Seelische Gesundheit - Was bedeutet das?

Mit einem Experiment wollte der amerikanische Arzt Duncan MacDougall aus Massachusetts im Jahr 1907 beweisen, dass die menschliche Seele eine materielle Substanz hat, die im Augenblick des Todes den Körper gen Himmel, Hölle oder Fegefeuer verlässt.

 

    Das Experiment

    Für seinen Versuch stellte er ein Bett auf vier Waagen, suchte sich sechs Patienten, die an einer schweren Krankheit im Endstadium litten, und maß dann das Gewicht vor und nach dem Ableben der Probanden. Bei einem der Sterbenden stellte er tatsächlich einen Gewichtsverlust von einer Dreiviertelunze im Moment des Todes fest - besser bekannt als die berühmt-berüchtigten 21 Gramm, die danach angeblich das Gewicht der Seele ausmachen sollen.

    MacDougall’s Experiment und seine Ansichten gelten heute als reichlich makabre Spinnereien - das materielle Gewicht der Seele spielt heute ebenso wenig eine Rolle wie die genaue Lokalisation ihrer Lage. Ob Bauch, Herz oder Brustraum: alle Kulturen haben Vorstellungen von der Seele und können ihre Wirkung beschreiben. Freude, Angst, Nachdenklichkeit, Trauer und viele andere Gemütsbewegungen lassen sich zwar nicht fassen, messen oder mit wissenschaftlichen Methoden greifen. Aber sichtbar und beschreibbar sind seelische Bewegungen in Form von Gefühlen, Körpersprache und zwischenmenschlicher Kommunikation auf jeden Fall.

    21 Gramm und oft viel mehr

    Auch wenn sich das exakte Gewicht der Seele nicht bestimmen lässt, passt das Bild gut. Denn fast alle Menschen - unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität und sozialem Status - wissen, dass ihnen die Seele oft sehr schwer wird. An Depressionen zum Beispiel sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO etwas 340 Millionen Menschen erkrankt, von denen jährlich rund 1 Millionen Menschen Selbstmord begehen. Damit fordert diese Krankheit mehr Tote als die Tuberkulose. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Chance eines jeden Menschen, an Depression zu erkranken, zwischen 10 und 20 Prozent. Kein Wunder, dass Depression von der WHO als eine weltumspannende Seuche von großer Bedeutung angesehen wird, um nur einen Indikator für die psychische Belastung zu nennen.

    Depression ist eine Krankheit der Moderne, ausgelöst durch Stress. Nach dem "America´s Diagnostic and Statistical Manual", gibt es mindestens 39 Varianten allein dieser Krankheit. Eine davon, die unipolare Depression, wird der Menschheit im Jahr 2020 nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Durchschnitt die meisten Krankheitsjahre verursachen, schätzt Christopher Murray, der Chef-Epidemiologe der WHO in Genf.

    Was braucht die Seele, um gesund zu bleiben ?

    Depression ist nur eine der vielen seelischen Erkrankungen - und nicht jeder, der einen schlechten Tag hat, muss gleich wegen Depressionen behandelt werden. Ärger, Stress, Irritationen, schlechte Laune - dass alles sind ganz normale Empfindungen, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens erfährt. Über das seelische Wohlbefinden entscheidet die Art und Weise, wie ein Mensch mit seinen Empfindungen für sich und mit seiner Umwelt umgeht. Stress als Ausdruck körperlicher und mentaler Überforderung durch die Anspannung in Beruf und Freizeit gehört zum Beispiel zu den Faktoren, die heute bei den meisten Menschen zu Depressionen und anderen Erkrankungen führen.

    Wichtig ist dabei, wie der Betreffende mit seinem Stress umgeht – ob er die Stressfaktoren zum Beispiel minimieren kann oder dafür sorgt, dass sie ihn weniger belasten.

    Neue Erkenntnisse unterstützen die Behandlung

    Die moderne Medizin hat dafür gesorgt, dass man heute bei vielen seelischen Erkrankungen chemische Prozesse, wie zum Beispiel bestimmte Stoffwechselvorgänge beim Informationsaustausch zwischen Zellen im Gehirn, als Störungsursache für seelische Erkrankungen erkennen konnte. Das gilt unter anderem für Menschen, die manisch-depressiv oder schizophren sind. In vielen Fällen kann diesen Patienten mit Medikamenten (Psychopharmaka) geholfen werden, die von einer Psychotherapie begleitet werden.

