Der Hausarzt als Lotse - viele Pläne, noch kein Durchblick

Mit dem Gesundheits-modernisierungsgesetz (GMG), besser bekannt als "Gesundheitsreform", hat die Bundesregierung die Krankenkassen verpflichtet, "flächendeckend hausarztzentrierte Versorgungsformen anzubieten."Diese Verpflichtung war bereits in einem 22-seitigen Konsenspapier festgelegt, das im Juli 2003 die Grundlage für die Verabschiedung der Gesundheitsreform zum 1.1. 2004 bildete.
Gesetzliche Vorgaben
Somit ist im Januar 2004 die Grundlage für das Hausärztemodell verabschiedet worden. Darüber hinaus legte das Konsenspapier fest, dass das Angebot der Hausarztzentrierten Versorgung für die Versicherten freiwillig ist, die Krankenkassen aber mit Hilfe eines Bonus-Systems den Erstbesuch beim Hausarzt attraktiver machen können.
Die Idee ist nicht ohne Reiz: Die Hausärzte übernehmen die Erstversorgung der Patienten und leiten sie dann an die jeweiligen Fachärzte weiter. Als "Gesundheitskoordinatoren" ihrer Patienten sorgen sie dafür, dass alle Untersuchungen und Ergebnisse an einer Stelle zusammenlaufen und auf diese Weise Doppeluntersuchungen vermieden werden. Dafür wird den Patienten, die daran teilnehmen, die Praxisgebühr erstattet oder ganz erlassen.
Streit untereinander
Wirklich neu ist diese Idee allerdings nicht - ebenso wenig wie der Streit, der daraufhin unter den Ärzten entbrannt ist. Schon in den siebziger Jahren hatte es immer wieder Bemühungen der Krankenkassen gegeben, die Hausärzte in ihrer Lotsenfunktion zu stärken. Kassenpatienten, die ohne Überweisungsschein zum Facharzt gingen, waren nicht gerne gesehen. Die Diskussion unter den Ärzten heute produziert ebenfalls eine Spaltung zwischen Hausärzten und Fachärzten, denn die Fachärzte sehen ihre Existenz durch die Lotsenfunktion der Hausärzte bedroht, da sie befürchten ihre Patienten nie wieder zu sehen.
Einige Fachrichtungen sehen bereits ohne Hausarzt-Modell schwarz: Hals-Nasen-Ohrenärzte, Orthopäden und Hautärzte gehören dazu, weil deren Patientenzahlen bereits mit dem ersten Tag der Gesundheitsreform um 10% und mehr zurückgingen. Diese medizinischen Fachrichtungen befürchten nun, dass die Hausärzte Nebenhöhlenvereiterungen, Rückenschmerzen und Hautausschläge zunächst einmal selbst behandeln und die Patienten - wenn überhaupt - erst sehr spät zum Facharzt überweisen.
Neben den finanziellen Verlusten für die betroffenen Ärzte würde ein solches Vorgehen gesundheitliche Schäden für die Patienten und damit auch höhere Kosten für die Krankenkassen bedeuten. Gleichwohl sind die rückläufigen Zahlen über die Arztbesuche bundesweit nicht einheitlich. Auch gibt es zurzeit nur Ergebnisse, die sich auf das 1. Quartal 2004 beziehen. Dennoch zeichnet sich die angedachte und auch schon öffentlich angekündigte Senkung der Krankenkassenbeiträge nicht an.
Modell Baden-Württemberg
Wie ein Hausarzt-Modell genau aussehen kann, ist noch unklar. Entscheidend ist aber in jedem Fall - und das ist der große Vorteil für die Patienten - die Qualifizierung der Hausärzte. Darüber sind sich alle Beteiligten, auch die Ärzte-Vertreter, einig. Da die Entwicklung des Modells in den Händen der Krankenkassen liegt, gibt es derzeit unterschiedliche Ansätze und Überlegungen. Eine Vorreiter-Rolle hat die AOK Baden-Württemberg übernommen, die bereits seit Anfang des Jahres ein Hausarzt-Modell testet.
Nach ersten Erfahrungen im Rhein-Neckar-Kreis wird das Modell jetzt auch auf die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald und Lörrach ausgedehnt. Kernstück des baden-württembergischen Ansatzes ist die Übertragung der wirtschaftlichen Verantwortung an die teilnehmenden Hausärzte! Das heißt: Die AOK schließt mit den Hausärzten sogenannte Zielvereinbarungen ab, deren Erfüllung Grundlage für Bonuszahlungen an die Ärzte und für die weitere Finanzierung des Modells ist. Damit soll erreicht werden, dass Doppeluntersuchungen vermieden werden und die Ärzte die erbrachten Koordinationsleistungen bei Arzneimitteln und Krankenhausaufenthalten besser integrieren können.
Nach den Vorstellungen der AOK ermöglicht die finanzielle Eigenverantwortung der Ärzte gleichzeitig eine bessere Wahlmöglichkeit bei Behandlungen wie zum Beispiel bei der Entscheidung zwischen einer kostenintensiven ambulanten Behandlung und einer noch aufwändigeren stationären Behandlung.
