Die Magie des Konfliktes

Der Konflikt ist das Normalste und Natürlichste der Welt. Konflikte können unendlich viel zerstören, aber auch "produktiv" im besten Sinne sein.
Ein kurzer Krieg macht bessere Schlagzeilen als ein langer Frieden. Zeitungen leben davon, aber auch Fernsehnachrichten und Sondersendungen.

Konflikt – ein Unwort?

Betrachtet man einige Meter Literatur zum Thema, dann springt das zu Vermeidende ins Auge: "Konfliktfrei führen", "Wie man Konflikte löst" und "Konflikte positiv bewältigen" heißt es da. "Konflikt" scheint ein Unwort zu sein, etwas, das man als negativ erlebt, dem man gerne aus dem Weg geht.
Dafür gibt es nicht zuletzt historische Gründe. In unserer Gesellschaft wurzelt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Konkurrenzmechanismen einer liberalen Gesellschaft. "Gemeinschaft-Harmonie-Geschlossenheit" heißen die ebenso illusionären wie beharrlich beschworenen Ideale.

Konflikte sind völlig normal!

Dabei ist Konflikt das Normalste und Natürlichste der Welt: weil jeder Mensch nun mal ein Unikat ist, weil er anders ist, andere Erfahrungen gemacht hat, auf andere Weise erfolgreich geworden ist, andere Erwartungen hat, andere Interessen hat. Es ist der Skandal des "Anderssein" das uns den Umgang mit Konflikten erschwert. Konflikte spielen also im Alltag von Menschen eine wichtige Rolle.
In vielen Beziehungen und Firmen zerstört ein defizitärer Umgang mit Dissens und dem "Anderssein des Anderen" unendlich viel Motivation. Denn nur oberflächlich kämpft man mit weichen Bandagen, dafür mit umso härteren unter dem Tisch. Aber jede Konfliktlösung, die einen Verlierer produziert, funktioniert nicht. Man wird nachher mit den Problemen der Problemlösung schwer beschäftigt sein.

Fallstricke der Konfliktlösung

Was können nun aber Stolpersteine und Fallstricke sein, wenn es gilt, mit einem Konflikt konstruktiv umzugehen:

  • Harmoniesucht. Der Hang zur Harmonie, Konformismus und übersteigertes Sicherheitsdenken lassen Konflikte unterschwellig weitertreuen.
  • Die Schweigespirale. Man schweigt, weil man den "lieben Frieden" nicht stören will, der Meinungstrend in eine andere Richtung geht oder eine so genannte Autoritätsperson an seinem Durchsetzungswillen keinen Zweifel lässt.
  • Eine verquere Fürsorglichkeit. Man will den anderen schonen. Jemanden anderen schonen heißt aber jemanden entmündigen. Man stellt sich über ihn, wertet ihn ab, erklärt ihn implizit zum Pflegefall.
  • Tabus. Sie erschweren nicht nur, sie verunmöglichen jeden Lösungsweg. Wenn es ein Tabu gibt, dann ist genau das Tabu das Problem.
  • Pseudosolidarität und Lagerdenken. Wir die Guten, die anderen die Bösen. Untereinander tun wir uns nicht weh, aber auf die anderen hauen wir drauf. Freundlich natürlich.
  • Vorschnelle Kausalitätsvermutung. "Wer hat Schuld?" und "Wer hat angefangen?" – diese beiden Fragen führen mit mechanischer Sicherheit ins Drama.
  • Die "einzig mögliche Lösung". Vorschnelle Lösungsfixierung führt dazu, dass nicht ergebnisoffen miteinander gesprochen wird, sondern hochselektiv alles ausgeblendet wird, was nicht der „einzig möglichen Lösung" entspricht. Das ist der Auftakt für den neuen Konflikt.

Konflikte als Chancen nutzen

Jede Veränderung eines Status Quo, jede Verhandlung ist zunächst einmal konfliktträchtig. Umgekehrt heißt dies: Konfliktfreiheit ist zum Beispiel in Beziehungen, unter Geschwistern, in gemischten Teams wirklichkeitsfremd.
Je größer aber die unterschiedliche Position der Beteiligten ist, desto mehr wird auch die Konfliktkompetenz zur wichtigen Fähigkeit. Denn Konflikte - sofern konstruktiv damit umgegangen wird - binden nicht nur eine Menge Energie, sie sind auch produktiv im besten Sinne. Sie verweisen auf unterschiedliche Erwartungen, Sichtweisen und Möglichkeiten. Und sie erhöhen die Komplexität, das heißt die Weitsichtigkeit und Vielschichtigkeit eines Menschen oder eines Teams und bieten so die Chance, Probleme zu lösen, Klärungen zu finden und sich weiter zu entwickeln.