    In vielen Fällen ist die Veranlagung dazu vererbt, die Krankheit kommt nur in der Kombination mit anderen Faktoren oder unter Umständen gar nicht zum Ausbruch. Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, das nicht jeder, der in seiner Kindheit und Jugend gequält und missbraucht wurde, selbst zum Missbrauchs-Täter wird - der Mensch kann seine eigenen Schutzmechanismen entwickeln, um sich vor seelischen Schäden zu schützen.

    Das innere Gleichgewicht als Ruhepol

    Seelische Gesundheit entspringt der Harmonie vieler Faktoren. Störungen in der Balance können zu ernsthaften psychischen und körperlichen Erkrankungen führen. Deshalb betont die Weltgesundheitsorganisation (WHO) "Keine Gesundheit ohne Psychische Gesundheit!" Sie ist Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung von Kindern und ein erfülltes Leben im Erwachsenenalter. In unserer schnelllebigen und anforderungsreichen Zeit ist ein ausgewogenes Verhältnis von Anspannung und Entspannung, von Anforderungen und Freiräumen, von Arbeit und Freizeit eine wichtige Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden und Gesundheit:

    • unsere körperliche Gesundheit und physische Existenz ("Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen")
    • Partnerschaft und Familie für Liebe und Geborgenheit
    • Beruf und Arbeit
    • unser persönliches Netzwerk aus Freunde, Freizeit und sozialen Kontakten

     

    Aus diesen Bereichen schöpfen wir Kraft und Energie. Sie bedingen sich gegenseitig und stehen im Gleichgewicht. Der Verlust dieses Gleichgewichtes ist eine fast alltägliche Erfahrung - die Balance zwischen Familie und Beruf, das Miteinander von Freizeit und Arbeit unterliegt einem ständigen Abgleich. Auseinandersetzungen, Streit, Krankheit oder schwere Verluste gehören die unterschiedlichen Lebensphasen jedes Menschen. Doch wenn sich die Balance gar nicht mehr einstellen will, gerät unser Seelenleben in Schieflage. Das hat auch Konsequenzen für unsere körperliche Gesundheit. Dafür gibt es viele Beispiele: Seelisches Ungleichgewicht beeinflusst das Immunsystem, Essstörungen wie Bulimie oder Fresssucht können lebensgefährliche Konsequenzen haben. Für fast alle seelischen Erkrankungen gibt es inzwischen Therapiemöglichkeiten - aber die Krankheiten müssen erkannt und behandelt werden. Dazu gehören unter anderem:

    • manisch-depressive Erkrankungen,
    • Schizophrenie,
    • Angststörungen,
    • Panikattacken,
    • Zwangsstörungen,
    • Depressionen,
    • Psychosomatische Störungen und
    • Persönlichkeitsstörungen wie Borderline-Fälle oder ausgeprägte Selbstunsicherheit.

    Für alle Befindens- und Beziehungsstörungen gilt, dass zusammengehörige Symptome gebündelt und benannt werden. So entstand die "International Classification of Diseases" ICD, die jetzt in der 10. Fassung vorliegt (ICD-10) und in vielen Ländern die Grundlage für die Indikationsstellung und damit auch die Basis der Kostenübernahme durch die Krankenkassen stellt. Die ICD-10 orientiert sich hauptsächlich an Symptomen wie sie die Theorien der Tiefenpsychologie und der Verhaltenstherapie erklären.

     

    Kranke Seele - Großer Wirtschaftlicher Schaden

    Die individuellen und persönlichen Leiden und Beeinträchtigungen, die jeder Betroffene erleidet, haben noch eine andere, gesamtgesellschaftliche Seite. Depression, so schreibt die WHO in ihrem Jahresbericht 2001, beeinträchtigt das Leben eben so wie Blindheit oder Querschnittslähmung. Depressive Menschen haben darüber hinaus unter anderem ein wesentlich höheres Risiko an Osteoporose oder Krebs zu erkranken.

    Die volkswirtschaftliche Belastung durch seelische Erkrankungen und deren nachteilige Folgen für die weltweite Produktivität sind lange unterschätzt worden. Daten aus der umfassenden Studie der Weltgesundheitsorganisation, der Weltbank und der Universität Harvard über die globale Krankheitsbelastung zeigen, dass psychische Erkrankungen, einschließlich Selbstmord, an zweiter Stelle der Krankheitsbelastungen stehen. Die Kosten, die durch depressive Erkrankungen pro Jahr allein in Deutschland entstehen, werden auf rund 17 Milliarden Euro beziffert. Paradoxerweise führt aber erst die Fokussierung auf die Kosten in den letzten Jahren dazu, dass seelische Erkrankungen als Erkrankungen ernst genommen werden und die Patienten als behandlungsbedürftig wahr genommen werden.