Social Jetlag - wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät

Alle Körperfunktionen unterliegen biologischen Rhythmen und verändern sich im Laufe des Tages und der Nacht. Im Interview erläutert Professor Dr. Till Roenneberg, Leiter des Zentrums für Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München, inwiefern sich biologische Rhythmen auf den Alltag auswirken, welche unterschiedlichen "Chronotypen“ es gibt und welche Probleme bei fehlender Synchronisierung von innerer und äußerer Uhr entstehen können.

Was verstehen Wissenschaftler unter der inneren Uhr und was ist ihre Aufgabe?

Prof. Roenneberg: Damit die biologischen Abläufe im Zeitraum Tag optimal organisiert werden können, haben alle Lebewesen im Laufe der Evolution eine innere Uhr entwickelt, die auch dann weiter tickt, wenn der Organismus keinerlei zeitliche Informationen von der Außenwelt, beispielsweise über eine Uhr, aber auch durch Licht erhält. Unter konstanten Versuchsbedingungen weicht die innere Tageslänge dieser biologischen Uhr allerdings leicht von 24 Stunden ab. Die innere Tagesuhr produziert daher so genannte circadiane Rhythmen, mit einer Zyklusdauer von ungefähr einem Tag. Die innere Uhr und nicht die äußere ist die Referenz-Zeit für alle inneren Abläufe, die dann gestört werden, wenn die innere Uhr nicht richtig tickt oder nicht optimal an die Außenzeit synchronisiert ist.

Wo sitzt die innere Uhr?

Prof. Roenneberg: Praktisch jede Zelle kann mit molekularen Vorgängen einen circadianen Rhythmus produzieren, allerdings gibt es bei Menschen und Tieren immer auch ein Uhren-Zentrum, so etwas wie einen inneren Big Ben. Beim Menschen und Säugetieren liegt dieses Zentrum im Gehirn über der Kreuzung der Sehnerven, einige Zentimeter hinter dem Nasenrücken.

Wie wird die innere Uhr gestellt?

Prof. Roenneberg: Da die Tageslänge der inneren Uhr – auf sich alleine gestellt –leicht von 24 Stunden abweicht, muss sie täglich auf die 24-Stunden-Drehung der Erde gestellt werden. Dies geschieht vor allem durch Licht, beziehungsweise durch den Wechsel von Tag und Nacht. Signale, die innere Uhren stellen können, nennt die Wissenschaft Zeitgeber. Beim Menschen und anderen Säugetieren erhält die innere Uhr die notwendigen Licht-Informationen ausschließlich über die Augen, die diese über den Sehnerv an das Uhrenzentrum weiterleiten.
Dass Licht der mit Abstand stärkste Zeitgeber ist, kann man auch daran erkennen, dass die innere Uhr mancher blinder Menschen nicht synchronisiert werden kann, selbst wenn sie sehr regelmäßig ganz normale Arbeitszeiten einhalten. Die innere Uhr dieser Menschen läuft dann frei, mit einem ungefähren 25 Stunden-Rhythmus, so dass ihre Innenzeit jeden Tag um etwa eine Stunde später dran ist als die soziale Uhr. Nach zwölf Tagen sind diese Menschen daher Nachtarbeiter und wiederum zwölf Tage später können sie erneut im Einklang mit den sozialen Zeiten leben. Andere Faktoren, wie Aktivität oder Nahrungsaufnahme, können die innere Uhr auch leicht beeinflussen, jedoch bei weitem nicht mit der gleichen Effizienz wie dies das Licht vermag.

 
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