Klostermedizin - Blutegel neu entdeckt

Schon im 6. Jahrhundert legte Benedikt von Nursia, Begründer der Benediktinerregel, in seiner Ordensregel fest, dass die Sorge um den Körper ebenso wichtig sei, wie die Sorge um die Seele. Seit dieser Zeit wurde in Klöstern medizinisches Wissen erarbeitet und angewendet. Berühmt wurden die Klostergärten mit ihren Heilkräutern und Küchenkräutern, die sich in den üppigen Bauerngärten fortsetzten.
Was Ordensbrüder und -schwestern bereits vor Jahrhunderten wussten, kann inzwischen wissenschaftlich überprüft werden. Die spezifischen Heilkräfte vieler Pflanzen sind hinreichend dokumentiert und nachgewiesen. Die natürliche Wirkung von Fenchel gegen Blähungen zum Beispiel wird schon lange in Tees und Tabletten umgesetzt. Ein anderes gutes Beispiel ist der Bockshornklee. Schon die Klosterheilkunde empfahl Bockshornkleesamen zur äußerlichen Anwendung bei Haarproblemen wie zum Beispiel Haarausfall. Das Besondere an den Wirkstoffen dieser Pflanze: Sie können die Haarwurzeln regenerieren und haben keinerlei Nebenwirkungen. Verantwortlich dafür ist unter anderem das Alkaloid Trigonellin aus dem Bockshornkleesamen, das zu einer Erweiterung der Blutgefäße führen kann. Dadurch fördert es die Versorgung der Haarfollikel mit Nähr- und Aufbaustoffen. Meistens kommt es zu einer Verlängerung, Verdickung und verstärkten Pigmentierung des neuen Haares.

Renaissance der Klostermedizin

Der Einfluss der Naturheilkunde, die sich nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Kosmetik und im Wellness-Bereich immer stärker durchsetzt, ist auch Grund dafür, dass die Klostermedizin derzeit eine Renaissance erfährt. Alte Medizinische Schriften und Dokumente aus Klöstern sind für Medizinhistoriker und Pharmazeuten wahre Fundgruben, die erst jetzt wieder entdeckt werden. Weil die aufkommenden Universitäten die medizinische Versorgung der Bevölkerung nach und nach übernahm, gingen viele Klosterschriften verloren. Was heute noch entdeckt wird, wird eingehend untersucht und analysiert. Vor allem die Identifizierung der alten Kräuter und ihrer modernen Entsprechung ist eine Herausforderung. Sind die Kräuter bekannt, können sie auf ihre pharmazeutischen Inhaltsstoffe und Wirkungsweisen untersucht werden. Daraus resultiert zum Beispiel auch die Entdeckung des Johannisbeerkernöls als Juckreizstiller bei Neurodermitis. Der hohe Anteil an Linolsäure darin sorgt für Linderung.

Behandlung mit Blutegeln

Auch die Therapie mit Blutegeln hat wieder Einzug in die Medizin gehalten. Was wie eine Behandlung aus dem tiefsten Mittelalter anmutet, ist ein Behandlungsverfahren, das vor allem in der plastischen Chirurgie eingesetzt wird. Nach der Replantation von Gliedmassen oder Hautlappen wird zwar die arterielle Versorgung mikrochirurgisch wiederhergestellt, d.h. die Blutgefäße werden zusammengenäht. Der Abfluss des venösen Blutes dagegen bereitet Schwierigkeiten. Es dauert gut eine Woche, bis die Kapillaren wieder von alleine nachsprießen. In dieser Zeit kann es infolge von Blutstauungen zu einer ungenügenden Blutversorgung der Kapillargefässe kommen, wodurch eine Gewebsnekrose eintreten kann. Durch den Einsatz des medizinischen Blutegels Hirudo medicinalis kann die venöse Stauung abgesaugt und das umliegende Gewebe gerettet werden. Der Blutegel "beißt" sich an der Wunde fest und saugt Blut.

Wirkung der Behandlung mit Blutegeln

Die Wirkung der Blutegelbehandlung beruht in der Hauptsache auf zwei entscheidenden Faktoren: Er sondert einen Stoff ab (Hirudin), der gerinnungshemmend wirkt und dem Lymphstrom beschleunigt. Das Absaugen des Blutes ist reinigend und entgiftend, entzündungshemmend und krampflösend. Ein feiner stechender Schmerz und rhythmische Saugbewegungen zeigen an, dass der Biss stattgefunden hat und der eigentliche Saugakt beginnt. Die Saugzeit beträgt durchschnittlich je nach Größe des Blutegels, seinem Hungerzustand und der Durchblutung der Saugstelle 15 bis 30 Minuten und kann bis zu 3 Stunden dauern. Wenn sich der Egel voll gesaugt hat, löst er sich von selbst ab.

Züchtung von Blutegeln

Die Zahl der anzusetzenden Blutegel richtet sich nach dem Alter des Patienten, dessen Ernährungszustand und dem Krankheitsbild sowie der Häufigkeit der beabsichtigten Anwendung und der Größe der Blutegel. Bei Kindern darf pro Lebensjahr höchstens 1 Blutegel angesetzt werden. Medizinische Blutegel, die in der Unfallchirurgie oder der Plastischen Chirurgie eingesetzt werden, stammen aus Züchtungen. In der freien Natur kommen Blutegel nur in äußerst sauberen Gewässern vor - und die sind selten geworden. Wie jedes andere medizinische Instrument dürfen sie nur einmalig verwendet werden und müssen nach ihrem Einsatz durch Einlegen in 70% Alkohol abgetötet werden. Während der Einsatz von Blutegeln ein beliebtes Therapiemittel im Mittelalter war, nahm die Blutegeltherapie im 19.Jahrhundert derart überhand, dass von "Vampirismus" die Rede war. Offzielle Verbote und drastische Strafen bis zum Ende des ersten Weltkrieges sorgten dafür, dass die heilende Wirkung von Blutegeln fast in Vergessenheit geriet. Heute werden sie nicht nur von Chirurgen, sondern auch in der Naturheilpraxis eingesetzt.