Telematik und Telemedizin: gelungene Symbiose von Informatik und Medizin
Die Bundesregierung hat die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte als festen Bestandteil der Gesundheitsreform 2003 beschlossen. Ab 1.1. 2006 sollen Diagnosen, Befunde, Bilder und Rezepte von Arzt zu Arzt, zum Apotheker, zu Krankenkassen und Versicherungen und zum Patienten elektronisch ausgetauscht werden können. Die technische Grundlage dieses Vorhabens ist die Telematik. Mit diesem Begriff wird die gemeinsame oder getrennte Anwendung von Telekommunikationstechnologie und Informatik in der Medizin beschrieben.
Mit der elektronischen Gesundheitskarte können Rationalisierungspotenziale und Effizienzreserven gehoben werden, wie der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Klaus Theo Schröder, betonte. So gibt es zum Beispiel rund 750 Millionen Rezepte, die von der Arztpraxis bis zur Apotheke und den Rechenzentren fünf Mal die Hand wechseln. Das Einsparungspotential wird mit 1,3 Milliarden Euro beziffert.
Doch bevor die über 80 Mill. Patienten mit den 270.000 Ärzten, 77.000 Zahnärzten, den mehr als 2000 Krankenhäusern, 22.000 Apotheken und über 300 Krankenkassen - und diese wieder untereinander - elektronisch kommunizieren können, müssen viele Voraussetzungen geschaffen werden.
Erster Schritt: eine Telematik-Infrastruktur schaffen
Denn zunächst einmal muss eine Telematik-Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen geschaffen werden. Zwar sind Computer als Arbeitsmittel in den meisten Praxen und Krankenhäusern vorhanden, und auch Datenleitungen existieren. Aber viele der EDV-Systeme sind nicht miteinander kompatibel. Die Bundesregierung hat nun das Projekt "Telematik/Gesundheitskarte" an ein Konsortium vergeben, dass unter dem Projektnamen "BIT4Health - Bessere IT für bessere Gesundheit" für die notwendige Rahmenarchitektur und Sicherheitsinfrastruktur sorgen soll.
Telemedizin
Für Laien weitaus eingängiger sind die Anwendungen der Telemedizin. Auch hier spielen Medizin, moderne Kommunikationstechnologie und Informatik zusammen. Allerdings wird unter dem Begriff "Telemedizin"ein breites Spektrum von ärztlichen Tätigkeiten im Bereich der Patientenversorgung zusammengefasst. Der wesentliche Aspekt ist hierbei, dass die räumliche Entfernung zwischen Arzt und Patient durch den Einsatz der Telematik überbrückt wird. Mittlerweile gibt es eine Reihe von telemedizinischen Anwendungen, die überwiegend in Pilotprojekten in der gesamten Bundesrepublik erprobt werden. Dazu gehören unter anderem:
EKG von zuhause aus: Das EKG wird über das Telefon geschickt. Was wie eine Szene aus einem Sciene-Fiction-Film aussieht, kann heute bereits praktiziert werden. Beispiel Philips: In Zusammenarbeit mit den Philips Telemedizin-Zentrum erstellt der behandelnde Arzt ein erstes EKG, das zusammen mit anderen Daten als Referenz dient. Der Patient erhält dann ein kleines Gerät, mit dem er im Bedarfsfall telefonisch ein aktuelles EKG an das Telemedizin-Notfallcenter überm ittelt. Das Notfallcenter ist mit Fachpersonal und Ärzten besetzt, die aufgrund des aktuellen EKGs gezielte Anweisungen geben. Wird ein akuter Notfall erkannt, wird sofort der Notarzt verständigt.
Elektronische Patientenakte im Westentaschenformat: Im Saarland arbeiten Wissenschaftler daran, Ärzte im Krankenhaus über einen PC im Westentaschenformat Zugriff auf Patientendaten zu ermöglichen. Bislang ist diese elektronische Patientenakte in modernen Krankenhausinformationssystemen nur auf PCs und auf Laptops installiert. Ziel ist die Entwicklung einer Benutzeroberfläche für Kleinstgeräte, die genauso benutzerfreundlich ist wie die elektronische Patientenakte auf herkömmlichen Computern. Dann können Patientendaten schneller abgefragt und Informationen vom behandelten Arzt direkt eingegeben werden.
Die Erfahrung des Krankenhausalltags zeigt, dass viele Prozesse und Daten direkt am Krankenbett, in der Ambulanz, in der Notfallsituation oder bei administrativen Tätigkeiten bearbeitet werden müssen. Daher ist es sinnvoll, jedem Arzt ein handliches und immer verfügbares Equipment zur Verfügung zu stellen. Damit kann vor allem viel Zeit eingespart werden.
Telescreening in der Augenheilkunde: In Bayern wurden sieben niedergelassene Augenärzte mit diabetologischen und ophthalmologischen Kompetenzzentren vernetzt. Zeitgleich können nun mehrere Ärzte über Telekonsultation einen Fall mit dem konsultierten Arzt begutachten. Außerdem können durch die Abfrage einer zweiten Meinung Diagnose und Behandlung abgesichert werden. Patienten und Ärzte bewerten die Vorgehensweise speziell bei der prä- und postoperativen Versorgung als sehr effizient.
Speziell für die Behandlung der diabetischen Augenerkrankungen wurde eine eigene Telekonsultationsanwendung entwickelt. Über das so genannte "Telescreening" holen Ärzte Expertenbeurteilungen und Behandlungsempfehlungen in Europa online ein, denen sie, ebenfalls online, Augenhintergrundaufnahmen zusammen mit anonymisierten Patientendaten übermitteln.
Telemedizinprojekt Kinderherzzentrum: Niedergelassene Kinderkardiologen und Kinderkliniken mit und ohne kinderkardiologische Abteilungen sind in das Telemedizinprojekt Kinderherzzentrum Gießen eingebunden. Auch dort stehen Datenaustausch, Übermittlung digitaler Bilder und vor allem die vereinfachte Zusammenarbeit der Kardiologen untereinander im Vordergrund.
Der TELEMED-Atlas: Der TELEMED-Atlas ist eine bundesweite interaktive Datenbank für Projekte der Telemedizin. Er ist eine Sammlung und Auswertung sowohl bereits bestehender, als auch geplanter gesundheitstelematischer Projekte in der Bundesrepublik Deutschland. Die Datenbank stellt den Stand des bisherigen Einsatzes der Telematik hinsichtlich des gesamten Versorgungsansatzes dar.
