Katastrophenmedizin in Deutschland

Das Seebeben vom 26. Dezember hat den Begriff "Katastrophenmedizin" ganz nach oben ins öffentliche Bewusstsein gespült. Die Tsunami-Fluten nach dem Beben vor Sumatra haben alle umliegenden Küstenstriche verwüstet und vermutlich mehr als 220 000 Menschen das Leben gekostet.
Drei bis fünf Millionen Flut-Opfer in Südasien brauchen Hilfe, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Für diese Menschen geht es zunächst ums Überleben, ums Wohlbefinden und schließlich darum, eine gesunde Zukunft aufzubauen. Hilfsorganisationen aus aller Welt sorgen derzeit dafür, dass den Menschen medizinisch, psychologisch und humanitär geholfen wird.
Und in Deutschland…
"Großschadensereignisse" wie das Seebeben sind nicht vorhersehbar. Weil sie bei vielen Menschen gleichzeitig erhebliche gesundheitliche Schäden verursachen, sind Planungen zur Verringerung der Schäden in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben.
- Katastrophenmedizin, einschließlich des Rettungswesens und der Notfallmedizin
- Pharmazie für Not- und Katastrophenfälle
- Katastrophen- und Risikomanagement
- zivil- und Katastrophenschutz, Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge
- Humanitäre Hilfe
Die gesetzlichen Vorgaben kommen aus dem Zivilschutzgesetz des Bundes und den Katastrophenschutzgesetzen der einzelnen Länder. Die asiatische Flutkatastrophe hat deutlich gemacht, wie wesentlich eine vorausschauende Planung und die entsprechende Koordination aller Aktivitäten nach einer Katastrophe sind.
Dabei fällt den Krankenhäusern die Hauptlast der medizinischen Versorgung der Kranken zu. Für die erfolgreiche medizinische Bewältigung einer Katastrophe müssen die Krankenhausträger deshalb entsprechende Notfallpläne aufstellen.
Paradigmenwechsel - vom Individuum zur Masse
Eine der größten Herausforderung bei der medizinischen Bewältigung einer Katastrophe mit einer großen Zahl an Verletzten ist der Wechsel von der individuellen Gesundheitsversorgung zur schnellen Betreuung vieler Patienten. Das bedeutet natürlich nicht, dass die eingelieferten Patienten nicht individuell nach ihren Verletzungen behandelt werden. Aber die intensive Betreuung des einzelnen Patienten muss im Katastrophenfall der gleichzeitigen Behandlung vieler Patienten Platz machen.
Für die Krankenhäuser bedeutet ein Katastrophenfall, dass neben dem Pflegepersonal vorrangig Notärzte, Ambulanzärzte, Chirurgen, Radiologen, Anästhesisten und entsprechendes Assistenzpersonal eingesetzt werden. Außerdem müssen im Katastrophenfall die Operationsräume in schnellerem Wechsel besetzt werden, sodass unter anderem auch für Reinigung der OP-Räume besondere Notfallpläne entworfen werden müssen.
Vorsorge muss auch die Krankenhausapotheke treffen, die nach der Apothekenbetriebsordnung zu einer Notfallbevorratung für einen Zeitraum von 14 Tagen verpflichtet ist. Besonders wichtig sind Verbandsmaterialien, Antibiotika, Narkosemittel und Infusionslösungen. Engpässe bei Blutkonserven lassen sich jedoch nur über wiederholte Blutspendeaktionen in der Bevölkerung beseitigen - hier ist jeder Bürger aufgefordert, die Blutspendetermine vor Ort während des Jahres in Anspruch zu nehmen.
Diese Gelegenheiten sind vor allem im Frühjahr sinnvoll, damit die Blutbanken vor Beginn der verkehrsreichen Urlaubszeit im Sommer ihre Bestände aufstocken können.
Gut gerüstet?
Die Planung zur Bewältigung einer solche Katastrophe liegt in den Händen des Staates sowie der Länder und Kommunen. Der Einzelne kann sich kaum seine eigene Intensivstation aufbauen, um für den Notfall gerüstet zu sein. Die Gelegenheit zur Blutspende sollten allerdings alle verantwortungsbewussten Menschen wahrnehmen. Auch der Eintrag als Organspender wäre ein Beitrag, um im Ernstfall anderen noch eine zweite Chance zu geben.
Experten betrachten den Stand der Katastrophenmedizin in Deutschland derzeit sehr kritisch. Die wirtschaftliche Lage der Städte und Kommunen, der Bettenabbau in den Kliniken und vor allem der Verlust von Intensivbetten bedeutet eine erhebliche Schwächung der medizinischen Versorgung bei einem Notfall. Wenn immer mehr kommunale Krankenhäuser in private Kliniken überführt werden, müssen entsprechende gesetzliche Vorgaben dafür sorgen, die medizinische Versorgung im Katastrophenfall gewährleistet wird.
Möglicherweise bleibt nicht mehr sehr viel Zeit: die Weltgesundheitsorganisation befürchtet eine weltweite Grippe-Epidemie in den nächsten Jahren. Das wäre dann zwar kein Flugzeugabsturz oder Reaktor-Unfall, aber auf jeden Fall ein Massenereignis.
Susanne Köhler
