Gesundheit für Wanderer zwischen den Welten - Migration und Gesundheit

Am 18. Dezember wird international der "Tag der Migranten" begangen. In der Bundesrepublik leben derzeit rund 8 Millionen Ausländer, um deren politische und kulturelle Integration heftig gerungen wird. Die demographische Entwicklung der bundesdeutschen Bevölkerung wird mehr Migranten ins Land holen, obwohl der Begriff "Einwandererland" hierzulande wenig geliebt wird. Die anhaltende Diskussion um Deutschkurse, schulische Förderung und mehrfache Staatsbürgerschaft übersieht gemeinhin einen wichtigen Aspekt der Migration: Die Gesundheit.
Auch wenn wir längst einen "Japaner" fahren, beim Lieblings-Italiener unsere Pizza bestellen und türkische Reinigungskräfte für blitzende Sauberkeit in unseren Haushalten sorgen, kennen wir den Lebensalltag unserer ausländischen Mitbewohner nur wenig. Da helfen auch die Begegnungen in den Wartezimmern der unterschiedlichen Ärzte wenig – obwohl auch ausländische Mütter und Väter ihre Kinder zum Kinderarzt bringen, die deutschen Gynäkologen Patientinnen aus aller Herren Länder betreuen und der Hausarzt am Ort Rheuma, Herzprobleme und Diabetes bei allen seinen Patienten diagnostiziert und behandelt.
Tatsächlich aber sind die medizinischen Anliegen der Migranten lange Zeit vernachlässigt worden. Als die ersten Gastarbeiter 1955/56 aus Italien, Spanien und Griechenland nach Deutschland kamen, dachte man an einen Aufenthalt von maximal fünf Jahren. Alter und Krankheit waren weder als Einzelfaktor noch in Kombination vorgesehen. Inzwischen sind die Angehörigen dieser ersten Migrationswelle in den Ruhestand getreten und leiden aufgrund schwerer und ungesunder Arbeitsbedingungen oft schon ab Mitte Fünfzig unter altersbedingten Erkrankungen und oft mehreren Erkrankungen gleichzeitig wie zum Beispiel Rheuma, Herz-Kreislauf-Probleme oder Diabetes.
Sprache und Kultur als Gesundheitsfaktoren
Für viele Migranten gilt, dass sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nur begrenzt am öffentlichen Leben teilnehmen. Diese Sprachbarriere – ebenso wie die fehlende Kenntnis von Sprache und Kultur bei deutschen Ärzten und Pflegepersonal – verhindert vielfach die adäquate medizinische Behandlung ausländischer Mitbürger. In einigen Bereichen bessert sich die Lage: So sind viele Informationen zum Thema "Diabetes" inzwischen sowohl auf Türkisch als auch auf Russisch erhältlich. Einige Krankhäuser, wie zum Beispiel die Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg, unterhalten Dolmetscher-Dienste, auf die Ärzte und Patienten zurückgreifen können. In den meisten Fällen aber obliegt es den deutschsprechenden Kindern, ihre Eltern beim Arztbesuch zu begleiten.
Dazu kommen gravierende kulturelle Unterschiede, die Arzt und Patient das Miteinander schwer machen. Angaben wie "ganz krank, überall" werden vom deutschen Arzt als ungenau und für die Diagnose unbrauchbar gewertet. Es entsteht eine mehr oder weniger explizite Geringschätzung der geistigen Fähigkeiten des Patienten, der nicht in der Lage scheint, differenzierte Angaben zu machen. Der ausländische Patient, in dessen Kulturkreis ein ganzheitlicher Gesundheitsansatz gepflegt wird, empfindet jedoch den Arzt als unfähig , der nach "Einzelteilen" wie Bauch oder Rücken fragt, wo doch der "ganze Mensch" leidet.
Deutschland – Einig Einwanderungsland?
Die zweite große Migrationswelle erreichte die Bundesrepublik in den 90er Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit dem erhöhten Zuzug von Spätaussiedlern und den Asylsuchenden aus dem ehemaligen Jugoslawien. Nach Luxemburg und dem Nicht-EU-Land Schweiz ist die Bundesrepublik das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Zuwanderung unter den EU-Ländern. Aber anders als andere "klassische" Zuwandererländer wie die USA, England oder Australien gibt es in Deutschland nur wenige wissenschaftliche Studien zur gesundheitlichen Situation der Migranten. Ebenso muss man Betreuungs- und Schulungskonzepte für chronisch kranke Migranten lange suchen: Fündig wird man nur in seltenen Fällen. Die Bereitstellung entsprechender medizinischer Informationen und der unkomplizierte Zugang ist eine gesamtstaatliche Aufgabe.
Das öffentliche Gesundheitswesen entwickelt allerdings nur sehr langsam einen Sinn für die große Zielgruppe der Migranten, die mit ihren sehr unterschiedlichen Sozialisierungsprozessen und Kulturkreisen eine sehr inhomogene Gruppe bilden. Was für türkische Frauen richtig ist, kann bei jugendlichen Russland-Deutschen kaum funktionieren. Bei allen ethnischen Migrantengruppen finden sich Menschen mit unterschiedlichem Bildungsniveau, die unterschiedlich angesprochen werden müssen. Die Erkenntnis in diese Notwendigkeit ist noch relativ neu, aber dringend. So hat zum Beispiel die Zahl der Migranten in Deutschland, die mit dem AIDS-Virus infiziert sind, drastisch zugenommen. HIV-Aufklärung und Prävention müssen deshalb bei Migrantengruppen verstärkt werden.
Arbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit
Erst 1997 wurde der Arbeitskreis (AK) Migration und öffentliche Gesundheit ins Leben gerufen, der von der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen koordiniert wird. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Verbesserung der gesundheitlichen Beratung und Versorgung von Migrantinnen und Migranten. Schwerpunktmäßig geht es hier um die Arbeit des öffentlichen Gesundheitsdiensts (ÖGD), der für die gesundheitliche Situation und Versorgung der Bevölkerung in Kreisen und Städten verantwortlich ist und dabei gesetzliche Aufträge wahrnehmen muss. Die 41 Mitglieder des Arbeitskreises - davon 13 mit Migrationshintergrund - kommen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen des öffentlichen Gesundheitsdienstes und des Gesundheitswesens, der Kommunen, der Länder und des Bundes.
Der Arbeitskreis stellt seine Kontakte und Fachkompetenzen allen Interessierten zur Verfügung und versteht sich als professionelles Netzwerk, das Fachkräfte aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst und dessen Kooperationspartner miteinander verbindet. Darin eingebunden ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) die viermal jährlich den "Info-Dienst Migration und öffentliche Gesundheit" herausgibt.
Patientennutzen
"Der Fremde ist nicht überall fremd. Der Fremde ist nur in der Fremde fremd." Dieser Satz stammt von Karl Valentin, dem Münchner Komiker und Urgestein, der dabei sicherlich nicht die Migranten des 21. Jahrhunderts im Blick hatte. Für die ausländischen Patienten in Deutschland bedeuten die inzwischen angelaufenen Anstrengungen, dass sie sich in ihren Städten und Gemeinden über die Ausländerbeauftragten, über die Krankenkassen oder über das jeweilige Gesundheitsamt relevante Informationen besorgen können. Was aber insgesamt fehlt, ist die kulturelle Offenheit auf beiden Seiten, damit Migranten als Patienten gleichberechtigt wahrgenommen werden.
Susanne Köhler
