Kassen: Jedes dritte neue Medikament ohne Zusatznutzen für Patienten

DAK-Chef beklagt erneut "Mondpreise" für neue Arzneien

Rund jedes dritte neue Medikament hat nach Angaben der gesetzlichen Kassen keinen zusätzlichen Nutzen für die Patienten. Von knapp 130 überprüften Präparaten hatten nur 44 einen klar nachweisbaren Zusatznutzen, wie der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) am Mittwoch in Berlin mitteilte. 41 der Mittel brachten laut der Studie keinerlei Vorteile gegenüber bekannten Therapien.

Der Rest bedeutete nur für einen Teil der Patienten zusätzlichen Nutzen. Die Zeitungen der Funke-Mediengruppe hatten zuerst darüber berichtet. Ein Großteil der neuen Medikamente, die in den vergangenen Jahren auf den Markt kamen, ist für die Behandlung von Krebserkrankungen, Infektionserkrankungen wie Hepatitis oder für Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes gedacht.

Aufgrund einer im Jahr 2011 in Kraft getretenen Gesetzesregelung können die Pharmahersteller den Preis nicht mehr allein bestimmen, sondern dieser muss auf Grundlage der Nutzenbewertung mit den Kassen verhandelt werden. Die Arzneimittelreform sollte helfen, die Ausgaben für Medikamente zu begrenzen. Finanziell blieb die Reform unter den Erwartungen. In den vergangenen fünf Jahren führte die Nutzenbewertung zu Einsparungen von rund zweieinhalb Milliarden Euro. Ursprünglich sollten jedes Jahr zwei Milliarden Euro eingespart werden.

Gleichwohl seien die Nutzenbewertung und die Preisverhandlungen hilfreich, um "die Spreu vom Weizen zu trennen", sagte der Vizechef des Spitzenverbands der Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg, den Funke-Zeitungen. Künftig sollten niedergelassene Ärzte schnell und detailliert Informationen über den Nutzen neuer Medikamente bekommen. Dies könne alle zwei Wochen über ein Update der Praxissoftware geschehen.

Der Bundesverband der Pharmazeuthischen Industrie (BPI) nannte die GKV-Studie "irreführend und falsch". Bei mehr als 70 Prozent der Patientengruppen, für die der Gemeinsame Bundesausschuss von Kassen, Ärzten und Krankenhäusern keinen Zusatznutzen belegt sehe, sei dies "aus rein formalen Gründen" so entschieden worden, erklärte BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp. Über den therapeutischen Stellenwert des Medikaments für einen einzelnen Patienten sage diese Beurteilung nichts aus.

Die Kassen beklagen seit längerem, dass häufig neuartige Arzneimittel verschrieben würden, obwohl diese gegenüber herkömmlichen Präparaten kaum einen Zusatznutzen hätten. Sie fordern, dass der ausgehandelte Preis für ein neues, innovatives Medikament nicht erst nach einem Jahr, sondern bereits vom ersten Tag der Zulassung an gelten soll.

"Wir zahlen leider manchmal Mondpreise - und das nicht nur bei Krebsmitteln, bei denen sich die Preise nicht immer am Nutzen und Innovationsgrad der Medikamente orientieren", kritisierte der neue Vorstandschef der Krankenkasse DAK-Gesundheit, Andreas Storm, in der "Süddeutschen Zeitung" vom Mittwoch. Storm zufolge können bestimmte Mittel "mehrere zehntausend Euro für die Behandlung eines Patienten kosten".

Auch das geplante Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung ändere  "leider so gut wie nichts". Wenn eine Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro überschritten wird, soll künftig der ausgehandelte niedrigere sogenannte Erstattungsbetrag rückwirkend gelten. Diese geplante Umsatzschwelle hält Storm für viel zu hoch. 2015 wären nur drei Medikamente davon überhaupt betroffen gewesen.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte der Funke-Mediengruppe, die geplanten Neuregelungen wie die Umsatzschwelle, trügen dazu bei, dass die Patienten einerseits schnellen Zugang zu neuen hochwertigen Arzneimitteln bekämen und andererseits "unser Gesundheitswesen nachhaltig finanzierbar bleibt".

© Agence-France-Presse