Qualität und Kooperation
Nach eigenen Angaben geht das AOK-Modell Baden-Württemberg wesentlich weiter als die Überlegungen anderer Krankenkassen. Neben der finanziellen Mitverantwortung der Ärzte für das Modell stehen neu entwickelte medizinische Verfahren im Vordergrund. Beispielsweise wird die Zahl der neu entdeckten Bluthochdruckpatienten statistisch erfasst und ausgewertet.
Ein ständiger Informationsaustausch zwischen den Ärzten in Netzkonferenzen und Qualitätszirkeln soll den gesamten Erfahrungsschatz für jeden einzelnen Mediziner verfügbar machen. Ein Zusatzvertrag zwischen den Hausärzten und Rehabilitationseinrichtungen soll dafür sorgen, dass die Behandlungsabläufe zügig und unbürokratisch für den Versicherten gestaltet werden.
Ein zentrales Element ist die Qualitätskontrolle. Behandlungen und Behandlungsabläufe sollen einer ständigen Überprüfung unterliegen. Die erhobenen Daten dienen nicht nur der wirtschaftlichen Erfolgskontrolle, sondern sollen auch die Basis der Beurteilung des gesamten Modells bilden. Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen bei Ärzten und Praxispersonal sind verpflichtend.
Der Patient, das (un-)bekannte Wesen?
Nach den Vorstellungen der AOK Baden-Württemberg können Patienten selbst wählen, ob sie am Hausarzt-Modell teilnehmen wollen. Entscheiden sie sich dafür, müssen sie eine schriftliche Erklärung abgeben, d.h. sich in das Modell einschreiben. Bei der Einschreibung wählt der Patient seinen Hausarzt zumindest für die Dauer des Quartals verbindlich aus. Allerdings erfolgt die Einschreibung bereits in der Hausarztpraxis - der Patient muss sich also zu diesem Zeitpunkt bereits für einen Hausarzt entschieden haben. Der Facharztbesuch erfolgt auf Überweisung durch den Hausarzt.
Zu Gynäkologen, Augenärzte und Kinderärzte zur Behandlung von Kindern bis zum 16. Lebensjahr können die Patienten direkt gehen. Auch Notfallbehandlungen sind von der Hausarzt-Regelung ausgenommen.
Vorbeugen hilft allen
Mit dem Hausarzt-Modell wird vorbeugenden Maßnahmen eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Nach einer ausführlichen Eingangsuntersuchung soll deshalb für jeden Patienten ein individueller Vorsorgeplan erstellt werden, der sich aus den Bereichen Ernährung, Bewegung, Junge Familie und Senioren zusammensetzt.
Anders als bei vorherigen Präventionsbemühungen sollen nun aber durch die verbindliche Dokumentation der einzelnen Schritte, Ergebnisse und Folgemaßnahmen nachhaltige Erfolge erzielt werden, die zum Beispiel bei Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und stressbedingten Erkrankungen zur deutlichen Gesundheitsverbesserung der gesamten Bevölkerung beitragen.
Ein entsprechender Patientenpaß sowie Patientenbegleitschreiben sind Teil der patientenorientierten Versorgung. Die Bedürfnisse und Erfahrungen der Patienten sollen regelmäßig durch Befragungen ermittelt werden.
Preisverdächtig
Während sich die Ärzte nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung noch nicht fit für das Hausarzt-Modell fühlen, befürworten die Versicherten den Ansatz grundsätzlich. Welche praktischen Auswirkungen aber Hausarzt-Modell und Versorgungszentren tatsächlich für die Patienten haben, bleibt abzuwarten. In Sachsen-Anhalt bieten die AOK Sachsen-Anhalt gemeinsam mit dem Hausärzteverband Sachsen-Anhalt (BDA) und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KV Sachsen-Anhalt) das erste landesweite Hausarztmodell zum 1. Juli 2004 an. Die Patienten in Sachsen-Anhalt können die Hälfte der Praxisgebühren pro Quartal sparen, wenn sie zuerst den Hausarzt aufsuchen
Für alle anderen haben die Ärztekammer Berlin, der AOK-Bundesverband und die AOK Berlin den Berliner Gesundheitspreis 2004 unter dem Thema: „Hausarzt-Medizin der Zukunft - Wege zur innovativen Versorgungspraxis" ausgeschrieben. Gesucht werden patientenorientierte, intelligente und neue Lösungen, die auch Rücksicht auf die zunehmende Veralterung der Bevölkerung nehmen.
Bewerben sollen sich Hausarztpraxen, die ihre Patientenbehandlung auf Leitlinien stützen und ein entsprechendes Praxismanagementsystem entwickelt haben. Die Ausschreibung ist offen für hausärztliche Praxen und Praxisnetze mit besonders innovativen Versorgungs- und Beratungskonzepten aus dem gesamten Bundesgebiet - einschließlich Baden-Württemberg.
Susanne Köhler
