Kasseler Stottertherapie

Eine Langzeitstudie belegt, dass mit Hilfe der Kasseler Stottertherapie rund 70 Prozent der Teilnehmer auf Dauer flüssig sprechen können. Bei dieser Therapie erlangen die Patienten die Sprechkontrolle durch neue Sprechmuster. Atmung, Stimme und Artikulation trainieren sie zum so genannten weichen Sprechen. Die Therapie, ein dreiwöchiger Intensivkurs, richtet sich an Jugendliche und Erwachsene und wird von einem Computerprogramm begleitet.
Kontrolle ist das Zauberwort aller Sprechtherapien für Stotterer. Bei der Kasseler Stottertherapie erlangen die Patienten die Sprechkontrolle durch neue Sprechmuster. Atmung, Stimme und Artikulation trainieren sie zum so genannten weichen Sprechen.
Gleichzeitig lernen sie, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen: Stotternde vermeiden nämlich Situationen, in denen sie stottern könnten. Indem sie aktiv die Aussagen gestalten und steuern, ersetzen sie die unangenehme Erfahrung des Scheiterns und der Hilflosigkeit. Schließlich sollen die Patienten das Vertrauen in das neue Sprechvermögen im Ernstfall beweisen. Nach ihrer dreiwöchigen Intensiv-Therapie vor Ort müssen sie beispielsweise in der Stadt nach dem Weg fragen - eine Situation, die Stotternde normalerweise meiden. Parallel zur Therapie überprüfen die Patienten ihren Stimmeinsatz mit einem Computerlernprogramm.

Dauerhafter Erfolg

Eine Langzeitstudie von Professor Harald Euler vom Fachbereich Psychologie der Universität Kassel hat ergeben, dass sich vor allem langfristig die Sprechstörungen mit der Kasseler Stottertherapie beheben lassen. Rund 450 Betroffene im Alter zwischen zwölf und 65 haben sich an der Studie beteiligt. Über 70 Prozent der Patienten können flüssiger sprechen als vorher.
Dabei mussten sie in verschiedenen Situationen, etwa in einem Interview mit einem Passanten oder beim Telefonieren, ihre Sprechfähigkeit beweisen. Vor der Therapie stotterten die Betroffenen bei etwa zwölf Prozent der gesprochenen Silben, unmittelbar nach der Therapie stotterten sie im Durchschnitt bei ein bis zwei Prozent der Silben. Längerfristig hat sich die mittlere Stotterrate bei drei bis vier Prozent eingependelt. Die Drei-Prozent-Grenze gilt als Unauffälligkeitsgrenze, weil auch Nichtstotterer gelegentlich Sprechblockierungen zeigen.

Hirnaktivität bei Stotterern verändert

Stottern ist, wie mehrere Studien belegen, wahrscheinlich ein neurologischer Defekt. Bei Menschen, die ihr Leben lang stottern, können Teile der linken Gehirnhälfte verändert sein. Ärzte des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf fanden heraus, dass Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für das Sprechen verantwortlich sind, bei Stotterern gestört zu sein scheinen. Die Nervenverschaltungen zwischen den für die Planung und den für die Ausführung der Sprache verantwortlichen Zentren in der linken Hirnhälfte sind defekt. Verzögert reagieren deshalb jene Hirnareale, die das korrekte Zusammenspiel der Zunge, des Rachens und der Stimmbänder steuern.
Parallel zur Langzeitstudie von Professor Euler untersuchte die Universitätsklinik Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Institut der Kasseler Stottertherapie und der Universität Kassel in den letzten drei Jahren die Hirnaktivität von Stotternden und die Veränderungen nach der Therapie. Neun Klienten wurden vor Beginn der Therapie und jeweils ein Jahr und zwei Jahre später mit einer Magnetresonanz-Tomographie untersucht, mit der aktivierte Hirnregionen bildlich dargestellt werden. Ein Ergebnis ist, dass die bei Stotterern nachgewiesenen Störungen in der linken Hirnhälfte kompensiert werden, indem benachbarte Hirnregionen nach der Therapie stärker aktiviert werden.
Ob die Kosten für die Kasseler Stottertherapie von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, hängt vom Einzelfall ab.
bo