Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen

Deutsche Kinder werden immer kränker. Die Rede ist hier nicht von den klassischen Kinderinfektionen wie Masern oder Windpocken, sondern von komplexen Erkrankungen, die Körper, Seele und soziale Beziehungen gleichermaßen beeinträchtigen.
Mittlerweile leidet jedes fünfte Kind in Deutschland an Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, dazu kommen jährlich 350 erfasste Selbstmorde junger Menschen unter 20 Jahren. Die tatsächliche Zahl liegt weit höher, vermuten Experten. Auch die Zahl der verhaltensgestörten, aggressiven oder depressiven Kinder in den deutschen Grundschulen ist auf fast zehn Prozent der Schüler angestiegen, und bereits im Kindergartenalter zeigen sich immer häufiger seelische Belastungen.

Armut als Faktor

Mittlerweile diagnostizieren immer mehr Kinderärzte Kinder im Säuglingsalter mit gestörter Eltern-Kind-Beziehung, die sich unter anderem in exzessiven Schreien, Schlafproblemen und gestörtem Essverhalten ausdrückt. Später kommen Bewegungsmangel, Störungen in der Sprachentwicklung und psychosoziale Auffälligkeiten hinzu.
Experten sehen hier einen Zusammenhang mit der steigenden Armut bei Kindern. Nach der jüngsten Studie des Kinderhilfswerks lebten Ende 2002 rund 1,1 Millionen Minderjährige in Deutschland von der Sozialhilfe. Das sind rund 37 Prozent aller Empfänger der Sozialhilfe. Kinder bis drei Jahre sind inzwischen die größte Gruppe, die Sozialhilfe beziehen - jedes Zehnte von ihnen lebt von der "Stütze".
Das Risiko, in die Armut abzurutschen, ist dem Bericht nach für Minderjährige doppelt so hoch wie für Erwachsene - Tendenz steigend. Hier liegt eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderung der nächsten Jahre, an die sich unter anderem Erfolge bei internationalen Vergleichsstudien a la PISA ebenso nahtlos anschließen wie Aspekte des sozialen Friedens und der inneren Ruhe im Land.

Kinder- und Jugendpsychiatrie als Hilfe

Während die Gewährleistung der seelischen Gesundheit von Kindern zunächst in den Händen der Eltern und Erziehungsberechtigten liegt, gibt es einen steigenden Bedarf für professionelle Hilfe und Unterstützung. In Deutschland ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ein noch relativ junges Fachgebiet, das sich als Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche in psychischen Krisen versteht.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie umfasst die Erkennung, nichtoperative Behandlung, Prävention und Rehabilitation bei psychischen, psychosomatischen, entwicklungsbedingten und neurologischen Erkrankungen oder Störungen sowie bei psychischen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter.

Wie bei den Großen

Diese Auffälligkeiten sind bei Kindern ebenso vielfältig wie bei Erwachsenen:

  • Manche Kinder sind so unruhig, dass sie sich nur selten auf ihre Aufgaben konzentrieren können
  • Andere sind so aggressiv, dass sie völlig ausgegrenzt werden
  • Viele haben enorme Schwierigkeiten in der Schule und lehnen den Schulbesuch in der Folge häufig komplett ab
  • Tiefe Depressionen, Angststörungen und Selbstmordversuche gehören ebenso in das Spektrum wie Selbstverstümmelung, Bulimie und Magersucht
  • Drogen und Aggressionen gegen Andere zeugen von den zunehmenden Orientierungsschwierigkeiten und der dringenden Suche nach Hilfe.

Hilfe suchen – Unterstützung finden

Diese Krisen bringen viel Kummer und Leid für die betroffenen Kinder und ihre Familien. Mittlerweile gibt es ein dichtes Netz an Hilfsangeboten bei niedergelassenen Ärzten/innen, Beratungsstellen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die Betroffene und ihre Angehörigen in Anspruch nehmen können.
Eltern, die Hilfe für sich und ihre Kinder suchen, können zum Beispiel zunächst ihren Kinderarzt kontaktieren, der sie an einen Jugendpsychotherapeuten oder –psychiater verweisen wird. Andere Anlaufstellen bieten die Beratungsangebote der Städte und Gemeinden, die unter anderem auch mit einem schulpsychologischen Dienst bei Schulproblemen helfen können.

Wie kann eine Behandlung aussehen?

Viele Therapie-Einrichtungen verfügen auch über eine eigene ambulante Sprechstunde, in der je nach Wünschen und Bedürfnissen Diagnostik, Beratung und Therapie durchgeführt werden. Manchmal ist aber auch eine stationäre Aufnahme notwendig oder sinnvoll.
Zu diesem Ergebnis sollten alle Beteiligten, also Kind, Jugendlicher, Eltern oder Erziehungsberechtigte und Therapeuten, während der Behandlung kommen. Nur so besteht eine Chance auf einen Behandlungserfolg. Die entsprechende Klinik stellt sich dann mit ihren pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen tatsächlich als "Erfahrungsraum" zur Verfügung, in dem Kinder und Jugendliche während der Behandlungszeit mit neuem Verhalten kontrolliert experimentieren können.
Ein solcher stationärer Aufenthalt kann in einer Tagesklinik durchgeführt werden. Die Kinder werden dann morgens zur Behandlung gebracht und abends wieder nach Hause geholt. Sie bleiben also in ihrem Umfeld eingebunden.
In manchen Fällen ist das nicht möglich. Dann bleiben die Kinder und Jugendlichen über Nacht in der Klinik, werden dann aber nach Möglichkeit am Wochenende "nach Hause" beurlaubt. Das Wochenende dient als "Testphase", in der der veränderte Umgang miteinander probeweise praktiziert wird.
Damit die Behandlung Erfolg haben kann, wird die zuständige Therapeutin einen Behandlungsplan ausarbeiten, der auch die unmittelbare Familie bzw. die entsprechenden Bezugspersonen berücksichtigt und einbindet. Dieser Plan beinhaltet unter anderem Gespräche, Übungen zur Verhaltensänderung, eventuell auch eine medikamentöse Behandlung.
Alle am Therapieprozess beteiligten - Krankenschwestern und -pfleger sowie Erzieherinnen und Erzieher - werden versuchen, ein therapeutisches Milieu zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche günstige Voraussetzungen für ein emotionales und intellektuelles Wachstum finden können.

Ein großes Hilfsangebot

Dazu kommen Sozialarbeiter, die Eltern und Jugendliche bei rechtlichen und organisatorischen Fragen beraten. Miteingebunden in das Behandlungskonzept werden je nach Bedarf Erzieher, Logopäden, Musiktherapeuten, Physiotherapeuten und Lehrer.
In vielen Einrichtungen gehen die Kinder und Jugendlichen während ihres Aufenthaltes in die Schule oder werden durch beschäftigungs- und arbeitstherapeutische Maßnahmen auf das Berufsleben vorbereitet.
Susanne Köhler