsch nach sofortiger Heilung oder mindestens Besserung gleichgesetzt. Dabei wird oft vergessen, dass auch "einfache" Erkältungen und der hiermit verbundene Selbstheilungsprozess einem Rhythmus unterliegen, der von biologischen und physiologischen Faktoren gesteuert wird.
Auf den Angriff eines Virus z.B. reagiert der Körper mit der Mobilisierung der Abwehrkräfte. Damit der Körper dem Angreifer richtig begegnen kann, muss er eindeutig identifiziert und die "richtigen" Abwehrkräfte produziert werden. Und dazu braucht das Immunsystem eine gewisse Zeit. Diese zeitliche Abfolge und die physiologischen Vorgänge lassen sich nur bedingt beeinflussen.
Bei Erkältungen ist man besser beraten, seinen Körper die entsprechende Ruhephase zu gönnen und das Gefühl von Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Erschöpfung nicht zu ignorieren. Wer seinen Arztbesuch mit abschwellenden Nasentropfen, Hustensaft und eventuell fiebersenkenden Mitteln beendet, gehört anschließend mit einer Ruhephase ins Bett und nicht in die Vorbereitung für den nächsten Marathon oder in den Flieger nach Übersee.
Ratschläge oder Stolpersteine?
Viele Patienten sind sicherlich damit überfordert, Sinn, Maß und Umfang ihrer Therapie zu beurteilen. Sie verlassen sich allerdings zu häufig auf Anweisungen und Ratschläge, ohne ihre eigenen Bedenken und Überlegungen zu äußern und mit ihrem Arzt zu besprechen. Behandlungsanweisungen und ihre Befolgung können nur dann erfolgreich sein, wenn sie den Lebensumständen des Patienten angepasst sind - was umgekehrt auch die Kooperation des Patienten erfordert.
Wer aber schon im Sprechzimmer weiß, dass bestimmte Medikamente für ihn nicht in Frage kommen oder dass die Durchführung einer Behandlung in der vorgesehenen Form nicht möglich ist, der sollte dies offen mitteilen. Die offene Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist der Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen beiden - und dazu kann unter Umständen auch gehören, dass der Arzt von einer Behandlung abrät oder der Patient die Behandlung ablehnt bzw. nach Alternativen (auch zur Schulmedizin) fragt.
Patienten sind verletzlich
Die Frage, ob und wie viel Behandlung ein Patient braucht, ist auch für Ärzte oft schwer zu entscheiden - wollen sie sich doch nicht dem Vorwurf aussetzen, dem Patienten nicht alles angeboten zu haben. Schwangere Frauen z.B. machen oft die Erfahrung, dass ihnen ein Übermaß an Vorsorgeuntersuchungen oder Diagnostik in einer Form nahe gelegt werden, die nur schwer abzulehnen ist. Ungeachtet der Tatsache, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist, ist die moderne Medizin hier Fluch und Segen zugleich: Sie kann vieles heilen und noch mehr erkennen - aber die ethische Bürde ist immens.
Schwangere Frauen, die das Wohl ihres ungeborenen Kindes vor Augen haben, wollen sich nicht der Verantwortung und dem Vorwurf aussetzen, im Zweifelsfalle nicht alles für ihr Kind getan zu haben. Also nehmen sie unter Umständen Tests und Untersuchungen auf sich, deren Konsequenzen sie nicht wirklich abschätzen können. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen (z.B. kindliche Missbildungen, Erbkrankheiten) können sie vor schwerwiegende Entscheidungen stellen (Abtreibung ja oder nein), denen sie psychisch kaum gewachsen sind.
Wer sich zur Amnioszentese oder zum Triple-Test entscheidet, der muss vorher vollständig darüber informiert sein, welche Konsequenzen die jeweiligen Ergebnisse haben können und was sie für Vater, Mutter und Kind möglicherweise bedeuten. Darin liegt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Dass Untersuchungen und Tests möglich sind, ist Aufgabe von Forschung und Medizin. Wie ihre Ergebnisse beurteilt werden, ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft.
Medikamentenmissbrauch und Abwägen der Mittel
Geduld und gesunder Menschenverstand sind erforderlich, wenn Menschen mit sich selbst und ihrer Gesundheit umgehen. Der schnelle Griff zur Schmerztablette statt Ursachenforschung und -behandlung zu betreiben, ist ein Beispiel dafür. Nicht selten wird aus der einen Tablette eine Medikamentenabhängigkeit, die die Ursache der Erkrankung noch verschlimmert.
Bestimmte Erkrankungen und ihre Behandlungen sind aber auch "Modeerscheinungen", die sich im Laufe der Jahre wandeln. Das Medikament "Ritalin" zum Beispiel wird bei Patienten mit Aufmerksamkeitsstörungen verschrieben. Das Phänomen betrifft überwiegend Kinder. Innerhalb der letzten fünf Jahre kam die Therapie mit Ritalin laut Deutschem Arzneimittel-Index deutlich häufiger zum Einsatz. Während 1996 lediglich 14 925 Kinder über einen längeren Zeitraum täglich rund 20 mg des Medikaments erhielten, waren es 2001 rund 43 000.
Die Frage muss erlaubt sein, ob wir vielleicht in einer Gesellschaft leben, die zunehmend intoleranter gegenüber solchen Störungen wird und eine schnelle Lösung des "Problems" anstrebt. Alternativ wäre zu bedenken, ob man nicht die Gesellschaft "behandeln" (im Sinne von verändern) muss, in der solche Störungen plötzlich gehäuft auftreten.
Tatsächlich lässt sich nicht belegen, dass die Zahl der erkrankten Kinder so drastisch angestiegen ist. Auch sind die Langzeitwirkungen des Medikamentes noch nicht erforscht und die Meinungen der Fachleute darüber gehen weit auseinander. Eltern und Ärzte sind deshalb gut beraten, alle Therapie-Alternativen gründlich zu überdenken und sich gemeinsam für einen Weg zu entscheiden.
Resümee
Soll man Krankheiten unbehandelt lassen? Nein, natürlich nicht. Schließlich werden Menschen mit modernen Medikamenten und Therapien geheilt oder führen ein deutlich besseres Leben. Muss man deshalb alles behandeln? Eben auch nicht. Aber Krankheit macht nicht unmündig - Geduld und gesunder Menschenverstand sollte auch im Krankheitsfall nicht außer Acht gelassen werden.
Susanne Köhler
